Datum19.04.2026 14:55
Quellewww.spiegel.de
TLDRAuf der Uhrenmesse Watches & Wonders dominiert Rolex, doch der bröckelnde Glanz wird durch eine kaputte Rolltreppe symbolisiert. Während das Luxussegment teurer wird, klagen CEOs über den starken Franken und globale Krisen. Stars wie Usain Bolt und Patrick Dempsey bevölkern die Stände. Rolex präsentiert neue Modelle, darunter eine auffällige Daytona. Branchengrößen wie Vacheron Constantin und Tudor zeigen historische Tiefe. Der starke Anstieg der Uhrenpreise im Verhältnis zu Gehältern gibt zu denken.
InhaltAuf der Watches and Wonders in Genf, der größten Uhrenmesse der Welt, dominieren wie jedes Jahr die Neuheiten von Rolex. Aber etwas ist diesmal anders. In dieser Welt, in der alles perfekt ist, freundlich und glänzend, am Eingang der Genfer Messehallen, ist die Rolltreppe kaputt. Es ist der 14. April, die große Eröffnung, da wühlt sich ein Mann in Arbeitermontur in das Innere des Kettensystems, umstellt von gelben Sperrgittern, und die Vorbeieilenden in ihren Kostümen, mit ihren Hermès-Handtaschen und Einstecktüchern, spendieren ihm einen schnellen Seitenblick. Sie marschieren die Treppen hoch, und auch ich marschiere, der Mann mit Notizblock. Was ist nur los mit den Rolltreppen der Welt? Sie versagten reihenweise am Berliner Hauptbahnhof und sie ermüdeten bei den Vereinten Nationen in New York, als Donald Trump sich gerade auf ihre Stufen stellte, bereit, die Welt mit neuem Wahnsinn zu befüllen. Wenn ihr Endloskettensystem, das immer in Bewegung ist, ein Symbol ist für das Weiter-so, dann ist ihr Stehenbleiben vielleicht ein Symbol für ein Es-geht-nicht-mehr? Und wenn das so ist, was bedeutet das für die Welt der luxuriösen Uhren? Viele Dinge sind wie jedes Jahr. Hype um Rolex und Co.: Seit Jahren spielt die Welt der Uhren verrückt. Preise steigen und fallen. Hinter der Hysterie suchen Liebhaber nach Vintagemodellen, Microbrands und Raritäten. In der unbestechlichen SPIEGEL-Uhrenkolumne porträtiert Felix Dachsel regelmäßig Menschen und ihre Uhren. Wollen Sie Ihre Uhrengeschichte teilen? Dann schreiben Sie an uhrenkolumne@spiegel.de oder unserem Autor direkt auf Instagram . Am Eingang riecht es noch nach Holz, die Messebauer haben bis zur letzten Minute geschraubt. Im Pressezentrum der Watches and Wonders, der größten Uhrenmesse der Welt, kann man morgens den Kreislauf ankurbeln mit Veuve Clicquot, die Flaschen sind eisgekühlt, und dann eilt man los zu den Touch-and-feel-Sessions, bei denen man eine Uhr berühren und befühlen darf. Man trifft CEOs, die auf die Frage, wie die Geschäfte im Moment laufen, Varianten von "sehr gut" anbieten. Man trifft CEOs morgens beim Joggen am See. Wenn man aber länger mit ihnen redet, dann teilen sie ihre Sorgen. Da ist der starke Schweizer Franken, der die Exporte gefährdet. Die Krisen der Welt: Ukraine, Israel, Iran. Die Zölle. Da ist die große Unsicherheit, vom amerikanischen Präsidenten täglich angefacht. Und da ist dieser Fluchtimpuls im Einstiegssegment: Alle wollen die Preise heben, um mehr Umsatz zu machen. Ran an die wirklich reichen Leute. Die gute Uhr für weniger als 3000 Euro, wie es sie beispielsweise bei Oris gibt, wird eine Rarität. Die Sorgen bleiben in Hinterzimmern, abgeschirmt durch vorgehaltene Hände, die Show geht unbeirrt weiter. Am Stand von Hublot sitzt Usain