Datum20.04.2026 18:38
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Kriminalstatistik für 2025 zeigt einen Rückgang der Gesamtkriminalität, aber einen Anstieg bei Vergewaltigungen und digitaler Gewalt. Innenminister Dobrindt führt dies auf gesunkene Migrationszahlen zurück. Das neue Portal "Nius" von Julian Reichelt wird als polarisierend und AfD-freundlich kritisiert. Friedrich Merz verteidigte auf der Hannover Messe die deutsche Wirtschaftspolitik, während BDI-Präsident vor düsteren Aussichten warnte. Ex-Präsident Karzai äußert sich zur Lage Afghanistans und ruft zur Zusammenarbeit auf.
InhaltDie Kriminalitätsstatistik sagt viel über die Herausforderung der Migration. "Nius" wenig über den Zustand des Journalismus. Und Friedrich Merz alles zum Niedergang Deutschlands. Das ist die Lage am Montagabend. Die drei Fragezeichen heute: Gute Nachrichten sind in den vergangenen Jahren selten geworden – besonders bei einer Frage: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Deutschland? Doch heute war so ein Tag, an dem Innenminister Alexander Dobrindt nicht schwarzmalen wollte: Der Rückgang der Gewaltkriminalität sei ein Anfang, sagte er bei der Präsentation der Kriminalitätsstatistik für 2025. Auch meine Kollegen erkennen eine positive Entwicklung, eventuell sogar eine Art "Trendwende" . Im Vergleich zu 2024 ging die Zahl der in Deutschland registrierten Straftaten tatsächlich um 5,6 Prozent zurück. Das klingt gut. Doch wie so oft gilt: Blickt man auf die Details, verflüchtigt sich der Optimismus etwas. Ein Grund für den Rückgang ist unter anderem die Teillegalisierung von Cannabis. Sie gilt nicht als Erfolg – in der Kriminalstatistik aber wirkt sie sich natürlich aus. Politiker sollten daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, Legalisierung sei ein Instrument, um sich mit sinkenden Zahlen zu schmücken. Gleichzeitig steigen nämlich andere, gravierende Delikte deutlich: die Zahl der Vergewaltigungen, sexuellen Nötigungen und besonders schweren sexuellen Übergriffe nahm um 8,5 Prozent zu. Beunruhigend sind auch die Zahlen zur Gewalt im digitalen Raum: Sie haben sich von 2020 bis 2023 sogar mehr als verdoppelt. Warum wird dann überhaupt gute Stimmung gemacht? Dobrindt sieht seine umstrittene Asylpolitik bestätigt, verweist auf den Rückgang der Migrationszahlen – und die mutmaßlichen Folgen: 7,2 Prozent weniger Gewalttaten von Zuwanderern – vor allem Asylbewerbern und Geflüchteten. Die Statistik ist auch eine Bestätigung für Bundeskanzler Merz, der bei einer Bundestagsdebatte zum Thema Gewalt an Frauen darauf hinwies, dass "ein beachtlicher Teil" davon "aus der Gruppe der Zuwanderer kommt". Der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger hat 2025 bei schweren Sexualstraftaten und Vergewaltigungen trotzdem noch bei 38 Prozent gelegen. Meine Kollegin Lucia Heisterkamp fordert nun in ihrem Leitartikel, die Debatte von Merz tatsächlich wieder aufzunehmen, aber anders zu verankern und differenziert zu führen. Es müsse viel intensiver und ganz grundsätzlich um den Schutz von Frauen gehen. Wer schon immer mal wissen wollte, was Julian Reichelts Portal "Nius" eigentlich so treibt – aber nicht die mentale Stärke besitzt, sich durch die Texte auf der Website des Ex-"Bild"-Chefs zu lesen, kann jetzt 22 Minuten Lesezeit mit dem ausführlichen Porträt meiner Kollegen verbringen. Es ist eine wenig aufbauende Lektüre. Und verbunden mit der Erkenntnis: Solange die finanzielle Förderung bleibt, bleibt auch "Nius": Reichelt hat einen Mäzen, den Multimillionär