Datum22.04.2026 09:42
Quellewww.zeit.de
TLDRAmanal Petros nimmt am London-Marathon teil und strebt einen neuen deutschen Rekord an, obwohl die Strecke anspruchsvoller ist. Nach Erfolgen wie Silber bei der WM und neuen deutschen Rekorden über Marathon und Halbmarathon hat sich Petros als Deutschlands bester Marathonläufer etabliert. Er reflektiert über vergangene Rennen, seine Entwicklung und bereitet sich intensiv vor, wobei seine Mutter in Äthiopien seine größte Unterstützung ist.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Leichtathletik“. Lesen Sie jetzt „In Rekordlaune: Petros auf Marathon-Mission in London“. Die Form stimmt, das Selbstvertrauen auch - Amanal Petros plant beim London-Marathon den nächsten Coup. Wenn der 30-Jährige von Hannover 96 96 am Sonntag in Großbritannien an den Start geht, dann fiebert ein Mensch wieder ganz besonders mit: seine Mama in Äthiopien. Silber nach einem dramatischen Fotofinish bei der Leichtathletik-WM in Tokio, deutscher Marathon-Rekord in Valencia, deutscher Halbmarathon-Rekord in Berlin. Das alles erreichte Petros seit September des vergangenen Jahres. Auch wenn die Mama des 2012 nach Deutschland geflüchteten Läufers bei diesen Höhepunkten nie vor Ort sein konnte, ist sie doch sein wohl größter Fan. "Beim Valencia-Lauf war sie sehr glücklich, beim Halbmarathon in Berlin hat sie sich sehr große Sorgen gemacht, weil sie meinte, dass ich nicht so gut aussah. Aber später war sie sehr froh und sagte: Das ist mein Sohn", sagt Petros der Deutschen Presse-Agentur. Mit Hilfe eines Freundes habe seine Mama vor wenigen Wochen über einen Livestream den Halbmarathon verfolgen können. Petros hofft, dass sie auch während des Laufs in London wieder vor dem Bildschirm zuschauen kann. Der 96-Athlet ist der schnellste Marathonläufer Deutschlands, den es jemals gab. Bei 2:04:03 Stunden liegt die Rekordmarke von Petros, aufgestellt im vergangenen Dezember in Valencia. Diese Zeit will er in London bei einem der prestigeträchtigsten und bekanntesten Marathonläufe der Welt nun unterbieten. Start ist am Sonntag um 10.35 Uhr deutscher Zeit. "Die Strecke ist natürlich nicht so superschnell wie in Berlin oder beim Valencia-Marathon. Da ist es etwas hügeliger. Aber ich bin momentan in einer sehr guten Form. Ich reise mit einer riesengroßen positiven Einstellung zum London-Marathon. Ich würde gerne deutschen Rekord laufen", sagt Petros selbstbewusst. Petros bereitete sich in Kenia auf 2.500 Metern Höhe vor. Zwischendurch nahm er im März am Halbmarathon in Berlin teil - und unterbot trotz Kälte und windiger Bedingungen in 59:22 Minuten seinen eigenen deutschen Rekord um neun Sekunden. Doch wer denkt, Petros wäre damit zufrieden gewesen, täuscht sich. "Wenn man einen deutschen Rekord und persönliche Bestleistung läuft, hat man nicht viel zu meckern. Aber ich habe schon etwas anderes erwartet. Mein Ziel war eigentlich der Europarekord", erklärt Petros, der die angepeilten 58:41 Minuten des Schweden Andreas Almgren deutlich verpasste. Auf Rekordjagd aber bleibt er. Dieses Mal auf der doppelten Distanz über 42,195 Kilometer. Schon im vergangenen Jahr hatte Petros am London-Marathon teilgenommen. In 2:06:30 Stunden wurde er Achter. Doch die Renntaktik damals war nicht optimal. "Ich bin letztes Jahr in London zu hektisch gelaufen. Ich habe das Tempo immer wieder gewechselt, und das hat unheimlich viel Energie gekostet. Und ich hatte auch zu wenig Wasser getrunken. Und ich war sehr nervös, weil da waren die besten Athleten der Welt", sagt Petros, der aus dem Lauf gelernt hat. Im September bei der WM in Tokio wurde Petros zum tragischen Helden, als er auf der Zielgeraden wie der sichere Sieger aussah, sich dann aber in einem irren Fotofinish doch noch Alphonce Felix Simbu aus Tansania um einen Wimpernschlag von 0,03 Sekunden geschlagen geben musste. Die WM sei "einfach geil" gewesen, betont Petros und fügt aber auch hinzu: "Immer wenn ich das Video mit dem Fotofinish sehe, ist es ein komisches Gefühl." Er habe gelernt, Dinge zu akzeptieren und mit dem zweiten Platz zufrieden zu sein. "Mit der Silbermedaille nach Deutschland - in die Heimat - zurückzukehren, war ein riesengroßer Erfolg." Spätestens mit Silber in Japan hat sich Petros, der in Eritrea geboren wurde und vor 14 Jahren aus Äthiopien nach Deutschland geflüchtet war, hierzulande ins Rampenlicht gelaufen. Seine Erfahrungen schildert er in seinem Buch "42,195 Kilometer - mein langer Lauf in die Freiheit", das Anfang August erscheint. Das Schreiben war für ihn nach eigenen Worten eine sehr emotionale Reise mit traurigen, aber vor allem auch mit vielen schönen Erinnerungen, auf die er sehr stolz ist. Über seine Entwicklung in den vergangenen Monaten und Jahren sagt Petros: "Ich bin viel professioneller geworden. Vor allem die letzten zwei Jahre habe ich unheimlich viel gelernt und viele Erfahrungen gesammelt." Sein ganzes Potenzial hat Petros möglicherweise noch gar nicht ausgeschöpft. ARD-Experte Frank Busemann traut ihm noch viel zu. "Mit 30 Jahren ist er auch noch nicht der Älteste im Ausdauerbereich", sagt der frühere Zehnkämpfer und fügt hinzu: "Was ihn auszeichnet: Er hat die absolut perfekte Marathon-Statur. Klar, sonst könnte er nicht so schnell laufen. Er ist groß, schlank und hat gute Hebel. Und er hat die Psyche, die mentale Stärke eines Siegers." Mehr als 200 Trainingskilometer pro Woche spult Petros in der Regel ab. Damit legt er den Grundstein für seine Erfolge. "Er ist sehr diszipliniert und fokussiert", wurde sein Trainer William Kosgei zuletzt vom Leichtathletik-Weltverband World Athletics zitiert. Ob Petros auch bei der EM in Birmingham im August für Deutschland antreten wird, lässt er offen. Das will er nach dem London-Marathon entscheiden. "Meine Gesundheit geht vor. Ich glaube, ich muss mal schauen nach dem London-Marathon, wie ich überhaupt drauf bin", sagt Petros. Der Erfolg in Tokio hat aber Lust auf mehr gemacht. "Wenn man eine Medaille bei der EM gewinnt, dann kann einem das niemand wegnehmen. Das bleibt für immer. Das ist bei Rekorden anders. Und es ist schön, für Deutschland zu laufen und mit dem deutschen Team zusammen zu sein", erklärte Petros. © dpa-infocom, dpa:260422-930-977221/1