Lage in der Ukraine: Der nächste Schritt im Drohnenkrieg

Datum17.04.2026 18:42

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Ukraine entwickelt ihre Drohnenkriegstaktik weiter, um eine Schwäche im mittleren Entfernungsbereich zur Front zu beheben. Neue Drohnen mit größerer Sprengkraft und verbesserter Navigation ermöglichen gezielte "Middle Strikes" gegen russische Nachschublinien, Kommandoposten und Flugabwehr. Dies hilft, russische Vormärsche zu stoppen und führt zu Verlusten beim Nachschub. Experten sehen darin eine mögliche "neue Theorie des Sieges" und eine entscheidende Veränderung im Kriegsverlauf.

InhaltMit neuen Drohnen und veränderter Taktik behebt die Ukraine eine langjährige Schwäche im Kampfgebiet. Und leitet womöglich eine neue Kriegsphase ein. Der Wochenrückblick Ein Flugabwehrsystem; noch ein Flugabwehrsystem; ein weiteres Flugabwehrsystem; eine Raketenabschussrampe; ein Drohnenlager; mehrere Öldepots: Wenn die ukrainischen Streitkräfte unbemannter Systeme – die zur Teilstreitkraft auf Augenhöhe mit Heer und Luftwaffe erhobene Drohnentruppe des Landes – in sozialen Netzwerken die eigenen Leistungen loben wollen, dann ist die Liste der darin festgehaltenen zerstörten Ziele selten kurz. So auch in einem am Donnerstag veröffentlichten Video der Truppe. Der Begriff, mit dem die Teilstreitkraft ihre Angriffe betitelt, ist einer breiten Öffentlichkeit bisher noch wenig bekannt: Middle Strike. Geht es nach der Militärführung in Kyjiw, dürfte sich dies bald ändern.  Grob formuliert, lässt sich das Schlachtfeld in drei Zonen unterteilen: die sogenannte Killzone, ein Gebiet von etwa 20 Kilometern Breite entlang der Frontlinie, in der Soldaten beider Seiten gegeneinander kämpfen; das tiefe Hinterland, Schauplatz der sogenannten Deep Strikes der Kriegsparteien, wo Russland das ukrainische Stromnetz, die Ukraine Russlands Ölindustrie sowie beide Länder die jeweiligen gegnerischen Rüstungsbetriebe attackieren; und die Zone dazwischen – das Aufmarschgebiet in wenigen Dutzend bis wenigen Hundert Kilometern Entfernung zur Front. Dort verlaufen Nachschublinien für die Armeen, liegen Kommandostützpunkte militärischer Großverbände, wichtige Waffen- und Treibstoffdepots.  Während die Attacken in der Killzone eine taktische Funktion haben und sich auf die unmittelbaren Kämpfe an der Front beziehen und Angriffe im tiefen Hinterland strategischen, also langfristigen Schaden beim Gegner anrichten sollen, bildet die mittlere, als "operativ" bezeichnete Ebene ein Bindeglied. Und genau hier lag bisher eine der größten Schwächen der ukrainischen Armee.  In der Killzone war es die Ukraine, die mit ihrem Konzept eines Drohnenwalls versuchte, Russlands Vormarsch zu stoppen. Das gelang zwar nicht, erhöhte die Verluste der Angreifer jedoch deutlich. Im tiefen russischen Hinterland zeigt die Ukraine bereits seit 2024, dass sie Russlands Rüstungsindustrie und Ölwirtschaft ähnlich schmerzhaft treffen kann wie Russland mit seinem Arsenal an Raketen, Langstreckendrohnen und Marschflugkörpern das ukrainische Energiesystem. Doch in der mittleren Ebene hatte Russland spätestens seit 2023 die Überhand: Mit Waffen wie der Lancet-Drohne griff es immer wieder wertvolle schwere Waffen der Ukrainer in bis zu 150 Kilometern Entfernung zur Front an. Mit ähnlich reichweitenstarken, bis zu 1,5 Tonnen schweren Gleitbomben zerstören russische Flugzeuge ukrainische Stellungen, egal wie gut sie befestigt sind. "Die Ukraine hat eine Fähigkeitslücke (im Bereich) über 30 Kilometer (Abstand von der Front) hinaus", schrieb der US-Militärexperte Michael Kofman im vergangenen November nach einer seiner regelmäßigen Forschungsreisen an die Front. Ukrainische Einheiten säßen geradezu auf Zielen im russischen Hinterland, die sie erkennen, aber nicht attackieren könnten, insbesondere in einer Entfernung von 100 bis 150 Kilometer jenseits der Frontlinie. In diesen Bereich hat Russland ab Herbst 2022 Kommandostellungen und bedeutende Waffendepots verlegt und sie dadurch der Reichweite von US-Mehrfachraketenwerfern des Typs Himars entzogen. George Barros, der bei dem US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) die Forschung zum Ukrainekrieg verantwortet, schrieb Ende 2025 ebenfalls: Wenn die Ukraine Russlands Vormarsch aufhalten wolle, müsse sie ihre Fähigkeitslücke "im Bereich von 40 bis 60 Meilen" (65 bis knapp 100 Kilometer) schließen.  