Gesundheitsreformen: Kassenzusammenlegung spart laut Forscherin wenig Geld

Datum22.04.2026 07:55

Quellewww.zeit.de

TLDRForscherin Verena Vogt widerspricht der Idee, Krankenkassen aus Kostengründen zusammenzulegen. Sie argumentiert, dass Verwaltungsausgaben nur einen kleinen Teil der Gesamtausgaben ausmachen und nicht der Hauptkostentreiber im Gesundheitswesen sind. Die Zahl der Kassen ist bereits stark gesunken, und Digitalisierung hat die Effizienz erhöht. Stattdessen schlägt die Expertenkommission Kostensenkungen bei Werbeausgaben vor.

InhaltDie Koalition erwägt, Krankenkassen zusammenzulegen, um Kosten zu senken. Die Expertenkommission argumentiert dagegen: Die Vielzahl der Kassen sei kein Kostentreiber. Durch die Kürzung der Krankenkassenzahl in Deutschland lässt sich der Wissenschaft zufolge nicht unbedingt viel Geld einsparen. 2025 hätten die Nettoverwaltungsausgaben der Krankenkassen in der Höhe von 13,3 Milliarden Euro lediglich etwa vier Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung ausgemacht, sagte die Gesundheitswissenschaftlerin Verena Vogt vom Universitätsklinikum Jena der Nachrichtenagentur dpa. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hatte eine Zusammenlegung der Kassen gefordert. Auch der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, hatte sich für eine Verringerung auf sechs bis zwölf Kassen ausgesprochen. "Die Vielzahl der Krankenkassen ist nicht der Kostentreiber im Gesundheitswesen", sagte Vogt weiter. Die Verwaltungsausgaben der Kassen seien in den vergangenen zehn Jahren jährlich im Schnitt um 2,5 Prozent gestiegen, die Leistungsausgaben jedoch um 5,2 Prozent, sagte Vogt. Sie forscht zur Gesundheitsversorgung und ist Mitglied in der Expertenkommission, die dem Bundesgesundheitsministerium kürzlich 66 Vorschläge für Einsparungen im Gesundheitswesen vorgelegt hatte, um die Kassenbeiträge zu stabilisieren. Die Forscherin verweist darauf, dass die Zahl der Krankenkassen bereits seit Jahren zurückgehe: In Deutschland gibt es derzeit 93 gesetzliche Krankenkassen. Im Jahr 2000 hatte es noch 420 Kassen gegeben. Nach mehreren Fusionen konzentrierten sich inzwischen bei den 20 größten Kassen 84 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten. Die Kassen seien durch die Digitalisierung zudem effizienter geworden: 2024 habe ein Mitarbeiter etwa 563 Versicherte betreut, 20 Jahre zuvor waren es noch 487. Zudem ergäben weniger Kassen nicht unbedingt geringere Verwaltungsausgaben, sagte Vogt: In Österreich etwa habe die Vereinigung mehrerer Kassen zu einer Gebietskrankenkasse zwischen 2020 und 2024 zu einer 25-prozentigen Steigerung der Verwaltungsausgaben geführt, die Gesamtausgaben im deutschen Gesundheitswesen seien nur um sieben Prozent gestiegen. Die Expertenkommission hatte stattdessen vorgeschlagen, dass die Krankenkassen ihre Werbeausgaben auf 2,80 Euro je Mitglied reduzieren sollten. Das würde Vogt zufolge jährliche Einsparungen von rund 70 Millionen Euro bringen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte diesen Vorschlag ebenfalls aufgegriffen. Warken hatte zuletzt zahlreiche Vorschläge für Einsparungen im Gesundheitswesen gemacht, die auf den Empfehlungen einer Expertenkommission basieren. Ziel ist es, mindestens 15 Milliarden Euro einzusparen. Das Paket an Reformen bei Krankenkassen, Pflege und ärztlicher Versorgung soll am 29. April im schwarz-roten Bundeskabinett beschlossen und dann im Bundestag und Bundesrat abgestimmt werden. Kritik kommt von vielen Seiten.