Datum22.04.2026 18:44
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert Donald Trumps Vorgehen im Konflikt mit Iran. Trotz Drohungen und geforderter Verhandlungen erklärt Trump eine unbefristete Waffenruhe, da das iranische Regime gesprächsunwillig ist und eine Eskalation scheut. Dies wird als Kapitulation gewertet, die das iranische Regime stützt und die Region weiter destabilisiert. Die Hoffnung auf wirtschaftlichen Druck durch die Blockade der Straße von Hormus wird als fragwürdig eingeschätzt. Trump scheint ratlos und strebt einen Rückzug aus Nahost an.
InhaltIrans Regime sperrt sich gegen Verhandlungen. Donald Trump hat trotzdem eine unbefristete Waffenruhe ausgerufen. Der US-Präsident will raus aus Nahost, weiß aber nicht, wie. Er ist ein Opfer von vielen: Am Mittwochmorgen soll in Iran nach Medienberichten erneut ein Mann gehängt worden sein, die Behörden beschuldigen ihn, für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gearbeitet zu haben. Bereits am Montag hatte die Führung in Teheran zwei Männer wegen angeblicher Spionagevorwürfe hinrichten lassen. Die Exekutionen lassen erahnen, was den Menschen in Iran in den kommenden Monaten bevorstehen dürfte: blanker Terror durch ein Regime, das durch den Konflikt mit den USA und Israel radikalisiert und ermutigt zugleich ist. Maximilian Popp ist stellvertretender Leiter des SPIEGEL-Auslandressorts Als US-Präsident Donald Trump den Krieg gegen Iran vor bald zwei Monaten begann, da sollte es auch um die Iranerinnen und Iraner gehen. "Hilfe ist auf dem Weg" hatte Trump bereits im Januar versprochen, nachdem das Regime Massenproteste brutal niedergeschlagen hatte. Von den Menschen in Iran ist in Washington längst keine Rede mehr. Stattdessen bewegt sich Trump jetzt auf die Mullahs zu. Er verkündete vor zwei Wochen eine Waffenruhe, die er am Dienstag verlängert hat – diesmal unbefristet. Verhandlungen zwischen beiden Seiten, die diese Woche in Pakistans Hauptstadt Islamabad stattfinden sollten, wurden auf unbestimmte Zeit verschoben; Irans Machthaber hatten offenbar kein Interesse daran anzureisen. Dass Trump den Militäreinsatz trotzdem aussetzt, gleicht einer Kapitulationserklärung, auch wenn er sich noch einmal umentscheiden sollte und erneut bomben lässt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das iranische Regime nach einem möglichen Kriegsende doch noch kollabiert; dass es den Frust über die Wirtschaftslage, die schon vor dem amerikanisch-israelischen Angriff desaströs war und seither nur noch schlimmer geworden ist, mittel- und langfristig nicht kontrolliert bekommt. Für den Moment aber sieht es so aus, als hätte Trump mit seinem Krieg in vielerlei Hinsicht das Gegenteil dessen erreicht, was er propagiert hatte: Er hat die Islamische Republik vorerst gefestigt, obwohl etliche Regimekader getötet wurden. Die Machthaber in Teheran haben in dem Konflikt die Straße von Hormus als eine Waffe entdeckt, mit der sie die Weltwirtschaft in Geiselhaft nehmen können. Und noch nicht einmal die Gefahr durch das iranische Atomwaffenprogramm ist gebannt, da die islamistische Führung wohl weiter über mehr als 400 Kilogramm hoch angereichertes Uran verfügt. Trump ging davon aus, dass sich das iranische Regime durch Bombardements zur Aufgabe würde zwingen lassen. Als klar wurde, dass sich diese Erwartung nicht erfüllt, schlug er wild um sich, steigerte sich in Vernichtungsfantasien hinein ("eine Zivilisation wird untergehen"). Da er aber für den Moment nicht gewillt scheint, den Krieg zu eskalieren, bleibt ihm nichts anderes als der vorläufige Rückzug. Die einseitige Waffenruhe offenbart die tiefe Ratlosigkeit im Weißen Haus: Trump will raus aus Nahost, weiß aber nicht, wie. Der US-Präsident hat angekündigt, die Blockade der Straße von Hormus aufrechtzuerhalten, um auf diese Weise das iranische Regime zum Einlenken zu bewegen. Es ist eine Wette darauf, dass ökonomischer Druck bewirkt, was militärischer Druck bislang nicht zu bewirken vermochte. Wenig spricht derzeit dafür, dass diese Wette aufgeht. Zwar ist unstrittig, dass die Schließung des Seewegs am Golf die iranische Wirtschaft schwächt, Iran ist auf Ölexporte angewiesen. Doch es ist fraglich, ob sich die Führung in Teheran davon beeindrucken lässt. Iran gehörte seit Langem zu einem der weltweit meistsanktionierten Länder. Seine Herrscher haben bewiesen, dass sie widerstandsfähig sind, vor allem aber, dass sie bereit sind, für den Machterhalt der eigenen Bevölkerung beinahe unbegrenztes Leid zuzufügen. Zugleich verstehen sie inzwischen sehr genau, wo die wunden Punkte der Gegenseite sind, wie sehr die Weltwirtschaft von Knotenpunkten wie der Straße von Hormus abhängt. Trump behauptete am Dienstag, Iran stehe kurz vor dem finanziellen Kollaps, die Islamische Republik "hungere nach Geld". Und dennoch erscheint es ungewiss, dass die USA aus einem Wettbewerb der Schmerzen gegen Iran als Sieger hervorgehen würden. Der US-Präsident hat nicht mehr viele Optionen in diesem Konflikt. Seine Gewaltandrohungen haben durch die wiederholten Rückzieher an Schrecken verloren. Er kann Chinas Machthaber Xi Jinping, einen wichtigen Partner Irans, bitten, die iranische Führung zu Kompromissen zu bewegen, etwa bei der Urananreicherung oder der Öffnung der Straße von Hormus. Doch die Erfolgsaussichten einer solchen Initiative wären unklar und ziemlich sicher mit hohen geopolitischen Kosten verbunden. Trump muss letztlich hoffen, dass die Zeit für ihn spielt, dass die Iraner aus wirtschaftlicher Not an den Verhandlungstisch zurückkehren und ihm doch noch irgendetwas anbieten, was er als Erfolg verkaufen kann. Auch das wäre alles andere als der grandiose Sieg, den er zu Beginn der Operation "Epische Wut" versprochen hat, aber es wäre unter den gegenwärtigen Bedingungen wohl das bestmögliche Ergebnis.