Datum23.04.2026 12:51
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer französisch-algerische Schriftsteller Kamel Daoud wurde in Algerien in Abwesenheit zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Grund ist sein Roman "Huris", der den algerischen Bürgerkrieg thematisiert. Daoud wurde nach einer "Charta für Frieden und nationale Versöhnung" verurteilt, welche öffentliche Erwähnung des Krieges unter Strafe stellt. Algerien erließ zudem Haftbefehle gegen ihn.
Inhalt"Huris", ein Roman über eine Frau, die den algerischen Bürgerkrieg überlebt hat, brachte Kamel Daoud den wichtigsten französischen Literaturpreis ein. Nun ist der Schriftsteller in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Der französisch-algerische Autor Kamel Daoud ist in Algerien zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden – wegen seines Buches "Huris", das mit Frankreichs renommiertestem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Der in Frankreich lebende Schriftsteller machte das Urteil am Mittwoch auf X öffentlich . Er teilte außerdem mit, dass er zu einer Geldstrafe von 5 Millionen algerischen Dinar (mehr als 30.000 Euro) verurteilt wurde. Algerische Medien bestätigten das Urteil. "Huris" (auf Deutsch: Jungfrauen) befasst sich mit den Opfern der sogenannten "schwarzen Dekade": Der algerische Bürgerkrieg dauerte von 1992 bis 2002, als das Militär gegen eine islamistische Aufstandsbewegung kämpfte. Er forderte, je nach Einschätzung, zwischen 60.000 und 200.000 Opfer – und doch möchten die Machthaber des Landes, dass ihr Volk den Konflikt einfach totschweigt. Das Buch wurde 2024 mit dem Prix Goncourt, Frankreichs höchster Literaturauszeichnung, geehrt. Daoud zufolge wurde er auf Grundlage der sogenannten Charta für Frieden und nationale Versöhnung verurteilt – einem Gesetzestext, der 2005 per Volksabstimmung angenommen wurde und weitreichende Begnadigungen sowohl für bewaffnete Islamisten als auch für Sicherheitskräfte vorsah. "Der Text stellt jede öffentliche Erwähnung des Bürgerkriegs unter Strafe", sagte Daoud. "Zehn Jahre Krieg, schätzungsweise fast 200.000 Tote, Tausende amnestierte Terroristen … und nur ein Schuldiger: ein Schriftsteller." Daoud betonte, er sei der erste Literat, der auf dieser juristischen Basis verurteilt wurde. Neben dem Verfahren in der algerischen Stadt Oran hat Algerien im Mai 2025 zwei internationale Haftbefehle gegen Daoud ausgestellt. Zudem droht ihm die Aberkennung seiner algerischen Staatsbürgerschaft. Ähnliche Probleme hatte auch der französisch-algerische Schriftsteller Boualem Sansal. Der Autor – dessen Werke den Islam, den Kolonialismus und die zeitgenössische algerische Führung kritisieren – wurde wegen Untergrabung der nationalen Einheit und Beleidigung staatlicher Institutionen verurteilt und nach algerischem Anti-Terror-Recht zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach einem Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde ihm in Algerien eine humanitäre Begnadigung gewährt; nach einjähriger Haft kehrte der alte und kranke Sansal vergangenes Jahr nach Frankreich zurück. Kamel Daoud, 56, erzählt in seinem Buch "Huris" die Geschichte von Aube, einem jungen Mädchen, das einen nächtlichen Terroranschlag auf ihr Dorf Had Chekala im Westen Algeriens wie durch ein Wunder überlebt, obwohl ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Nach der Veröffentlichung des Romans beschuldigte Saâda Arbane, eine algerische Frau, den Schriftsteller, ihre Geschichte "gestohlen" und sie als Grundlage für sein Buch verwendet zu haben. Saâda Arbane war zuvor von Aicha Dahdouh psychologisch behandelt worden: Kamel Daouds Ehefrau war als Psychiaterin am Universitätsklinikum Oran auf Traumata im Zusammenhang mit Gewalt während des Bürgerkriegs spezialisiert. "Kamel Daoud und seine Frau haben mich um Erlaubnis gebeten, meine Geschichte zu verwenden, und ich habe jedes Mal abgelehnt", erklärte sie bei mehreren Auftritten im algerischen Fernsehen und bezeichnete den Roman als "Eingriff in ihre Privatsphäre". Daraufhin bildete sich ein Kollektiv von Anwälten, das sich solidarisch zu Arbanes Verteidigung zusammenschloss und sich dabei auf Bestimmungen der Charta für Frieden und nationale Versöhnung berief. Gegenüber der französischen Zeitung "Le Monde" betonte Daoud allerdings, dass die jetzt bekannt gewordene Verurteilung nur auf eine Klage der nationalen Organisation der Terrorismusopfer zurückgehe – und nicht auf Arbanes Vorwürfe. Mit diesen soll sich parallel auch ein französisches Gericht noch befassen. Der Prozess in Oran sei laut Daoud am 7. April verhandelt worden – in Abwesenheit Daouds. Er habe sich nicht anwaltlich vertreten lassen können und bis heute den Urteilstext nicht erhalten, sagte der Schriftsteller. Das Urteil sei absichtlich erst nach dem Papstbesuch im Land (vom 13. bis zum 15. April) gesprochen worden, glaubt Daoud.