Bolt auf einem Sofa unter einem gigantischen Bild von Usain Bolt und gibt Interviews. Patrick Dempsey, der Schauspieler, spaziert mit einer kleinen Eskorte durch die Gänge der Messehallen, er repräsentiert TAG Heuer. Am Stand von IWC bildet sich eine Menschentraube, die sich spaltet, als habe Moses Hand angelegt. Alle warten aufgereiht mit Handys im Anschlag und fragen sich gegenseitig, auf wen man hier eigentlich wartet. Womit die Schönheit und die Gefahr von Suggestion gut beschrieben ist. Da biegt der Rennfahrer George Russell ums Eck, mit altertümlicher Gelassenheit und einer Eskorte, die Patrick Dempsey neidisch machen würde. Bei Rolex verpasse ich Jannik Sinner um Minuten, den italienischen Tennisspieler mit den roten Locken, er hat sich wahrscheinlich die Neuheiten angesehen, als Botschafter der Marke. Ich würde ihm die neue "Datejust" empfehlen, mit einem sogenannten Ombré-Zifferblatt, mein Favorit. Ombré, das habe ich gelernt, heißt "schattiert" oder "abgestuft", was gleich weniger vornehm klingt. Schattiert auf diesem Zifferblatt ist ein saftiges Grün, das an einen Golfplatz im Frühsommer erinnert. Das Grün verdunkelt sich, Richtung Lünette, zu einem nachtdunklen Schwarz. Allgemeines Aufsehen erregen andere Rolex-Modelle, eines feiert farbenfroh das hundertjährige Jubiläum des Oyster-Gehäuses. Das Oyster-Prinzip ist Glaubensbekenntnis und Grundstein der Rolex-Kollektion: Ein wasserdichtes Gehäuse, so verschlossen wie eine Auster, 1926 eingeführt. Die Jubiläumsuhr, eine "Oyster Perpetual" in 36 Millimetern, hat ein lackiertes Zifferblatt, auf dem der Markenname farbig interpretiert wird. Man kann es als ironischen Meta-Kommentar zur konservativen Zurückhaltung des Marktführers lesen: Wir können auch anders, wir feiern auch mal. Die zweite Rolex, über die man auf der Messe spricht, ist eine "Daytona" mit einem weißen Emaille-Zifferblatt, Referenz 126502, Spitzname "Albino". Sie ist zwar nicht Teil des offiziellen Katalogs, wird wohl nur in geringen Stückzahlen produziert und liegt bei schwer erreichbaren rund 56.000 Euro, zeigt aber eine interessante Entwicklung der Marke. Rolex verfeinert nicht nur das Innere der Uhren, entwickelt ambitionierte Werke, wie das der Land-Dweller, 2025 vorgestellt, mit neuem Hemmungssystem und Siliziumspirale . Rolex will auch Materialien veredeln, das Äußere verfeinern, Gehäuse, Bänder und Zifferblätter. Emaillierung ist ein aufwendiges Verfahren mit viel Ausschuss, Zifferblätter werden bei hohen Temperaturen gebrannt. Im Internet diskutieren die Nerds schon, ob es sich hier um ein echtes Grand-Feu-Verfahren handelt. Es sind die Kämpfe ums Detail, die skurril sind und schön gleichermaßen. Schön ist, dass am Rande der Messe Georges Kern eine wiedergeborene Marke vorstellt, er hat sie in nur zwei Jahren revitalisiert, Universal Genève . Die ersten Modelle sind beeindruckend. Nach der Vorstellung, beim Hinausgehen, treffe ich den sympathischen Universal-Sammler Fred Mandelbaum und wir verabreden uns für einen Abend in Wien, an dem wir über alles reden außer Uhren. Schön ist auch, nach Stunden in den Messehallen mit künstlichem Licht und stehender Luft durch einen Notausgang an die Sonne zu gehen. Dem Außerweltlichen zu entkommen. Auf der Rückseite der Messe rauchen Hostessen, telefonieren Securitys. Baustellengitter, Staub. Das