Frank Gotthardt. Er ist Ehrenvorsitzender des CDU-Wirtschaftsrats Rheinland-Pfalz und Hauptgesellschafter des Eishockeyclubs Kölner Haie.Die deutsche "Mini-Variante" von Fox News polemisiert und diffamiert auf seine Kosten; Reichelt aber ist immer noch davon überzeugt, er sei Journalist und nicht Aktivist (Lesen Sie hier mehr ). SPIEGEL-Reporter Alexander Kühn schrieb erstmals 2018 über Julian Reichelt. Damals porträtierte er ihn als hibbeligen "Bild"-Chefredakteur. Als Alex ihn nun gemeinsam mit unserer Kollegin Ann-Katrin Müller erneut traf, in den Berliner Räumen seines Rechts-außen-Portals, kam Reichelt ihm deutlich ruhiger und fokussierter vor. Statt mit offenem Hemdkragen wie früher empfing er seine Besucher mit Krawatte. "Reichelt mag angenehmer im Auftreten sein", sagt Alex. "Als Medienmacher ist er skrupelloser denn je". Meine Kollegen haben mit großer Akribie Zuspitzungen und Framings gesammelt, Zitate, Dramatisierungen, Behauptungen. Und immer wieder kreist der Text um eine, wenn nicht die zentrale Frage: Wie hält es "Nius" mit der AfD? Manche Texte auf "Nius" lesen sich wie ein Empfehlungsschreiben für eine schwarz-blaue Bundesregierung, schreibt Alex. Reichelt relativiert das, allerdings nur ein Stück weit: "Ich bin nicht für Schwarz-Blau, wenn die AfD so ist, wie sie aktuell ist." Und später: "Die CDU sollte die AfD aufspalten: die Radikalsten raus, die Normalen lassen, dann kann man schauen." "Nius" aber, so sehen sie es in der AfD, hilft der rechtsextremen Partei bei der Normalisierung. Und wie war der Tag heute für Friedrich Merz, unseren Wirtschaftsversteher-Kanzler? Nun ja, er ließ sich bei einem dieser Termine begleiten, der früher ein freundschaftliches Heimspiel bedeutete: beim Besuch der größten Industriemesse der Welt in Hannover. Heute aber war es eher ein Spießrutenlauf mit Fremdscham-Potenzial. Ein paar Stunden zuvor hatte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie die Stimmung auf Endzeit gestellt: Für 2026 rechne man nicht mehr mit einer Erholung. Keine rosige Bilanz für einen Unionskanzler. Merz versuchte im Gegenzug, die Wirtschaft mit Wucht zu umgarnen. Besonders lehrreich ist ein Dialog mit Vertretern aus der Wirtschaft, den meine Kollegen Gerald Trauvetter und Martin Hesse festgehalten haben: "Wir setzen die Standards", habe er, Friedrich Merz, Donald Trump gesagt. Er könne nur hoffen, dass der Amerikaner sein Angebot annimmt. Und wenn nicht, wurde Merz gefragt. Der Kanzler machte eine Pause, die Manager auf der Tribüne sollten einmal Luft holen. "Dann machen wir es eben selber", rief er. Und dann schreiend: "Ja, verdammt noch mal, was hindert uns denn dann?" Ja, verdammt noch mal, was hindert Merz eigentlich daran, endlich eine überzeugende Wirtschaftspolitik zu machen? Vielleicht seine Ministerin? Vielleicht fehlende Visionen? Dieser Auftritt jedenfalls klang so gar nicht nach strategischer Souveränität. Sondern nach dem immer gleichen Reagieren auf den großen Ex-Freund. Nur noch selten ist etwas zur Lage in Afghanistan zu lesen. Am wenigsten erfahren wir vom individuellen Schicksal der Frauen, deren Leben sich seit der Rückkehr der Taliban so dramatisch verändert hat. Die Taliban hatten das Arbeits- und Schulverbot einst ja als vorübergehend angekündigt. Inzwischen aber gehen die Mädchen seit fast fünf Jahren nicht mehr zur Schule und an die Universitäten. Wie es ihnen geht, möchte man wissen: Ob sie Wege finden, weiterzulernen. Ob sie sich noch etwas zutrauen. Ob sie Hoffnung haben, dass sich ihr Schicksal doch noch