Datum20.04.2026 15:22
Quellewww.spiegel.de
TLDRAngesichts der Sorge um eine mögliche Kerosinknappheit fordert die Linken-Chefin Schwerdtner ein Verbot von Kurzstreckenflügen unter 500 km und die Streichung von Privatjetflügen. Ähnliche Forderungen äußern auch die Grünen. Die Bundesregierung versichert, dass die Versorgung gesichert sei, kündigt aber vorsorglich Maßnahmen an. Die tatsächliche Knappheit ist noch ungewiss, aber die IATA und IEA warnen vor möglichen Flugausfällen und notwendigen Anpassungen im Flugbetrieb.
InhaltWird in Deutschland das Kerosin knapp? Die Bundesregierung ist alarmiert – und aus der Opposition kommt die Forderung nach einem Aus für Flüge unter 500 Kilometer. Die Linken-Co-Vorsitzende Ines Schwerdtner fordert von der Bundesregierung Maßnahmen gegen eine drohende Kerosinknappheit. "Alle Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, müssen auch einen Sommerurlaub haben", sagte Schwerdtner. Wenn Kerosin knapper werde, dürfe das nicht zulasten der Mehrheit gehen. "Während Familien jeden Euro zweimal umdrehen müssen, fliegen Manager und Superreiche weiter bequem durch die Gegend, oft auf Strecken, die man problemlos mit dem Zug zurücklegen kann." Flüge in Privatjets und Kurzstrecken unter 500 Kilometer gehörten jetzt gestrichen, so die Linken-Co-Vorsitzende gegenüber dem SPIEGEL. "In so einer Krise möchte ich niemandem den Sommerurlaub strittig machen, sondern allen Managern sagen: Nehmt mal eure BahnCard 100 und setzt euch in den ICE. Es kann nicht sein, dass Superreiche weiterhin mit Privatjets unterwegs sind und dadurch ein ohnehin knappes Gut weiter verknappen", sagte Schwerdtner. Ähnlich hatte die Linken-Politikerin sich zuvor auch auf einer Pressekonferenz in Berlin geäußert. Schwerdtner unterstreicht damit eine Forderung, die die Linken seit Längerem erheben. Im Wahlprogramm von 2025 heißt es: "Flüge, die kürzer sind als 500 Kilometer oder fünf Zugstunden, wollen wir verbieten." Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) warf die Linken-Chefin vor, die Augen vor einer drohenden Knappheit zu verschließen. Das füge sich in das Bild "einer überforderten Ministerin, die vor allem die Interessen ihrer Lobbyfreunde im Blick hat und nicht das große Ganze", so Schwerdtner. Wer das Geschehen aufmerksam verfolge, erkenne unschwer, dass auch Kerosin in absehbarer Zeit knapp werden könnte. Auch der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner hält angesichts eines möglichen Treibstoffmangels innerdeutsche Flüge für verzichtbar. Das gelte auch für Kurzstreckenflüge ins europäische Ausland oder Privatjets, sagte Kellner der Nachrichtenagentur dpa. "Deutschland sollte sparen." Frachtverkehr und internationale Verbindungen sollten Vorrang haben, Rettungsflüge sowieso, sagte Kellner. Für die Zukunft sollte die Bundesregierung endlich eine Entscheidung über eine "grüne Kerosin-Fabrik" in der Lausitz treffen. E-Fuels im Luftverkehr seien dringend notwendig. Wirtschaftsministerin Reiche hatte für den Fall eines Kerosinmangels Gegenmaßnahmen angekündigt – gleichzeitig aber vor Alarmismus gewarnt. Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei gewährleistet, sagte die CDU-Politikerin am Montag im "Deutschlandfunk" – sowohl bei Benzin, Diesel als auch Kerosin. "Wir stehen nicht unvorbereitet da", sagte die Ministerin. "Wir lassen uns aber nicht treiben. Wir handeln gezielt, wir handeln abgestimmt mit kühlem Kopf." Deutschland habe sich sehr früh an der historischen Freigabe strategischer Ölreserven über die Internationale Energieagentur (IEA) beteiligt. 