Datum19.04.2026 10:19
Quellewww.zeit.de
TLDRErfurt/Berlin – Die geplante Schließung des Zalando-Logistikzentrums in Erfurt und der dadurch bedrohte Verlust von 2.700 Arbeitsplätzen lösten am Samstag eine Protestkundgebung aus. Mitarbeiter, Gewerkschaften und mehrere Politiker kritisierten scharf den Umgang Zalandos mit der Belegschaft. Ein Unternehmenssprecher reagierte mit Verständnis für die Emotionen, betonte jedoch die Notwendigkeit konstruktiver Verhandlungen in der Einigungsstelle, während der Betriebsrat dies ablehnt. Zalando begründet die Schließung mit einer Neuausrichtung des Logistiknetzwerks.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Arbeitsplätze“. Lesen Sie jetzt „Protest gegen Zalando-Aus in Erfurt – Unternehmen reagiert“. Bei einer Kundgebung gegen die geplante Schließung des Zalando-Standortes in Erfurt haben sich Mitarbeiter, Gewerkschafter, aber auch prominente Politikvertreter Luft gemacht. Vor allem der Umgang des Internet-Modehändlers mit der Belegschaft und dem Betriebsrat stand dabei im Mittelpunkt der Kritik. "Der hat bei der letzten Betriebsversammlung einen neuen Tiefstand erreicht: Da war von der Geschäftsleitung gar keiner mehr da", sagte Verdi-Gewerkschaftssekretär Matthias Adorf bei dem Protest am Samstag vor dem Erfurter Hauptbahnhof. Auch Arbeitsministerin Katharina Schenk kritisierte den Dax-Konzern und seine nach ihrer Ansicht fehlende Kooperationsbereitschaft deutlich. "Ich war stocksauer", fasste die SPD-Politikerin ihr Empfinden nach ihrem Besuch bei der Betriebsversammlung am vergangenen Mittwoch zusammen. Sie unterstellte Zalando ein "systematisches "In-den-Arsch-Treten" von den Menschen, die den Erfolg erwirtschaftet haben". Sie betonte: "Starke, gesunde, gut bezahlte Arbeitnehmer sind die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg, sonst nichts." Neben Schenk waren auch andere Politiker vor Ort, darunter Finanzministerin Katja Wolf und Infrastrukturminister Steffen Schütz (beide BSW), sowie der ehemalige Ministerpräsident und Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke). Gewerkschaftssekretär Adorf betonte, dass es nicht nur um Arbeitsplätze gehe, sondern auch um Biografien. Als er selbst vor einigen Jahren bei Zalando gearbeitet habe, habe er dort seine heutige Ehefrau kennengelernt. "Das ist nicht die einzige Zalando-Ehe, die es hier in Erfurt gibt." Das Unternehmen entzögen den Beschäftigten den Boden, auf dem Ehen, Beziehungen Freundschaften entstanden seien und auf dem auch die wirtschaftliche Existenz stehe. "Wir haben Verständnis für die Emotionen der Betroffenen", betonte ein Unternehmenssprecher von Zalando in einer schriftlichen Mitteilung als Reaktion auf die Kundgebung von Samstag. "Klar muss aber auch sein: Wirkliche Fortschritte für die Belegschaft erzielen wir nur durch konstruktive Sacharbeit am Verhandlungstisch im Rahmen der Einigungsstelle." Die Einigungsstelle soll einer Arbeitsgerichtsentscheidung zufolge im Konflikt um die Schließung schlichten. Zalando hatte die Schlichtungsinstanz beantragt und das Gericht angerufen. Das Arbeitsrecht sieht Einigungsstellen in Unternehmen vor, wenn sich Betriebsrat und Arbeitgeber in wichtigen Fragen nicht verständigen können. Zalando sei bereit, die Arbeit in der Einigungsstelle sofort zu beginnen und würde es begrüßen, "wenn der Betriebsrat der Entscheidung des Arbeitsgerichts folgen würde, so dass wir gemeinsam die zu klärenden Punkte besprechen können", so der Unternehmenssprecher. Der Betriebsrat wiederum lehnt die Einigungsstelle ab. Er hält das Gremium für nicht notwendig und betont, offen für direkte Gespräche über Interessenausgleich und Sozialpläne zu sein. Im Zalando-Logistikzentrum in Erfurt sind rund 2.700 Arbeitnehmer beschäftigt. Nach den Plänen des Dax-Konzerns soll es im September geschlossen werden. Dagegen wehrt sich die Arbeitnehmervertretung. Den für Mitarbeiter überraschenden Schritt hatte Zalando Anfang des Jahres kurz nach der arbeitsintensiven Weihnachtszeit angekündigt. Grund ist nach Unternehmensangaben eine Neuausrichtung des konzerneigenen europaweiten Logistiknetzwerks nach der Übernahme des Online-Modehändlers About You im vergangenen Jahr. © dpa-infocom, dpa:260419-930-964397/1