Datum20.04.2026 21:28
Quellewww.spiegel.de
TLDRUS-amerikanische Streitkräfte leiden unter Munitionsknappheit, insbesondere bei Flugabwehrraketen und Marschflugkörpern, verursacht durch die Einsätze im Iran, der Ukraine und Gaza. Diese Engpässe gefährden die globale Sicherheit und könnten zuerst die Ukraine treffen, die dringend Patriot-Systeme benötigt. Angesichts der Forderung der USA nach einem stark erhöhten Verteidigungsbudget zur Wiederauffüllung der Bestände besteht eine zweijährige Produktionslücke, die die militärische Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt.
InhaltIm Krieg gegen Iran wird die Munition knapp: Es mangelt der US-Armee allmählich an Flugabwehrgeschossen und Marschflugkörpern. Der Engpass macht die Welt unsicher, als Erstes könnte die Ukraine die Folgen zu spüren bekommen. Während die Iraner in ihrer Kriegspropaganda zuletzt auf KI-generierte Lego-Videos setzten, protzt Amerika gern mit technologischer Überlegenheit. Das US-Militär veröffentlicht auf seinen Social Media-Kanälen regelmäßig Aufnahmen der jüngsten Angriffe. Tomahawks zischen aus Kriegsschiffen, Jassm-Marschflugkörper hängen an B-52-Bombern und sollen so in Teheran die Angst vor weiteren tödlichen Schlägen aufrechterhalten. Seht her, wir haben die Reichweite, die Präzision, die Kontrolle – das ist die Botschaft. Nur: Experten lassen sich von martialischen Videos kaum täuschen. Sie warnen, dass den Truppen allmählich die Munition ausgehen könnte. Selbst die Industriekapazität der Supermacht USA scheint mit den Waffengängen in der Ukraine, Gaza, Libanon und Iran allmählich an eine Grenze zu kommen. Die Engpässe haben nicht allein militärtechnische Konsequenzen, sondern können auch geopolitische Folgen haben. "Von den THAAD-Flugabwehrraketen wurden bis zu drei Viertel verschossen, bei den "Patriots" ungefähr die Hälfte", sagt der Militärexperte Mark Cancian vom Center for International and Strategic Studies. "Bei den Marschflugkörpern, den eigentlichen Angriffswaffen, sieht es etwas besser aus, von Tomahawks und Jassm fehlt etwa ein Drittel." Die Luftverteidigung ist besonders wichtig. Vor der Waffenruhe hatte Teheran es geschafft, mit steten Angriffen den eigentlich hochmodernen Schutzschild etwa in Israel oder den Golfstaaten stark zu fordern. In der Folge überwanden immer mehr iranische Raketen oder Drohnen die Flugabwehr und verursachten zum Teil schwere Schäden. Sollten sich die Parteien bei den Friedensgesprächen in Islamabad nicht einigen, könnte der Mangel immer deutlicher hervortreten. Iran dürfte die Waffenruhe derzeit nutzen, um seine zerbombten Raketenstellungen so weit wie möglich wiederherzurichten. Das Land soll nach einem Bericht der "New York Times" noch über 40 Prozent seiner Drohnenvorräte sowie 60 Prozent seiner Abschussvorrichtungen für ballistische Raketen verfügen. Mindestens einige Tage lang könnte Teheran große Salven verschießen, sollte der Krieg wiederaufflammen. Washington und seine Verbündeten müssten gegenhalten, würden noch mehr Munition verbrauchen. Der erste indirekt Leidtragende könnte die Ukraine sein: Kyjiw braucht "Patriots", um sich vor russischen Raketenangriffen zu schützen und hat schon jetzt nicht genug. Es könnte die Situation eintreten, dass die Ukraine und die Golfstaaten auf dem Waffenmarkt um Nachschub konkurrieren. Steigende Preise wären die Folge, Kyjiw würde den Bieterwettbewerb möglicherweise verlieren – und wäre russischen Attacken immer schutzloser ausgesetzt. Geostrategisch noch schwerwiegender wäre der Mangel an Abwehrraketen bei einem möglichen Krieg um Taiwan. China würde bei einer Invasion wohl stark auf seine mächtige Luftwaffe und Raketenangriffe setzen. Wegen der knappen Bestände wäre die Insel so also nicht lange zu schützen. Die Amerikaner würden als Reaktion Ziele in China angreifen, kämen aber wohl nur wenige Kriegstage mit ihren Lenkwaffen aus. Laut dem Militärexperten Franz-Stefan Gady bräuchten die Amerikaner für Schläge auf chinesische Flugabwehr und Rüstungsindustrie etwa 60.000 Präzisionswaffen. Selbst vor dem Angriff auf Iran soll das Pentagon allerdings nur über bis zu 4500 Tomahawks verfügt haben. Von der neuesten Version der "Jassm" hatte es vor dem Krieg etwa 2300 Stück . Experten fragen sich, warum die Amerikaner im Iran so viele ihrer besten Waffen verschossen haben. "Ein Großteil davon wurde wohl in den ersten Kriegstagen verbraucht, als sie noch nicht den Himmel dominierten", erklärt Mark Cancian. Danach hätte es vermutlich nur noch wenige Regionen im Iran mit umkämpften Luftraum gegeben, die den Einsatz von Abstandswaffen anstatt deutlich günstigerer Bomben erfordert hätten. Als Folge des Irankriegs wünscht sich das Pentagon ein um 40 Prozent erhöhtes Budget von 1,5 Billionen Dollar für 2027 an, das allerdings noch vom Kongress genehmigt werden muss. Ein großer Teil des Geldes soll ausgegeben werden, um die knappen Bestände aufzustocken. "Die Vereinigten Staaten fahren ihre Produktion hoch. Allerdings dauert das", sagt Mark Cancian. "Es wird eine Lücke von zwei bis fünf Jahren geben, um wieder auf das Inventar vor dem Krieg zu kommen. Dieses war aber schon nicht groß genug."