Rechtsextremismus auf dem Land: Gutes Land, böse Stadt?

Datum21.04.2026 16:05

Quellewww.zeit.de

TLDRRechtsextreme Parteien wie die AfD und der Dritte Weg nutzen den Stadt-Land-Gegensatz zur Wählermobilisierung. Historisch lehnte der Faschismus die moderne Stadt ab und idealisierte das Landleben. Heute inszenieren Rechtsextreme das Land als Hort traditioneller Werte, während sie die Stadt mit Chaos und "Überfremdung" gleichsetzen. Diese Strategie zielt auf die Gewinnung neuer Anhänger, indem sie an reale Erfahrungen von Menschen koppelt, die sich von städtischen Lebenswelten abgehängt fühlen.

InhaltIm historischen Faschismus stand die Stadt für das "Feindbild Moderne". Auch heute agitieren rechte Parteien mit dem Stadt-Land-Gegensatz – vom Dritten Weg bis zur AfD. "Die AfD erobert die Dörfer" – so lautet der martialisch anmutende Titel eines kürzlich veröffentlichten Strategiepapiers der AfD Rheinland-Pfalz. Ziel der Partei ist es demnach, in den kommenden Jahren eine "Verankerung in der Fläche" zu erreichen. Über "Anlaufzentren und Treffpunkte" in kleinen Gemeinden sollen niedrigschwellige politische Angebote geschaffen, Dörfer belebt und letztlich neue Mitglieder und Wählerinnen für die Partei gewonnen werden. Mit ihrer Strategie versucht die rheinland-pfälzische AfD, sich als Interessenvertreterin des ländlichen Raumes darzustellen: Sie will ehemalige Dorfkneipen, Gaststätten oder Weingüter übernehmen, um dort Bratwurst und Bier, Seniorenkaffee und Filmabende anzubieten sowie Diskussionsrunden und Vorträge mit AfD-Politikern zu veranstalten. Diese Zentren sollen explizit nicht wie AfD-Büros anmuten, denn diese "wirken abschreckend für Neulinge". Vielmehr werden leicht zugängliche Freizeitangebote mit rechter Parteipolitik verbunden. Schauplatzwechsel: Berlin, Mitte März. Im Plattenbauviertel Marzahn-Hellersdorf demonstrieren rund 160 Rechtsextreme, dazu aufgerufen hat die neonazistische Kleinstpartei Dritter Weg. Aus ganz Deutschland sind Parteikader angereist. Viele der Anwesenden sind in der Parteifarbe Olivgrün gekleidet, einige Neonazis zudem vermummt. Auf Fahnen prangt ein Kranz aus Eichenblättern, das Parteilogo. An der Spitze der Demonstration ist ein Transparent zu sehen, auf dem in großen Buchstaben "Eigenheim statt Platte!" geschrieben steht. Auch der Dritte Weg gibt vor, sich für den ländlichen Raum einzusetzen: In einem Zehn-Punkte-Programm sagt die Partei der "zunehmenden Verstädterung" Deutschlands den Kampf an und fordert den Rückbau von Großstädten und Ballungsgebieten auf "menschen- und familiengerechte" Weise. Durch Subventionen sollen Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen und die Landwirtschaft ausgebaut werden. Beide Beispiele – das Strategiepapier der AfD und die Anti-Plattenbau-Demonstration des Dritten Wegs – folgen einem in der rechtsextremen Szene weitverbreiteten Versuch, den Unterschied zwischen Stadt und Land in rechte Weltanschauungen zu integrieren und so neue Anhänger zu gewinnen. Dass Stadt und Land so häufig Teil rechtsextremer Erzählungen sind, ist dabei kein Zufall: In den historischen Ursprüngen rechter Ideologie spielen Fragen nach dem Lebensraum eine entscheidende Rolle. In den faschistischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, den Vorläufern des heutigen Rechtsextremismus, wurden Fragen von Gesellschaft und Raum oft eng miteinander verknüpft. Aus ihren menschenfeindlichen Ideologien schlussfolgerten diese Bewegungen, welche Räume aus ihrer Sicht welcher Menschengruppe zustehen. Grundlage war ein biologistisches Staatsverständnis, demzufolge Staaten natürlich gewachsene Organismen sind, die sich wie Pflanzen und Tiere in einem gnadenlosen Überlebenskampf befinden. Auf dieser Grundlage interpretierten sie die Welt als Kampf der Staatsvölker um den besten Lebensraum. Im Nationalsozialismus wurde mit dieser Ideologie zum einen der Vernichtungsfeldzug im Osten legitimiert, der dem deutschen Volk neuen Lebensraum sichern sollte. Zum anderen entstand die Erzählung, wonach das Leben auf dem Land demjenigen in der Stadt vorzuziehen sei. Dabei verkörperte die Großstadt all diejenigen Errungenschaften der liberalen Moderne, die rechtsextreme Weltanschauungen ablehnen: technologischen Fortschritt, liberale Kultur oder Lebensentwürfe fernab der heterosexuellen Kleinfamilie. Zugleich wurde das Landleben als Utopie verklärt. So sollten bäuerliche Familien den zu gewinnenden Lebensraum im Osten bewirtschaften, damit