Baumsterben zu Ende?: Wald im Wandel - »Wir bekommen Regenzeit und Trockenzeit«

Datum23.04.2026 15:13

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Klimawandel verändert Europas Niederschlagsmuster mit trockeneren Sommern und feuchteren Wintern, was zu einer "Regen- und Trockenzeit" führt. Das Baumsterben, insbesondere bei Fichten, hat zu Kahlschlägen geführt, wobei sich der Wald langsam zu Mischwäldern wandelt. Angesichts der zunehmenden Dürre werden Maßnahmen wie Wasserspeicher und eine Reduzierung von Wildbeständen diskutiert. Bäume bleiben die wichtigste Klimaanlage.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Baumsterben zu Ende?“. Lesen Sie jetzt „Wald im Wandel - "Wir bekommen Regenzeit und Trockenzeit"“. Etwa 30 Prozent mehr Sonnenschein im Frühjahr und bis zu 25 Prozent mehr Sonnenschein im Sommer als noch vor 60 Jahren. Was wie ein Sommermärchen für die Menschen in Nordrhein-Westfalen klingt, ist eine der folgenreichen Auswirkungen des rasanten Klimawandels, die Meteorologe Karsten Schwanke bei einer Konferenz zur Waldstrategie des Landes auflistet. Es regne an weniger Tagen, der intensivere Regen fließe schnell ab.  Das Hauptproblem sei die Veränderung der Niederschläge bis zum Ende des Jahrhunderts in Europa, die aus Klimamodellen hervorgehe. Die Wintermonate würden deutlich nasser und die Sommermonate deutlich trockener. "Bei uns fällt der Regen relativ gleichmäßig verteilt über das ganze Jahr, zumindest bisher. Nach diesen Berechnungen dürfte sich das gehörig ändern. Wir bekommen eine Regenzeit und eine Trockenzeit", erklärt Schwanke.  Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) sieht großen Handlungsbedarf zum Schutz des Waldes auch außerhalb des eigentlichen Waldes. "In den 1980er Jahren wurden im Zuge der Waldsterbensdebatte im Zusammenhang mit saurem Regen weitreichende Maßnahmen umgesetzt, darunter die Einführung von Autokatalysatoren und Industriefilteranlagen", sagt sie.  In einer vergleichbaren, wenn nicht sogar größeren Dimension sollte auf die aktuellen Schäden reagiert werden. Weniger Schadstoffe aus der Luft, ein noch wirksamerer Klimaschutz und eine Reduzierung der Wildbestände, um die Entwicklung vielfältiger Mischwälder voranzutreiben, zählt sie auf.  Dürre, Stürme und der Borkenkäfer haben tiefe Spuren hinterlassen. Das große Fichtensterben ist mit kahlen Flächen und grauen Baumskeletten an vielen Orten unübersehbar. Der Anteil der Fichte an der Waldfläche ist binnen zehn Jahren von 29 auf 18 Prozent bis 2022 zurückgegangen. "Wir sind jetzt vielleicht bei 15 Prozent", sagt Ralf Petercord, Referatsleiter des Landwirtschaftsministeriums der dpa. Das große Fichtensterben sei vorbei - im Moment, wie er betont.  Bei der Fichte seien 60 Prozent der Holzmenge verloren gegangen. "Das heißt, 40 Prozent haben wir noch, das ist im Wesentlichen in der Eifel und in den Hochlagen", sagt er mit Verweis auf Sauerland und Siegerland. "Da ist der Borkenkäfer einfach langsamer", schildert er. Mit zunehmender Höhe werde es kühler. Da vermehre sich der Borkenkäfer nicht so schnell wie in tieferen Zonen. "Da haben wir dann als Forstleute eine bessere Chance, ihn aufzuhalten." Seit 2018 sind infolge von Dürre und Borkenkäfer Schadflächen meist in den Fichtenbeständen entstanden, die etwa 15 Prozent der Waldfläche des Landes entsprechen. Gut die Hälfte ist schätzungsweise inzwischen wieder bewaldet. "Auf vielen Flächen ist natürlich auch eine Samenbank im Boden und dadurch kommt natürlich dann auch die Fichte wieder hoch", sagt der Waldbauexperte. So würden einige Freiflächen wieder bedeckt und eine Erosion verhindert.  Nordrhein-Westfalen ist ein Buchenland, gemessen an der vorherrschenden Baumart, die 2022 einen Anteil von 19 Prozent an der Waldfläche hatte. Die Eiche steht auf Platz 2 mit damals 17 Prozent. Mit geschätzten 15 Prozent ist die Fichte aber immer noch eine wichtige Baumart. Beim klimaangepassten Umbau des Waldes setzt das Land NRW auf Mischwald mit verschiedenen Baumarten und Verjüngung, alte und junge Bäume kombiniert. Zudem könnten sich junge Bäume veränderten Umweltbedingungen besser anpassen.  Waldbau-Experte Petercord denkt bei dieser Frage an Gebiete in Nordrhein-Westfalen, die im Regenschatten von Gebirge liegen. Die sogenannte Rheinschiene zum Beispiel. "Da wird es sehr trocken werden, einfach weil wir da die Eifel davor liegen haben", verdeutlicht er. In Ostwestfalen-Lippe könne es durch den Teutoburger Wald möglicherweise weitere Niederschlagsdefizite geben. Für Bäume könne es zu einem großen Problem werden, wenn sie an ihrem Standort deutlich weniger Wasser zur Verfügung hätten als gewohnt.  "Ich bin mir sicher, wir werden auch eine Diskussion bekommen um den Neubau von Talsperre, Speicherseen, kleinere, mittelgroße", sagt Meteorologe Schwanke. Es gelte den Winterregen aufzufangen, um durch bisher nicht gekannte Trockenperioden durchzukommen, Vegetation und Landwirtschaft Wasser zuführen zu können. Ein anderes Beispiel seien Regenrückhaltegruben im Wald, in denen sich Regenwasser ansammelt. In den Städten sorgten Parkanlagen an heißen Tagen für bis zu zehn Grad Temperaturunterschied. "Die wichtigste Klimaanlage unserer Gesellschaft, das sind unsere Bäume." © dpa-infocom, dpa:260423-930-984200/1