Experten zum gestrandeten Wal: Empathie ist menschlich - aber viel hilft nicht immer viel

Datum23.04.2026 10:18

Quellewww.zeit.de

TLDRExperten warnen vor öffentlichem Druck bei gestrandeten Tieren. Empathie ist menschlich, doch Rettungsversuche können geschwächten Wildtieren schaden und ihren Stress erhöhen. Wissenschaftliche Einschätzungen und das Tierwohl sollten über populistischen Forderungen stehen, auch wenn dies bedeutet, keine Rettungsaktion durchzuführen.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Experten zum gestrandeten Wal“. Lesen Sie jetzt „Empathie ist menschlich - aber viel hilft nicht immer viel“. Eigentlich hatten die Behörden nach einem Gutachten von Experten entschieden, den Buckelwal vor Poel in Ruhe zu lassen. Es gab viel Druck in sozialen Medien, teils angetrieben von populistischen Stimmungsmachern. Schließlich wurde entschieden, einer Privatinitiative Rettungsbemühungen zu genehmigen. Seither gibt es viel Trubel und Lärm um das geschwächte Wildtier und es lässt sich nur erahnen, wie viel Stress und Angst es durchlebt. "Auf den ersten Blick scheint es ein Akt des Mitgefühls zu sein. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine schwierigere Wahrheit", meint eine neuseeländische Professorin für Meeresökologie zu den weiter anhaltenden Versuchen.  "Wie unsere Forschung zeigt, können sich die Folgen für genau die Tiere, die wir schützen wollen, verschlechtern, wenn wissenschaftliche Empfehlungen zugunsten der öffentlichen Meinung außer Acht gelassen werden", schreibt Karen Stockin von der Massey University in Neuseeland im Wissenschaftsmedium "The Conversation". Wahre Fürsorge bedeute im Wildtierschutz manchmal auch die schmerzhafte Entscheidung zur Zurückhaltung, wenn die Wissenschaft keine Hoffnung auf Genesung sieht. "Wer nichts macht, macht auch keine Fehler", hatte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) am Mittwoch zur Verteidigung der Rettungsaktion gesagt. Zuvor hatte der zum Team gehörende Schriftsteller Sergio Bambaren mitgeteilt, der Wal sei bei der Treibaktion am Montag zeitweise in völlige Panik geraten. Nachdem er von selbst losgeschwommen war, hatten sich Menschen bemüht, den zwölf Meter langen Wal von Booten aus in die richtige Richtung zu treiben. Nach rund zwei Stunden strandete das Tier erneut, vermutlich schwer erschöpft. Die Annahme, dass mehr Einsatz ein besseres Ergebnis für das Tier bedeutet, sei falsch, betont Stockin. Wildtiermedizin handele nicht aus Instinkt oder aufgrund des äußeren Eindrucks. "Sie stützt sich auf Wahrscheinlichkeiten, Tierschutzbewertungen und die Erkenntnis, dass ein Eingreifen nicht immer von Vorteil ist." Im Fall des Wals in der Ostsee sei der übereinstimmende Schluss von Experten gewesen, dass der Wal wahrscheinlich nicht überleben und weiteres Eingreifen seinen Zustand wahrscheinlich verschlechtern würde. "Große, charismatische Tiere wie Wale rufen starke emotionale Reaktionen hervor", erklärte Stockin. "Sie sind intelligent, ausdrucksstark und wirken sichtlich hilflos, wenn sie gestrandet sind." Für viele Menschen erscheine es moralisch inakzeptabel, nicht einzugreifen, wobei Untätigkeit oft als Vernachlässigung empfunden werde. Es sei kein Einzelfall, dass die öffentliche Wahrnehmung infolgedessen die fachliche Expertise verdrängt. Dies zeige der Fall des Orca-Kalbs "Toa", das 2021 in Neuseeland strandete. Wissenschaftlicher Konsens sei gewesen, dass seine Überlebenschancen angesichts des Alters, der langen Trennung von seiner Herde und den Herausforderungen der Wiedereingliederung äußerst gering waren. Trotz intensiver Betreuung habe sich das Befinden des Wals immer weiter verschlechtert. "Viele Experten sprachen sich letztendlich für die Euthanasie als die humanste Option aus." Stattdessen wurden die unter Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stehenden Bemühungen immer weiter fortgesetzt, so Stockin. "Toa starb nach wochenlanger Pflege." Die Professorin warnt: "Wenn jede aufsehenerregende Strandung zu einem durch öffentlichen Druck gesteuerten Referendum wird, riskieren wir ein System, in dem Entscheidungen weniger durch das Tierwohl als durch öffentliche Wahrnehmbarkeit geprägt werden." Dies gelte auch für das Tier in Deutschland, bei dem es starke Indikatoren für schlechte Ergebnisse weiterer Bemühungen gebe. Der inzwischen schon fünfmal gestrandete Wal war - nachdem er drei Wochen an einer Stelle gelegen hatte - am Montagmorgen bei steigendem Wasserstand plötzlich losgeschwommen. Von Booten aus war versucht worden, das mehrfach wieder umkehrende Tier Richtung Ostsee zu treiben, bis es in eine flache Zone schwamm und stoppte. Die Wal-Expertin Frances Gulland sagte dem "Spiegel", es sei sehr schwierig, das Verhalten von Walen gezielt zu beeinflussen. "Wir können nicht mit ihnen kommunizieren, wir können sie nicht durch Handauflegen beruhigen." Die Tierärztin mit Spezialisierung auf Meeressäuger war 2007 an Rettungsaktionen für zwei Buckelwale - Mutter und Kalb - im Sacramento River beteiligt. "Wir haben vieles ausprobiert: Walrufe, Alarmtöne, Metallgeräusche, Motoren, sogar Wasser aus Feuerwehrschläuchen", sagte sie. Nichts davon habe verlässlich dazu geführt, dass die Tiere in die gewünschte Richtung schwammen. "Als wir nichts mehr taten, schwammen sie ins Meer." Viel Einfluss auf das Verhalten hätten Umweltfaktoren wie Gezeiten und Strömungen, erklärte Gulland, die Vorsitzende der Marine Mammal Commission in den USA ist. "Jeder Einsatz ist deshalb abhängig von einer Kombination aus medizinischer Einschätzung und sehr konkreten Umweltbedingungen." Im Fall des Walgespanns hätten weder Aufnahmen von Orcas, also potenziellen Feinden, noch das Hämmern auf Stahlrohre zuverlässig funktioniert. "Die Wale sind mehrfach einfach unter diesen Linien aus Booten und Geräuschen hindurchgeschwommen." Entscheidend sei im Umgang mit solchen Fällen, "dass ein erfahrener Tierarzt für Meeressäuger vor Ort ist, der den Wal sieht und seinen Gesundheitszustand beurteilen kann, auch aufgrund von Haut und Blasproben". Der Fokus solle zudem darauf liegen, das Tier vor zusätzlichen Gefahren zu schützen und ihm Zeit zu geben, selbst einen Ausweg zu finden. "Versuche, es aktiv anzuleiten, sind oft wenig effektiv." Das Wichtigste aber sei, das Wohl des Tieres ins Zentrum zu stellen und nicht die öffentliche Meinung, betont auch Gulland. © dpa-infocom, dpa:260423-930-982219/1