Datum19.04.2026 21:30
Quellewww.zeit.de
TLDRJoschka Fischer bezeichnet die ungarische Wahl als entscheidend für Europas Zukunft und warnt vor Nationalismus. Er freut sich über den konservativen, nicht linken Sieg. Fischer betont die Gefahr des Nationalismus, wie ihn Orbán vorantrieb, für Demokratie und Frieden und warnt vor einem Erstarken der AfD. Er hebt die emotionale Bedeutung Ungarns für ihn hervor und ruft dazu auf, jegliches Wiedererstarken des Nationalismus in Deutschland zu verhindern.
InhaltDas Ende der Ära Viktor Orbán sei wichtig für das Schicksal Europas, findet Joschka Fischer. Zugleich warnte er vor einem Wiedererstarken des Nationalismus in Europa. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hat das Ergebnis der Parlamentswahl in Ungarn als zentral für die Zukunft Europas bezeichnet. "Ich denke für Europa war das wichtig", sagte der frühere Grünen-Politiker (78) auf der 80-Jahrfeier der ZEIT in Hamburg im Rahmen einer Live-Aufnahme für den ZEIT-Podcast "Alles gesagt". Zugleich ordnete er ein: "In Budapest wurde kein Linker gewählt, sondern ein Konservativer. Und das hat mich sehr gefreut." Der Nationalismus, wie ihn rechte Parteien wie die vom bisherigen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán vorantrieben, sei nicht nur eine große Gefahr für die Demokratie, sondern auch für das friedliche Zusammenleben auf diesem Kontinent, sagte Fischer. Es stelle sich aktuell auch für Deutschland die Frage: "Was wird aus uns?" Und diese Frage hänge eng mit Europa zusammen. "Ungarn hat für mich emotional große Bedeutung", sagte Fischer weiter. Das beginne beim Essen und gehe bei Religion und Politik weiter. Fischer wuchs in Ungarn auf, seine Eltern waren sogenannte "Ungarndeutsche", die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Heimatort verlassen mussten. Zugleich warnte Fischer eindringlich vor einem Erstarken des Rechtsextremismus. "Ich glaube, das ist ein großes Problem von uns allen, dass wir ein Stück weit unsere Geschichte verlernt haben", sagte er. "Die AfD ist zum ersten Mal ein historisches Problem. Die Re-Nationalisierung findet nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa statt. Wenn diese Kräfte sich durchsetzen, heißt das, sich von Europa zu verabschieden. Und dieser nationalistische Rückfall, diese Pest, die darf nicht siegen", sagte er. "Wir meinen, wir sind gute Europäer, gute Demokraten. Aber wir haben Nachbarn, selbst engste Freunde, die haben die Vergangenheit nicht vergessen", sagte er. Man müsse sich fragen, ob die Wiedervereinigung heute noch einmal unter den gleichen Bedingungen stattfinden würde. "Ich habe da so meine Zweifel." In Deutschland müssten jetzt alle alles ihnen Mögliche tun, damit es kein Wiedererstarken des Nationalismus gebe, sagte Fischer. Fischer war Teil der ersten Regierungsbeteiligungen der Grünen überhaupt, sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene. War er als junger Erwachsener noch in der Studierendenbewegung unterwegs, machte er bald in der neu gegründeten Grünen-Partei Karriere. Er war Staatsminister für Umwelt und Energie in der ersten rot-grünen Landesregierung in Hessen. Schon damals machte er Schlagzeilen, weil er in weißen Turnschuhen zur Vereidigung erschien. Seit 1983 saß er als Abgeordneter der Grünen im Bundestag. 1998 bildeten die Grünen ihre erste Bundesregierung mit der SPD. Fischer wurde Vizekanzler unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Als Außenminister trug er umstrittene Entscheidungen mit, wie den Nato-Einsatz im Kosovo-Krieg. Dem Irakkrieg der USA schloss sich die Regierung unter Fischer jedoch nicht an. Fischer gilt als Kritiker des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump und seiner Regierung. Für Fischer besiegelte Trump "das Ende des Westens", als er mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskyj auf Konfrontation ging. Auch vor einem möglichen Ende der Nato-Mitgliedschaft der USA und einer Bedrohung durch Russland unter dem Präsidenten Wladimir Putin hatte Fischer schon Anfang 2025 gewarnt.