Warum der russlandnahe Ex-Präsident Rumen Radew klarer Favorit ist

Datum19.04.2026 07:57

Quellewww.spiegel.de

TLDRBei den bulgarischen Parlamentswahlen ist der russlandnahe Ex-Präsident Rumen Radew klarer Favorit. Seine neue Koalition "Progressives Bulgarien" könnte bis zu 34 Prozent der Stimmen erhalten. Radew, ein ehemaliger General, verspricht den Kampf gegen Korruption und eine Abkehr von der prowestlichen Politik der Vorgängerregierung. Er strebt eine Justizreform an, will jedoch keine finanziellen Militärhilfen für die Ukraine leisten, solange er dies nicht blockiert. Russische Medien sehen ihn als "bulgarischen Orbán" und erwarten eine Änderung des außenpolitischen Kurses.

InhaltEx-Präsident Rumen Radew ist der klare Favorit, nächster Regierungschef in dem EU-Land zu werden. Russland hofft auf einen Verbündeten, er selbst sieht Ungarns neuen Premier als Vorbild. Das EU- und Nato-Land Bulgarien wählt ein neues Parlament – bereits zum achten Mal seit April 2021. Klarer Favorit ist allen Prognosen zufolge eine neue Koalition namens Progressives Bulgarien (PB) um Rumen Radew, der im Januar als Präsident des südosteuropäischen Landes zurückgetreten war. Der 62-jährige Ex-General hatte der Korruption den Kampf angesagt. Er dürfte demnach bis zu 34 Prozent der Stimmen auf seine Koalition vereinigen. Die Neuwahl war nach Massenprotesten gegen Korruption und nach dem Rücktritt der prowestlichen Koalitionsregierung um das konservative Bündnis Gerb-SDS im Dezember 2025 notwendig geworden. Gerb-SDS kommt den Umfragen zufolge jetzt auf höchstens 20 Prozent der Stimmen. Sowohl Radew als auch der liberal-konservative proeuropäische Verband PP-DB, der Umfragen zufolge mit rund 12 Prozent als drittstärkste Kraft abschneiden könnte, streben eine Justizreform an. Zudem wollen sie das Modell einer ihren Worten nach korrupten Regierungsführung von Gerb-SDS abbauen. Während GERB-SDS des ehemaligen Regierungschefs Bojko Borissow die Ukraine und die Politik Brüssels unterstützt, gilt Radew als russlandfreundlich. Der frühere Kampfjet-Pilot und Luftwaffen-General war ein Jahr vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten, um an der Wahl teilzunehmen. Er gilt als populärster Politiker des Landes. Zuvor war er neun Jahre lang Staatsoberhaupt der 6,5-Millionen-Einwohner-Republik gewesen. Als Staatsoberhaupt galt Radew noch als russlandfreundlich und setzte sich für einen Dialog mit Moskau ein. Als Vorbild für seine Ukrainepolitik sieht Radew jetzt den Wahlsieger der Parlamentswahl in Ungarn, Péter Magyar. Falls er Regierungschef werden sollte, sagte Radew kürzlich, werde sich Bulgarien nicht finanziell an Militärhilfen für die Ukraine beteiligen, aber Entscheidungen darüber nicht blockieren. Russische Zeitungen sehen Radew jedoch als den "bulgarischen Orbán". "Bei einem Sieg der von Radew geführten Partei wird sich der außenpolitische Kurs Bulgariens ändern: Sofia wird mit großer Wahrscheinlichkeit für Brüssel ebenso "unbequem" werden wie Budapest", schrieb etwa die Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta". Im Jahr 2016 trat Radew bei seiner ersten Wahl zum Präsidenten als Kandidat der Sozialisten an, die enge Verbindungen nach Russland unterhielten. Die damalige Chefin der sozialistischen Partei erklärte später, Radews Kandidatur sei mit Wladimir Putin abgesprochen. Auch die Einführung des Euro in Bulgarien zum Jahresbeginn beschäftigt das Land weiterhin. Die Umstellung auf die Gemeinschaftswährung hatte die Inflation im EU-Land mit der geringsten Kaufkraft um 0,3 bis 0,4 Prozent erhöht. Zuletzt hielt aber mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Euro-Einführung weiterhin für eine gute Idee. Der Wahlkampf war ebenso wie bei früheren Abstimmungen überschattet vom Verdacht des Stimmenkaufs. Hunderte verdächtige Personen wurden deswegen festgenommen. Beschlagnahmt wurden amtlichen Angaben zufolge Geldsummen im Gesamtwert von einer Million Euro, die für den Kauf von Wählerstimmen bestimmt gewesen seien. Eine Stimme soll zwischen 50 und 100 Euro kosten. Wegen Verdachts der Wahlbeeinflussung aktivierte die Interimsregierung des Landes das EU-System zur Bekämpfung von Desinformation und Einflussnahme aus dem Ausland. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind vor Ort.