Schöner schreiben: Was Donald Trump mit Quentin Tarantino und Martin Luther verbindet

Datum19.04.2026 08:20

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel beleuchtet die Kraft der deutschen Sprache am Beispiel Martin Luthers. Luther übersetzte die Bibel verständlich und mitreißend, nutzte starke Verben und bildhafte Sprache, um Glaubensinhalte zu vermitteln und eine klare Trennung von weltlicher und kirchlicher Macht zu fordern, auch unter Hinzuziehung von Gewalt im Krieg. Diese rhetorische Kraft beeinflusst bis heute, wie Beispiele aus Filmen wie "Pulp Fiction" oder Äußerungen Donald Trumps zeigen, die biblische Vernichtungsapanne aufgreifen.

InhaltUnser Kolumnist zeigt an Beispielen aus der Literatur, wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann. Folge 133: Martin Luther lässt es donnern und blitzen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Und in solchem Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun, was (den Feinden) schädlich ist, bis man sie nach Kriegsbräuchen überwinde, nur daß man sich vor Sünden hüten, Weiber und Jungfrauen nicht schänden soll. Und wenn man sie überwunden hat, soll man denen, die sich ergeben und demütigen, Gnade und Frieden erzeigen, so daß man in solchem Fall den Spruch gelten lasse: Gott hilft dem Stärksten. – Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523) In dem überhaupt sehr unterhaltsamen Gangsterfilm "Pulp Fiction" gibt es einen Killer, Samuel L. Jackson spielt ihn, der jedes Mal, bevor er sich an die Arbeit macht, eine Stelle aus der Bibel zitiert, Hesekiel 25,17. Sie beginnt eher erzählerisch ("Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen"), steigert sich dann aber rasch in einen sehenswerten Furor: "Und ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen …" Quentin Tarantinos Film kam 1994 in die Kinos, er ist ein schöner Beleg für die These, dass biblischer Zorn auch in bibelfernen Zeiten sehr telegen sein kann. Jacksons Crescendo ist auch 30 Jahre später noch immer viel zitiert, ein Social-Media-Hit. Streitbar, rachsüchtig und oft auch brutal, all das war das Christentum von Anfang an. Das Alte Testament ist voll von Geschichten, die von Kampf und Unterwerfung erzählen, von Schuld, Strafe und Vernichtung. Seine Anschaulichkeit verdankt das Christentum Martin Luther, womöglich der erste Populist der Religionsgeschichte. Er übersetzte die oft doch arg abstrakten Glaubensdinge in ein Deutsch, das bildhaft, verständlich und mitreißend war. Ein Prediger solle "Zähne im Maul haben, beißen und salzen und jedermann die Wahrheit sagen", forderte er. "Denn so tut Gottes Wort, dass es die ganze Welt antastet, Herrn und Fürsten, und jedermann ins Maul greift, donnert und blitzt und stürmt gegen große, mächtige Berge, schlägt drein, dass es raucht, und zerschmettert alles, was groß, stolz und ungehorsam ist." Preisabfragezeitpunkt 19.04.2026 08.21 Uhr Keine Gewähr Donnern und blitzen, stürmen und zerschmettern – wer gelesen werden will, das raten Stillehrer, sollte misstrauisch gegen Adjektive sein und vor allem auf starke Verben setzen. Die Verben sind es schließlich, die in einem Satz die Hauptarbeit machen. Luther wusste das. 1523, die Rohübersetzung der Bibel hatte er glücklich hinter sich gebracht, wollte er in einer Schrift über die weltliche Obrigkeit ein paar Dinge klarstellen. Wie deutlich waren kirchliche und weltliche Macht zu trennen? Wer schuldete wem Gehorsam? Und gibt es eigentlich gerechte Kriege? Gerecht ist ein Krieg, so sah Luther das, der das Böse eindämmt und das Gute verteidigt. Würgen, rauben, brennen – es war halt wichtig, auf wessen Seite man stand. Wer so formuliert, erklärt dem Abstrakten, Umständlichen den Krieg. Luther schrieb Alltagsdeutsch, das er zu einer scharfen Waffe schmiedete. Das wiederholte "zu" übernimmt dabei die Rolle des Taktgebers, der die Reihung zu großartiger Atemlosigkeit treibt. Überraschend ist das unverschämt-selbstgewisse "getrost", überraschend ist auch das Selbstbewusstsein, das Würgen und Brennen ausdrücklich als "christlich" zu bezeichnen und als "ein Werk der Liebe". Thomas Mann, der Luther für seine sprachliche Kraft bewunderte, schrieb, das Cholerisch-Grobianische Luthers errege zugleich seine Abneigung: "das Schimpfen, Speien und Wüten, das fürchterlich Robuste"; manches mehr. Starke Verben, die die Arbeit verrichten: Luther schreibt ausdrücklich nicht, man dürfe dem Feind getrost "Schaden zufügen" und sich sein Eigentum aneignen. Seine Verben sind konkret, körperlich, handfest. Ein Text wie ein Schlachtruf: Gerade die Einschränkung, die folgt (Weiber und Jungfrauen sollen nicht geschändet werden), lässt den ersten Teil leuchten. Luthers apokalyptischer Posaunenton inspiriert Schriftsteller, Filmemacher und Politiker bis heute. "… ihre jungen Kinder sollen zerschmettert und ihre schwangeren Weiber zerrissen werden": Das ist Hosea 13,16, die Vernichtung Samarias. Städte, auf die es wegen ihrer Verderbtheit Feuer und Schwefel vom Himmel herabregnen soll? Genesis 19, die Geschichte von Sodom und Gomorra. "Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen, um nie wieder zurückzukehren", das ist Donald Trump, der seine Warnung an Iran über den Wutkanal Truth Social in die Welt schickte, vom Auslöschungspathos und ein wenig wohl auch von sich selbst ergriffen. Inzwischen soll es ja ernst gemeinte Debatten darüber geben, auch die Bibel mit Triggerwarnungen zu versehen. Matthäus 27, 32-56, wo es um die Kreuzigung Jesu geht: "Diese Verse können Schilderungen psychischer und physischer Gewalt enthalten, die einige Leser:innen beunruhigend finden könnten." Die Bibelstelle aus "Pulp Fiction" ist übrigens eine Erfindung. Tarantino hatte die Sätze in einem alten Kampfsportfilm entdeckt, der die Bibelstelle ergänzte und damit überhöhte. Der Trump-Post allerdings ist echt. Man wünscht sich, es wäre umgekehrt.