Endstation: Abwrackwerft: »Ein Haufen Schrott«: Ex-DDR-Traumschiff wird zerlegt

Datum23.04.2026 04:50

Quellewww.zeit.de

TLDRDie "MS Völkerfreundschaft", einst erstes Kreuzfahrtschiff der DDR, wird in Gent abgewrackt. Als "Stockholm" kollidierte es 1956 mit der "Andrea Doria". Ab 1960 bot es DDR-Bürgern Luxusreisen und war ein Symbol für Ausflüge in den Westen, aber auch für Fluchtversuche. Nach wechselnden Einsätzen und zuletzt als "Astoria" befähigt es die Werft, rund 12.000 Tonnen Material zu recyceln.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Endstation: Abwrackwerft“. Lesen Sie jetzt „"Ein Haufen Schrott": Ex-DDR-Traumschiff wird zerlegt“. "Das war mal ein richtig stolzes Schiff", sagt Dieter Schumann wehmütig. "Und jetzt ist es ein Haufen Schrott." Der 72-Jährige war 1973 ein dreiviertel Jahr als Jungmatrose mit der "MS Völkerfreundschaft" unterwegs. Es war das erste DDR-Kreuzfahrtschiff. Die Bürger des sozialistischen Staates kamen damit zum Beispiel bis ans Schwarze Meer - nicht nur deutlich leichter als mit dem "Trabi", sondern auch in luxuriöser Umgebung. Aber auch Athen, also das "kapitalistische Ausland" und damit für DDR-Bürger als Reiseziel eigentlich tabu, wurde angesteuert. 37 Jahre nach dem Mauerfall endet die Geschichte des einst in Schweden gebauten 160 Meter langen Schiffes. Zuletzt war es unter dem Namen "Astoria" unter portugiesischer Flagge unterwegs - bis es fahruntauglich wurde. Das geschichtsträchtige Schiff wurde in eine Recycling-Werft nach Gent geschleppt, wo es derzeit abgewrackt wird.  An Bord ist der Glanz aus früheren Zeiten schon lange vergangen. Der große Speisesaal ist entkernt. Die letzten Zimmer, ein Stockwerk tiefer, sind als Nächstes dran. Auch schon vorher war die "Astoria" nicht mehr als "MS Völkerfreundschaft" zu erkennen. Sie wird in unzählige Einzelteile zerlegt. Dennoch könne man den Wünschen vieler Menschen nach einem Andenken an das Schiff nicht nachkommen, bedauert der Leiter des Schiffsrecyclings der Werft Galloo, Peter Wyntin. Insgesamt 12.000 Tonnen Material werden aus dem Schiff gewonnen, neben Stahl auch Holz, Glas und Plastik. Über 97 Prozent des Materials will Galloo recyceln. Der Prozess sei durchgetaktet und für jedes Schiff, egal ob es Frachten oder Menschen transportiert, fast identisch, sagt Wyntin. "Ich würde sagen, der einzige Unterschied ist, dass mehr Müll an Bord ist, weil es ein Kreuzfahrtschiff ist."  Das Schiff war im schwedischen Göteborg gebaut worden und trug zunächst den Namen "Stockholm". 1948 hatte es seine Jungfernfahrt. Es war zuerst auf der Strecke zwischen Skandinavien und Nordamerika unterwegs. Am 25. Juli 1956 wurde die "Stockholm" durch ein trauriges Ereignis weltbekannt: Im dichten Nebel vor der nordamerikanischen Küste kollidierte sie mit dem italienischen Luxusliner "Andrea Doria". Dieser ging schließlich unter. 51 Menschen starben. Die DDR kaufte die "Stockholm" 1959 für rund 20 Millionen schwedische Kronen. 1960 stach das Schiff schließlich als "MS Völkerfreundschaft" ins Meer. 25 Jahre wurde das "Traumschiff der DDR" vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) betrieben, wie es auf der Seite DDR Museums in Berlin weiter heißt. Plätze an Bord waren demnach oft eine Belohnung für Arbeiter oder Parteiveteranen.  Luxus war durchaus ein Markenzeichen der "Völkerfreundschaft", auch wenn es ein Einklassen-Schiff war. Es gab ein Außen- und ein Innenschwimmbad, einen Frisiersalon, einen Rauchersalon, ein Veranda-Café mit großer Tanzfläche und auch einen Kinosaal für 180 Besucher. Auch ein Operationssaal und ein Röntgenlabor sowie ein Hospital mit sechs Betten waren vorhanden. Es war das erste Schiff der kleinen DDR-Kreuzfahrtschiff-Flotte, zu denen auch die "Fritz Heckert" und die "Arkona" gehörten. Etwa 280.000 DDR-Bürger hatten das Glück, solch eine Seereise zu unternehmen. Viele nutzten diese auch für einen endgültigen Abschied aus der Heimat: "225 Passagiere und Besatzungsmitglieder flüchteten bei Landgängen oder durch tollkühne Sprünge (48) von Bord", listet das Schifffahrtsmuseum in Rostock auf. Das schwimmende Museum auf einem Schiff zeigt auf "Deck 3" auch große Modelle und Utensilien der DDR-Kreuzfahrtflotte. Der damalige Matrose Schumann hat an das Jahr 1973 durchweg gute Erinnerungen. Dazu gehört auch die Zeit mit Fernsehkapitän Gerd Peters, der einem Millionen-Publikum in der DDR bekannt war und zeitweise das Kommando auf der "Völkerfreundschaft" hatte. "Der sah immer ganz schnieke aus. Und er war ein Partylöwe", erinnert sich Schumann. Auf dem FDGB-Urlauberschiff war Peters zunächst nautischer Offizier, später Kapitän. Jungmatrose Schumann war einmal mit einem Kollegen zur "Nachtbrigade" eingeteilt, das hieß damals vor allem: Deck saubermachen. Weil es an Bord aber eine Disco-Veranstaltung geben sollte, wurden beide gefragt, ob sie nicht auch Musik auflegen könnten. Gesagt, getan. Aus dem Matrosen Schumann wurde in jener Nacht ein DJ.  Und da Fernsehkapitän Peters großer Fan von James Last war, legte er auch dessen Musik auf, sobald Peters in Sicht kam. "Und es dauerte nicht lange und auch Peters ist durch den Saal getanzt", berichtet Schumann.  1985 verkaufte die DDR dann das Schiff und ersetzte es durch die größere und viel modernere "Arkona". Wie das DDR-Museum schreibt, war die einstige "Völkerfreundschaft" dann unter wechselndem Namen und Eigentümern im Einsatz - als das am längsten im Dienst befindliche Transatlantik-Schiff der Welt. © dpa-infocom, dpa:260423-930-981349/1