2,6 Millionen Tonnen Öl würden langsam in den Markt gegeben. Zusätzlich halte der Erdölbevorratungsverband rund 1,1 Millionen Tonnen Kerosin vor. Staatssekretäre des Bundeswirtschaftsministeriums sowie des Bundesverkehrsministeriums wollten an diesem Montag mit Branchenverbänden über die Versorgungslage bei Flugtreibstoffen beraten. Bei der Eröffnung der Hannover Messe hatte am Sonntagabend Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine Reaktion der Bundesregierung auf den drohenden Mangel von Kerosin angekündigt. "Wir werden sehr zeitnah einen Nationalen Sicherheitsrat zu dem Thema Versorgungssicherheit einberufen", sagte er in seiner Eröffnungsrede im Kongresszentrum von Hannover. Momentan gelte die Versorgung mit Kerosin als angespannt, aber sicher. "Wir sind auf Maßnahmen vorbereitet", sagte Merz. Die deutsche Wirtschaft und die Bürger müssten sich darauf verlassen können, dass die Versorgung mit zentralen Produkten wie etwa Diesel, Benzin, Flugbenzin gesichert bleibe, erklärte der Kanzler in Hannover. Am Samstag hatte Vizekanzler Lars Klingbeil im SPIEGEL gefordert: "Wir müssen die Warnungen vor Kerosinknappheit sehr ernst nehmen. Für mich ist klar: Wir sollten nicht nur das Preisproblem angehen, sondern müssen jederzeit auch die Versorgungssicherheit im Blick haben." Aktuell gibt es keinen Mangel an Flugtreibstoff in Deutschland. Ob es zu einer Lücke kommt, ist ungewiss. Die Luftfahrt hierzulande hat nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) einen Bedarf von rund neun Millionen Tonnen Treibstoff im Jahr. Nach Daten des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie (en2X) von 2024 deckten Raffinerien in Deutschland 45 Prozent des Bedarfs. Sie verarbeiten Rohöl aus zwei Dutzend Ländern wie Norwegen, USA, Großbritannien oder Kasachstan – und mittlerweile nichts mehr aus dem Nahen Osten. Gut ein Drittel wird importiert, überwiegend aus der Golf-Region, der Rest aus den Niederlanden. Laut der Bundesregierung lagert der Erdölbevorratungsverband (EBV) derzeit rund eine Million Tonnen Kerosin. Dieser Vorrat reicht für sechs Wochen. Es wird zugleich Kerosin weiter produziert – den Airlines geht also nicht in sechs Wochen der Sprit aus. Die Bundesregierung hat aus der strategischen Reserve bis Ende April 50.000 Tonnen Kerosin freigegeben, die laut Wirtschaftsministerium bisher kaum abgerufen werden. Der internationale Airline-Verband IATA erklärte zuletzt am Freitag, in Europa könnten Flüge ab Ende Mai ausfallen, weil der Treibstoff knapp wird. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert einen Mangel an Kerosin ab Juni, wenn Europa nur die Hälfte der Lieferungen aus dem Nahen Osten ersetzen kann. Airlines könnten trotz ausreichender Versorgung in Europa Flüge nach Asien streichen müssen, wenn sie dort wegen der kritischen Versorgungslage nicht genug für den Rückflug tanken könnten. Es gibt erste Flugstreichungen, die mit den massiv gestiegenen Kerosinpreisen begründet werden. Die Lufthansa stellte ab Samstag den Betrieb der Regionaltochter Cityline kurzfristig ein, allerdings auch wegen der Streikkosten durch Tarifstreit mit den Gewerkschaften VC und UFO. Das betrifft sieben Prozent der Flotte von Lufthansa Airlines. Einschnitte bei der Kernmarke Lufthansa sind ab Oktober geplant, wenn ältere Langstreckenflugzeuge vorzeitig außer Dienst gestellt werden sollen. Ein gutes Dutzend Airlines kappte inzwischen das Angebot – darunter KLM mit 160 gestrichenen Europa-Flügen. Viele verlangen Preisaufschläge.