Datum21.04.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDREndometriose, oft als "Chamäleon der Gynäkologie" bezeichnet, betrifft jede zehnte Frau und bleibt oft unerkannt. Diese Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst, verursacht starke Schmerzen und kann unerfüllten Kinderwunsch bedingen. Obwohl die Zahl der Diagnosen steigt, vergehen im Durchschnitt 7,5 Jahre bis zur gesicherten Diagnose. Die erhöhte Sichtbarkeit durch soziale Medien und politische Initiativen wird begrüßt, um die Krankheitslast der Betroffenen zu reduzieren.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Frauenleiden“. Lesen Sie jetzt „Leiden am Chamäleon der Gynäkologie“. Bis Anneke Jost die Ursache für ihre Unterleibschmerzen erfuhr, vergingen acht Jahre. Eine Operation brachte Gewissheit: Endometriose. Die Studentin ist erst 24 Jahre alt und mit ihrem Leid alles andere als allein. Die gynäkologische Krankheit betrifft nach Angaben ihres Arztes jede zehnte Frau und bleibt nach Angaben der Krankenkasse Barmer bis heute häufig unentdeckt. Bei Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter im Bauchraum. Die Wucherungen können besonders während der Periode zu starken Schmerzen führen. Bei der jungen Frau aus Hofheim im Taunus begann das Leiden sofort mit der ersten Regelblutung. Mit der Zeit kamen Blasenentzündungen, Verdauungsbeschwerden und Migräne dazu. "Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt", berichtet die junge Frau. Durch eine Influencerin in sozialen Medien wurde sie auf Endometriose aufmerksam. "Es war ein Kampf, eine Überweisung in ein Endometriose-Zentrum zu bekommen." Mit 23 Jahren bestätigte das Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt den Verdacht. Die Wucherungen wurden entfernt, zusätzlich nimmt sie Medikamente. Seither geht es ihr viel besser, wie sie berichtet. "Ich bin dankbar, dass meine Beschwerden hier ernst genommen wurden." Das ist nicht überall der Fall, wie Prof. Marc Thill immer wieder feststellen muss, der Chefarzt der Gynäkologie im Frankfurter Agaplesion Markus Krankenhaus. Von Müttern hörten die Frauen: "Das tut halt weh", von Frauenärzten "Stellen Sie sich nicht so an". Endometriose sei keine tödliche, aber eine "fatale" Erkrankung: "Etwa 50 Prozent der Patientinnen mit einem unerfüllten Kinderwunsch haben Endometriose." Das größte Problem bei der Diagnosestellung ist laut Thill, dass die Patientin dafür zwingend operiert werden muss. Eine stecknadelkopfgroße Wucherung kann bei einer Patientin enorme Schmerzen verursachen, große Wucherungen bei einer anderen gar nicht wehtun. Daher nenne man Endometriose auch "das Chamäleon unter den gynäkologischen Krankheiten". Die Zahl der Endometriose-Diagnosen ist in den vergangenen Jahren bundesweit stark angestiegen. Auch in Hessen gab es einen deutlichen Zuwachs, wie aus einem Report der Krankenkasse Barmer hervorgeht. Demnach erhielten im Jahr 2024 rund 36.200 Frauen im Bundesland die Diagnose Endometriose. Das entspricht einer Diagnoserate von 1.140 Betroffenen je 100.000 Frauen. Im Jahr 2005 hatte diese sogenannte Prävalenzrate in Hessen erst bei 622 je 100.000 gelegen. Mehr Diagnosen bedeuten in diesem Fall nicht, dass mehr Frauen erkranken, sondern dass weniger Fälle unerkannt bleiben - erklärt Martin Till, Landeschef der Barmer. Das sei eine gute Nachricht. "Aber auch heute werden die Symptome einer Endometriose häufig irrtümlich als Menstruationsschmerz fehlgedeutet." Die Barmer-Daten zeigen auch, "dass mit Endometriose keine erhöhte Sterblichkeit einhergeht", wie Landeschef Martin Till betont. "Allerdings leiden die betroffenen Frauen unter einer hohen Krankheitslast". Bauch- und Beckenschmerzen, Migräne, aber auch psychische Krankheiten wie Depression oder Angststörungen sind statistisch häufiger. Laut Statistischem Bundesamt werden immer mehr Frauen deswegen operiert. Binnen zehn Jahren stieg die Zahl der stationären Krankenhausbehandlungen wegen Endometriose um 50 Prozent. Waren es im Jahr 2014 gut 25.100 Behandlungen, lag diese Zahl im Jahr 2024 bei gut 37.700 Behandlungen. "Grund für diesen hohen Anstieg kann nicht nur ein höheres Krankheitsaufkommen sein, sondern möglicherweise auch ein verstärktes Bewusstsein für die Krankheit bei Patientinnen sowie Ärztinnen und Ärzten", sagten die Statistiker anlässlich des Weltfrauentags im März. Chefarzt Thill und Krankenkassen-Chef Till begrüßen, dass das "Chamäleon" sichtbarer wird. Soziale Medien seien dabei hilfreich - andererseits würden bei Instagram, Tiktok und Co auch nicht validierte Informationen verbreitet. Anneke Jost half eine Influencerin für "das Gefühl, dass ich nicht alleine bin". Vergleicht man die Bundesländer, zeigt sich, dass die Zahl der Diagnosen in Hessen laut Barmer-Auswertung unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Noch stärker ist die Abweichung nach unten im Saarland, Thüringen Sachsen und Schleswig-Holstein. Das Thema hat in Hessen bereits die Politik erreicht. Laut Endometriose-Vereinigung Deutschland fand 2022 im hessischen Landtag "zum ersten Mal in einem deutschen Parlament" eine aktuelle Stunde zum Thema Endometriose statt. 2025 lud Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) Abgeordnete und Fachleute zu einem "parlamentarischen Frühstück" über dieses Thema ein. "Die Krankheit wird häufig fehldiagnostiziert. Im Durchschnitt vergehen 7,5 Jahre bis zur gesicherten Diagnose", hatte Stolz damals gesagt. Endometriose finde im Regierungsprogramm in Hessen ausdrücklich Erwähnung - das Land sei damit Vorreiter. © dpa-infocom, dpa:260421-930-971374/1