Datum18.04.2026 09:02
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Eurovision Song Contest in Wien ist von Kontroversen überschattet, da fünf Länder wegen Israels Teilnahme boykottieren. Dies unterstreicht die Schwierigkeit, den ESC politisch neutral zu halten, obwohl dies laut Statuten angestrebt wird. Der Artikel thematisiert auch die Reaktion der österreichischen Regierung auf die Wahl in Ungarn und die Annäherung an den Oppositionsführer Péter Magyar.
InhaltDer Eurovision Song Contest in Wien sorgt schon vorab für Kontroversen. Mehrere Länder boykottieren das Event – wegen Israel. Mitte Mai findet in Wien ein Großevent statt, dem Musik-Fans auf der ganzen Welt entgegenfiebern: Der Eurovision Song Contest. Die Stimmung dürfte dieses Jahr allerdings etwas anders sein als sonst. Das hat nichts mit Österreich zu tun, sondern mit dem Nahostkonflikt. Fünf Länder – Spanien, Irland, Niederlande, Slowenien und Island – boykottieren den Musikwettbewerb, weil Israel daran teilnimmt. Sie hatten im Vorfeld gefordert, den jüdischen Staat vom ESC auszuschließen, wegen des Vorgehens der israelischen Armee im Gazastreifen. Die Europäische Rundfunkunion war der Forderung nicht nachgekommen, daraufhin hatten die fünf Länder ihren Rückzug erklärt. Die gemeinsame Boykottaktion ist deshalb bemerkenswert, weil der ESC in diesen Ländern besonders populär ist. Politische Kontroversen beim europäischen Musikwettbewerb sind dagegen alles andere als neu. Russland darf seit der Vollinvasion in die Ukraine 2022 nicht mehr teilnehmen. Aserbaidschan und Armenien forderten mehrfach den gegenseitigen Ausschluss wegen des Konflikts um Bergkarabach. Österreich boykottierte den ESC 1969, weil dieser damals im diktatorischen Spanien unter Franco ausgetragen wurde. Ungarn verzichtet seit 2020 auf die Teilnahme, vermutlich weil Viktor Orbán die Veranstaltung zu queerfreundlich war. Eigentlich will der ESC laut seinen Statuten "streng unpolitisch" sein. Doch was schon bei internationalen Sportwettkämpfen selten gelingt, ist bei einem Musikwettbewerb der Nationen erst recht eine Illusion. "Musik kann enorm mit symbolischen Gesten aufgeladen werden. Sei es durch den Liedtext, die Performance oder die Person des Künstlers", sagt mein Kollege Felix Bayer aus der SPIEGEL-Kulturredaktion in der aktuellen Folge von Inside Austria. "Länder wollen sich mit der Auswahl ihrer Acts natürlich auf eine bestimmte Art präsentieren." Österreich tritt in diesem Jahr übrigens mit dem Song "Tanzschein" von Cosmo an. Davon habe ich inzwischen einen Ohrwurm. Und Sie vermutlich auch, wenn Sie unsere Folge hören. Kollege Felix Bayer und ich bereiten uns darin nämlich schon mal musikalisch auf den ESC am 16. Mai vor. Wir sprechen darüber, wie politisch der ESC sein darf. Und ob sich Österreicher und Deutsche beim Wettbewerb wirklich so wenige Punkte gönnen, wie häufig behauptet wird. Das innenpolitische Thema der Woche beschreibt mein Kollege Oliver Das Gupta, Autor beim SPIEGEL und beim "Standard": Der Ausgang der Parlamentswahl im benachbarten Ungarn löste in Österreich ungewöhnlich pointierte Reaktionen rechts der Mitte aus. Grund ist nicht nur die Habsburger-Vergangenheit, sondern vor allem Viktor Orbán. Bevor der Langzeitregent weltweit zum Idol der radikalen Rechten avancierte, war Orbáns Fidesz Schwesterpartei der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Von dort kam nach dem Wahlsieg eine Social-Media-Kanonade zum Wahlabend: Allein bei Instagram setzte die ÖVP sieben Posts ab. Parteichef und Bundeskanzler Christian Stocker gratulierte dem künftigen Premierminister Péter Magyar zum "Erdrutschsieg", dessen Partei Tisza inzwischen der ungarische Kooperationspartner der Konservativen ist. Vor allem aber ein KI-generiertes Comic-Bild sticht hervor, das auf Herbert Kickl abzielt: Darauf ist der Chef der rechtsradikalen FPÖ an Marionettenfäden zu sehen, flankiert von den Einflüsterern Orbán, Russlands Machthaber Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump. Tatsächlich zelebrieren die strammen Rechten seit Langem ihre Partnerschaft zu Fidesz, Kickl rief Orbán gar zum Vorbild aus. Der Abgang des breitbeinigen Budapesters ist ein Tiefschlag für die Rechtsradikalen. STANDARD und SPIEGEL erklären, was Österreich bewegt, ordnen politische Debatten ein, erzählen unbekannte Besonderheiten und analysieren die Hintergründe der Macht. Inside Austria erscheint jeden Samstag als Newsletter und Podcast. Für Inside-Austria Hörer- und Leserinnen gibt es jeweils ein besonderes Angebot: 4 Wochen SPIEGEL+ für 1 €, danach 5,99 € pro Woche sowie 1 Monat STANDARD Smart für 1 € statt 14,90 € . Die Kanzlerpartei verkniff sich bislang Kritik an Orbán, das hatte mehrere Gründe. Einerseits pflegen Kreise um Ex-Kanzler Sebastian Kurz enge Kontakte zu Fidesz. Zugleich wollten die aktuellen ÖVP-Oberen die Parlamentswahl vom 12. April abwarten. Man werde Orbáns Wahlkampagne, die von imaginären ausländischen Feinden fantasierte, keine Vorlage bieten, sagte ein ÖVP-Regierungsmitglied dem SPIEGEL Anfang des Jahres. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Bundeskanzler Stocker suchte allerdings schon früh Kontakt zu Orbáns Rivalen Péter Magyar. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar traf er den Ungarn, man tauschte Handynummern. Am Wahlabend beglückwünschte der Regierungschef seinen künftigen Amtskollegen per Textnachricht. Am Folgetag rief er ihn an und besprach auch Magyars Antrittsbesuch in Wien, der im Mai erfolgen soll. Der Kanzler ließ in seinen ersten Stellungnahmen anklingen, dass er von Magyars Regierung ein Ende der staatlichen Schikanen gegen österreichische Unternehmen erwarte. Magyar wiederum brachte eine Erweiterung der Visegrád-Gruppe ins Spiel. Neben den bisherigen Mitgliedern Ungarn, Tschechien, Polen und der Slowakei wäre für ihn auch ein Beitritt von Slowenien, Kroatien und Österreich vorstellbar. Die Idee des ungarischen Wahlsiegers kommt in Wien gut an: Man begrüße es sehr, "wenn die Kooperation in Zentraleuropa künftig noch enger wird", heißt es aus dem Kanzleramt. Vorstellbar sei Österreichs Beteiligung "auch als Partner der Visegrád-Gruppe". Schönes Wochenende und viele Grüße aus Berlin! Ihre Lucia Heisterkamp, Co-Host des Podcasts "Inside Austria" (DER SPIEGEL)