gute, normale Leben hinter den Uhren und Wundern. Schön ist ein Abend bei Tudor, der unprätentiösen Schwestermarke von Rolex, die in diesem Jahr hundert Jahre alt wird. Ohne großes Aufsehen zeigt man im Genfer Headquarter, bei buttrigen Sandwiches und Bier, zwei Dutzend Enthusiasten die größte Sammlung an historischen Modellen, die je in einem Raum zusammengekommen ist. Die Uhren liegen auf einem langen Tisch, dürfen angelegt und fotografiert werden. Die Besitzer der Schätze sind auch gekommen, sie stehen wie stolze Väter vor ihren Uhren und wollen erzählen. Auf einem Stapel liegen historische Dokumente, zum Beispiel jener Brief, mit dem Hans Wilsdorf die Marke 1926 registrieren ließ. Man sieht den Vorgänger einer Uhr, die Tudor in diesem Jahr neu auflegt und für mich zu den Entdeckungen der Messe gehört, die "Monarch". Scharfkantiges Gehäuse, dunkles Champagnerblatt. Überraschend kommt der Rolex-Chef vorbei, Jean-Frédéric Dufour, er stellt sich ohne Aufhebens in die Reihe und lässt sich die historischen Modelle erklären, spricht mit den Sammlern, die teilweise sehr große Accounts auf Instagram haben, auf denen sie ihre Identität nicht preisgeben. Und ich erinnere mich, warum ich Uhren liebe. Mit einem britischen Uhrensammler, groß und glatzköpfig, rede ich über Vaterschaft. Einer seiner Kumpel hat für seine Tochter eine didaktische Uhr entwickelt, damit sie das Uhrenlesen lernt. Er erzählt von den Nachmittagen mit seiner Tochter: Kino, spazieren gehen. Ich erzähle ihm von meinem Vater, der in diesen Tagen 70 wird. Ich habe eine Uhr für ihn gravieren lassen, mit der ich mich bei ihm bedanke für alles, was er für uns Söhne getan hat, er hat gekämpft wie ein Löwe. Und da stehen wir also zwischen all den Uhren, mit einem buttrigen Sandwich in der Hand und einer halben Träne im Auge. Und wenn wir schon bei Gefühlen sind: In den Messehallen präsentiert Nomos aus Glashütte eine Konzeptuhr, die "Twice Unique", die eigentlich weniger eine Uhr ist, sondern ein Prinzip. Von fünf bekannten Nomos-Modellen gibt es Pärchen aus Stahl und Gold, mit einer Zifferblattgestaltung, die es nur einmal gibt weltweit, ein doppeltes Unikat also. Man schenkt einem Menschen, mit dem man etwas verbindet, die eine Uhr und behält die andere für sich selbst. Schöner Gedanke, so zieht man andere rein in dieses schöne Hobby. Zudem stellt Nomos auf der Messe eine weiße Version seines Worldtimers vor, der die letztjährige Watches and Wonders erobert hatte. Auch der gefällt mir gut. Am Stand von Vacheron Constantin, der ältesten noch existierenden Uhrenmarke der Welt, treffe ich einen der klügsten Menschen, die es in dieser Industrie gibt. Er ist der Wächter der Vacheron-Historie, der Herr über die Archive, Christian Selmoni. Wir setzen uns in einen Hinterraum, auf dem Tisch stehen frische Blumen. Selmoni hat sein Tempo, den ruhigen Takt der Nachdenklichkeit, und erzählt keine glattgebügelten Geschichten, die man sich in diesen Hallen gern erzählt. Selmoni muss nicht übertreiben. Vacheron Constantin hat die längste Geschichte der Uhrenwelt und erneuert sich aus dieser Geschichte selbst. Ein Beispiel ist die "American 1921", deren Zifferblatt um 45 Grad gedreht ist. Sie überzeugt mich aus zwei Gründen. Erstens sehe selbst ich elegant aus mit dieser Uhr. Und zweitens bildet sie einen entscheidenden