das neue deutsche Volk im Einklang mit der Natur gedeihen könne. Zentrale Elemente dieser historischen Großstadtfeindschaft faschistischer Bewegungen finden sich auch im heutigen Rechtsextremismus. In einer wissenschaftlichen Untersuchung der Technischen Universität Dresden wurde am Beispiel der rechten Kleinstpartei Freie Sachsen rekonstruiert, wie rechtsextreme Organisationen Stadt und Land in ihre Agitationsversuche einbauen. Untersucht wurde dafür die Zeitschrift Aufgewacht!, die den Freien Sachen nahesteht. Der Untersuchung zufolge nutzen die Freien Sachen Erzählungen über das Stadt- und Landleben, um ihrer Weltanschauung eine räumliche Entsprechung zu geben, die für ihre Anhänger einfach nachzuvollziehen ist. Die Studie Stadt, Land, Weltverschwörung? der Technischen Universität Dresden ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung erschienen. Sie untersucht Beiträge aus dem Aufgewacht!-Magazin, das der rechten Kleinstpartei Freie Sachsen nahesteht. An der Studie arbeitete auch Michael Krell mit, der Autor dieses Gastbeitrags. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden und freier Autor im Themenfeld Rechtsextremismus. Als die Freien Sachsen entstanden, während der Hochzeit der Coronapandemie, stützten sie sich stark auf Verschwörungstheorien, um zu ihren Demonstrationen zu mobilisieren. Auch die Frage von Stadt und Land wird nun verschwörungsideologisch umgedeutet. So lautet die Erzählung der parteinahen Zeitschrift, auf dem sächsischen Land würden die vernünftigen Menschen leben, die erkannt hätten, dass die Bundesregierung eigentlich ein diktatorisches Regime sei, das mittels Klimapolitik, Coronaimpfungen oder sogenannter "Genderideologie" versuche, eine neue Weltordnung herbeizuführen. Die Menschen in der Stadt seien von den Eliten zu willenlosen Marionetten gemacht worden. Die verbrecherischen Eliten, die aus Sicht der Zeitschrift gegen das deutsche Volk arbeiten, werden dabei stets in der Großstadt verortet, von wo aus sie als skrupellose Wall-Street-Banker, Klimaaktivistinnen oder Pharmaunternehmer versuchen, die vernünftigen Landmenschen zu unterjochen. Diese hätten jedoch, so das Narrativ, lediglich den Wunsch, im Einklang mit der idyllischen Natur auf dem Land ein traditionelles Leben zu führen, ohne von Vorschriften aus der Großstadt gestört zu werden. Die Studie über die Zeitschrift der Freien Sachsen belegt, was auch AfD und Dritter Weg zeigen: Stadt und Land werden auch im heutigen Rechtsextremismus bewusst genutzt, um die eigene Weltanschauung mit realen Schauplätzen und Lebenswelten zu verbinden. Das Landleben wird dabei oft als besser dargestellt – aufgrund seiner Nähe zur Natur sowie zu traditionellen Wirtschaftsweisen und der Landwirtschaft. Die Großstadt wird dagegen einseitig mit Zügellosigkeit, Chaos oder angeblicher "Überfremdung" gleichgesetzt. Ausgeblendet wird in dieser Erzählung all das, was nicht in das verkürzte Gegensatzpaar aus gutem Land- und schlechtem Stadtleben passt; etwa die Tatsache, dass auch die heutige Landwirtschaft industrialisiert ist und häufig naturzerstörend wirkt. Dennoch kann die vereinfachende Erzählung über den Stadt-Land-Gegensatz auf den ersten Blick durchaus plausibel wirken und an reale Erfahrungen andocken. Viele Menschen, die in kleinen Gemeinden oder strukturschwachen Regionen aufwachsen, empfinden großstädtische Lebenswelten als fremd und beängstigend und fühlen sich zunehmend abgehängt. Daher versuchen nahezu alle relevanten Akteure des heutigen Rechtsextremismus, den Gegensatz von Stadt und Land mit ihren Ideologien zu verbinden. Während klassische Neonaziparteien wie der Dritte Weg die Großstadt gänzlich ablehnen und sogar zurückbauen wollen, machen die Freien Sachsen Stadt und Land zu Schauplätzen ihrer Verschwörungsideologien. Diese rechtsextremen Erzählungen über Stadt und Land bereiten vor, was die AfD als mächtigste rechtsextreme Partei derzeit versucht: die "Eroberung" der Dörfer. Am Ende dieser Strategie steht das Ziel, von den Menschen auf dem Land als normaler Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden und sich als neue Volkspartei zu etablieren. Gelingt es der AfD, in abgelegenen Regionen und kleinen Gemeinden aktiv und ansprechbar zu sein – womöglich gar als einzige Partei –, so wird auch die Behauptung, die vermeintliche Elite aus den Städten kenne die realen Sorgen der Menschen nicht, zunehmend glaubwürdiger. Das ist auch für die liberale Demokratie eine Gefahr.