wendet. Meine Kollegin Susanne Koelbl hat nun mit Hamid Karzai gesprochen – jenem Mann, der einmal als große Hoffnungsfigur galt, als erster gewählter Staatschef Afghanistans (bis 2014). Heute lebt er in Kabul mit seiner Familie und seinen drei Töchtern. Weil er die Taliban öffentlich kritisiert hat, steht er immer wieder unter Hausarrest. Und doch spricht er jetzt mit uns (Lesen Sie hier das Interview ). Fünf Jahre, sagt Karzai, seien "eine sehr, sehr lange Zeit" – der Verlust sei immens für die jüngere Generation und für die Zukunft des Landes. Dass das Verbot noch immer nicht aufgehoben sei, nennt er jedoch ein "Rätsel". Religiöse Gelehrte im Land hätten wiederholt dazu aufgerufen, dass Mädchen wieder zur Schule gehen und Frauen arbeiten sollten. Trotzdem bleibe Widerstand selten. Die Menschen seien kriegsmüde, sagt Karzai, erschöpft nach Jahrzehnten der Gewalt – und zu arm, um sich aufzulehnen. Zugleich besteht er auf einem Satz, der aus europäischer Perspektive schwer auszuhalten ist: Afghanistan sei die Heimat all seiner Bewohner, auch der Taliban. Ein wohlhabendes Afghanistan könne es nur geben, wenn alle gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiteten. Man kann diesen Gedanken als Zumutung empfinden – oder als Versuch, unter schwersten Bedingungen, einen Ausweg zu formulieren. Das windelweiche Erwachen: Christian Lindner, 47, hatte große Pläne für seine Freizeit nach dem Ausscheiden als FDP-Chef und seine Elternzeit. Bücher schreiben, zum Beispiel. Pech nur, dass er unterschätzte, was es bedeutet, Vater zu sein. Jetzt outete er sich gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung" : "Wer behauptet, Baby plus Business sei problemlos vereinbar, macht den Leuten ein X für ein U vor." Aus einem Artikel der "WAZ" über die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer: "Das Publikum gilt als vierter Mann." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Bücher als E-Book zu lesen, macht nur halb so viel Freude wie auf Papier. Heute Abend aber werde ich eine Ausnahme machen. Es geht um eine Lektüre, die man nicht aufschieben sollte – sonst wird das nie etwas. Selbst der Gang in die Buchhandlung ist dafür schon zu viel Ablenkung. Es muss heute Abend sein. Ich werde den Impuls nutzen, den mein Kollege Tobias Rapp heute bei mir ausgelöst hat : Ich möchte Ayn Rand (1905 bis 1982) kennenlernen. Tobias erklärt anhand ihres Romans "Atlas Shrugged", warum libertäre Ideen in den USA so viel stärker wirken als in Deutschland. Der Roman prägt bis heute die amerikanischen Techeliten. In Deutschland, schreibt Tobias, sei Rand hingegen kaum präsent: Buchhandlungen führten sie selten, man müsse ihren Namen buchstabieren. In den USA ist sie ein Faktor: "Atlas Shrugged" wurde millionenfach verkauft und wird von Jeff Bezos, Steve Jobs, Elon Musk oder Peter Thiel als das prägende Buch genannt. Der Roman propagiert die Idee, dass wenige "Genies" die Welt tragen – und alles kollabiert, wenn diese Leistungsträger sich zurückziehen. Der Roman liefert eine ideologische Blaupause für den Libertarismus: individuelle Freiheit als absoluter Wert, Misstrauen gegenüber Staat, die Abwertung "der Durchschnittlichen". Alles, was schmerzt, in einem Buch. Tobias schließt mit der Hoffnung, Ayn Rand würde die heutigen Techmilliardäre und Trump-Leute kritisieren, weil sie ihre Macht zur Bereicherung nutzen. Von diesem Happy End muss mich allerdings die Lektüre noch überzeugen . Einen schönen Abend. Herzlich Ihre Swantje Karich, Redakteurin im Ressort Meinung und Debatte