Moment der Zeitgeschichte ab, die goldenen Zwanzigerjahre, das ist eine historisch relevante Uhr. Vor hundert Jahren breitete sich ein Geist der Mobilität aus, und Vacheron Constantin baute die Uhr für diesen Moment. Eine Uhr für Autofahrer, die eine Uhr wollten, die sie ablesen konnten mit Händen am Lenkrad. Deswegen das verdrehte Zifferblatt. Die "American 1921" zeigt die Fähigkeit von Vacheron Constantin, den Zeitgeist einzufangen", sagt Selmoni. Wenn er nun nach vorn blickt, zu seinen Kollegen der Zukunft, die mal darauf schauen werden, wie er seine Arbeit gemacht hat als Verteidiger des Erbes: Was hofft er dann, was die Kollegen sehen? "Dass ich meine Arbeit gut gemacht habe, das Erbe von Vacheron Constantin zu unterstreichen. Wir waren da in der Vergangenheit manchmal etwas schüchtern, haben nicht viel drüber gesprochen. Waren bestimmt von Bescheidenheit." Also mal ohne Bescheidenheit. Wir sprechen über das Handwerk, das man bei Vacheron Constantin seit 271 Jahren beherrscht, das Gravieren beispielsweise und das Emaillieren. Hat das einen Einfluss auf die Industrie, wenn nun auch Rolex mit Emaille-Zifferblättern arbeitet? Selmoni spielt, ohne seinen Namen zu nennen, auf den unabhängigen Genfer Uhrmacher Rexhep Rexhepi an, der vor der Messe einen Chronografen mit Emaille-Blatt vorstellte und, das sind nun meine Worte, die Liebhaber in Verzücken versetzt. Vielleicht ist es die Bewegung der Krise: dass man nicht größer und lauter wird, sondern feiner. Sich vertieft in die Kontemplation des Handwerks. Bei Audemars Piguet lässt sich Jean Arnault bei einer Führung durch die CEO Ilaria Resta die Neuheiten zeigen, er wirkt beinahe schüchtern. Sein Vater hat das größte Luxusimperium der Welt aufgebaut, LVMH, und Jean hat die schöne und anstrengende Aufgabe, die Uhren des Imperiums weiterzuentwickeln. Ja, bei Audemars Piguet kann man lernen, wie das geht. Vor meiner Abreise aus Genf treffe ich Gisbert Brunner, den Uhrenpapst , der im Presseraum vor seinem Laptop sitzt und Bilder bearbeitet. Brunner hat ein Standardwerk über Rolex geschrieben und beobachtet die Branche seit Jahrzehnten. Er wird nächstes Jahr 80, könnte in Italien vor seinem Haus sitzen und in den Himmel schauen, aber er hastet durch die Messehallen, von einer Neuheit zur nächsten. Was fiel ihm auf dieses Jahr? "Wenn ich hier rumgehe und mir die Preise anschaue, dann frage ich mich teilweise, wer das kaufen soll. Man erreicht mit diesen hohen Preise nur eine marginale Gruppe von Menschen." Er habe sich 1964 seine erste Uhr gekauft, eine Carrera von Heuer. Für 321 Mark. Sein Vater habe damals als leitender Ingenieur 660 Mark netto verdient. Die Carrera kostete damals also ein halbes Monatsgehalt. "Wenn man heute beispielsweise zu TAG Heuer geht und einen einfachen Chronografen will, die Monaco, kostet die über 9000 Euro. Wer verdient denn heute 18.000 Euro netto im Monat? Da reden wir wahrscheinlich von 0,2 bis 0,5 Prozent der deutschen Bevölkerung." Brunner hat zu Hause Aufzeichnungen gesammelt, eine privat erstellte Statistik: die Uhrenpreise der vergangenen Jahrzehnte im Vergleich zum Gehalt eines Oberarztes. "Es ist unglaublich, wie weit die Schere in den Jahren auseinandergegangen ist." Als ich abreise, steht die Rolltreppe am Eingang noch immer still. Sie ist abgesperrt mit einem roten Band.