Türkisches Parlament stimmt für umstrittenes Social-Media-Verbot

Datum23.04.2026 08:56

Quellewww.spiegel.de

TLDRDas türkische Parlament verabschiedete ein umstrittenes Gesetz, das Minderjährigen unter 15 Jahren den Zugang zu sozialen Medien verbietet. Ausweispflicht zur Altersverifikation soll Anonymität beenden. Kritiker befürchten staatliche Totalüberwachung und Einschränkung der Meinungsfreiheit, anstatt Kinderschutz. Die Infrastruktur für eine autoritäre Überwachungsgesellschaft sei geschaffen. Präsident Erdoğan muss das Gesetz noch unterzeichnen.

InhaltDie Türkei führt eine Altersbegrenzung für soziale Netzwerke ein. Doch es gibt Zweifel, ob es der Regierung wirklich um Kinderschutz geht. Kritiker warnen vor einem Schritt zur Totalüberwachung im Netz. Das türkische Parlament hat neuen Beschränkungen für die Nutzung sozialer Netzwerke zugestimmt. Das Gesetz soll Minderjährigen unter 15 Jahren künftig den Zugang zu Social-Media-Plattformen versperren. Kritiker fürchten jedoch, dass der Schutz von Kindern nur vordergründig die Motivation hinter dem neuen Gesetz sein könnte. Die Plattformen sollen künftig verpflichtet werden, Systeme zur Verifizierung des Alters ihrer Nutzer einzuführen, wie der türkische Sender NTV am Mittwochabend berichtete. Berichten zufolge sollen sich Nutzer mit Ausweis und Klarnamen identifizieren. Damit wäre die Anonymität im Netz beendet. Beobachter sehen darin einen Versuch, kritische Stimmen unter Druck zu setzen und die Meinungsfreiheit weiter zu beschränken. Das Gesetz beende faktisch den anonymen Internetgebrauch in der Türkei, schrieb der türkische Experte und Netzaktivist Yaman Akdeniz auf X. "Die unter dem Deckmantel des ›Verbots für unter 15-Jährige‹ eingeführte Altersverifikation über e-Devlet ist in Wahrheit eine für die gesamte Gesellschaft verpflichtende Überwachungsmaßnahme der ›digitalen Identität‹", heißt es weiter in seinem Post. Über das e-Devlet-System können Bürgerinnen und Bürger der Türkei nahezu alle Behördengänge digital erledigen. Offenbar soll die Identitätsprüfung für soziale Netzwerk künftig ebenfalls darüber abgewickelt werden. "Die Infrastruktur für den Übergang in eine autoritäre Überwachungsgesellschaft ist nun offiziell vorbereitet", schreibt Akdeniz. In den vergangenen Jahren hat die Türkei die Meinungs- und Pressefreiheit zunehmend eingeschränkt. Kritiker werden verfolgt, Medienschaffende unter Druck gesetzt . Die Lage könnte sich mit dem Gesetz noch einmal verschärfen. Dem Gesetzestext zufolge werden Onlinedienste verpflichtet, wenn sie auf einen "Notfall" aufmerksam gemacht werden, innerhalb von einer Stunde, nachdem schädliche Inhalte online veröffentlicht wurden, einzuschreiten, wie NTV berichtete. Was ein solcher "Notfall" ist, entscheiden offenbar die Behörden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan muss das von seiner AK-Partei eingebrachte Gesetz noch unterzeichnen, was als sicher gilt. Sechs Monate nach seiner Veröffentlichung im Amtsblatt tritt das Gesetz dann in Kraft. Im Dezember war in Australien als erstem Land der Welt ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Kraft getreten, im März folgte Indonesien. Die österreichische Regierung hat für den Sommer ein Gesetz für ein Verbot für unter 14-Jährige angekündigt. In Griechenland soll ab dem nächsten Jahr ein Verbot für Unter-15-Jährige gelten. Auch in Frankreich ist ein Social-Media-Verbot für Minderjährige unter 15 Jahren geplant. In Deutschland wird ebenfalls über ein solches Vorhaben diskutiert. Mehr zu Australiens Social-Media-Verbot lesen Sie hier.