Der Grund dafür ist einfach: Der ukrainische Drohnenwall – der Einsatz von täglich Tausenden Kurzstreckendrohnen in unmittelbarer Frontnähe – verhindert zwar russische Großangriffe mit Panzerkolonnen. Doch kleine Gruppen von Soldaten sickern durch die dünn besetzten ukrainischen Stellungen hindurch, gelangen unbemerkt hinter die vordersten ukrainischen Einheiten, sammeln sich dort und zwingen die Ukrainer zum Rückzug. So wurde Pokrowsk erobert, zeitweise eine der strategisch wichtigsten Städte in der Ostukraine. Der russischen Armee verlangt diese Infiltrationstaktik einen hohen Preis ab. Doch dieser bemisst sich nicht in wertvollen Waffensystemen, sondern in Soldaten – welche Russlands Staatschef Wladimir Putin bereitwillig opfert, solange er weiter Zehntausende Rekruten pro Monat anwerben kann. Die Schwäche der bisherigen ukrainischen Taktik ist somit einfach zu beschreiben: Während die ukrainische Armee sich im vergangenen Jahr darauf fokussiert hat, Russland hohe Verluste an der Front zuzufügen, konnte sie Russland nicht daran hindern, Soldaten und Waffen an die Front zu bringen; also das zu tun, worin Russland mit seinen Drohnen mittlerer Reichweite und seinen Gleitbomben bislang erfolgreicher agierte. Genau das, vermutet die Führung in Kyjiw, dürfte entscheidend sein. Nicht umsonst kündigte der neue Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow nach seiner Ernennung Anfang Januar an, das Militär auf tiefe Schläge ins russische Hinterland trimmen zu wollen.  Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass dies der Ukraine zunehmend gelingt. 365 auf Video festgehaltene Middle Strikes – Angriffe auf russische Ziele 50 bis 250 Kilometer von der Front entfernt – zählte das ukrainische Analystenteam Dnipro Osint zwischen März 2025 und März 2026. Seit dem Herbst ist ihre Zahl spürbar gestiegen. Damals hatte das ukrainische Unternehmen Fire Point, international bekannt für seine Flamingo-Marschflugkörper, die Drohne FP-2 vorgestellt. Sie ähnelt der schon zuvor erfolgreich eingesetzten Langstreckendrohne FP-1, die in der Tiefe Russlands eingesetzt wird, hat aber eine kürzere Einsatzreichweite – und dafür einen deutlich schwereren Sprengkopf. Zudem nutzt die FP-2 zur Navigation den US-Satellitendienst Starlink und kann somit nicht durch Signalstörungen vom Kurs abgebracht werden. Etwa 40 Prozent der ukrainischen Middle Strikes werden laut einem Bericht der Zeitung Ukrajinska Prawda mit diesem Modell ausgeführt. Die neuen Drohnen sind dabei nur ein Element der veränderten ukrainischen Kriegsführung. Doch durch sie könne die Ukraine eine Stärke ausspielen, die bislang eher theoretisch gewesen sei, sagten Experten der exilrussischen Beobachtergruppe CIT dem Portal The Insider: eine strukturell bessere Aufklärung als aufseiten ihrer Gegner. Schon US-Experte Kofman hatte im vergangenen Jahr berichtet, dass die Ukrainer die Position gegnerischer Ziele besser in Erfahrung bringen könnten als die Russen. Doch bisher fehlten ihnen die Mittel, diese Ziele auch zu treffen. Die neuen Drohnen, die inzwischen in hoher Stückzahl produziert werden, würden diese Lücken schließen, zitiert The Insider die CIT-Beobachter. Und durch die von Kyjiw aus vorangetriebenen Militärreformen seien die Einheiten, die mit ihnen arbeiten, besser organisiert als zuvor. Auch hier hatte Russland mit seiner Elite-Drohnentruppe Rubikon im vergangenen Jahr Standards gesetzt, die nun auch die Ukraine zunehmend erfülle.  Die Wirkung der Kombination aus neuen Drohnen und verbesserten Strukturen sollte nicht unterschätzt werden. Das ISW sieht in den ukrainischen Middle Strikes einen wesentlichen Grund für jüngste Erfolge an der Front, etwa die Rückeroberung von mehr als 400 Quadratkilometern Gebiet an der Südfront im Frühjahr. Auch russische Militärblogger haben berichtet, dass die Ukraine diese lokale Gegenoffensive mit Hunderten Drohnenangriffen auf russische Nachschublinien vorbereitet und gestützt habe. Russische Soldaten seien dadurch an der Front schlechter versorgt worden und hätten zurückweichen müssen. "80 bis 90 Prozent aller Verluste (an Soldaten) ereignen sich noch bei der Anfahrt zur Front", schreibt ein prominenter russischer Militärblogger – eine Aussage, wie sie bislang vor allem aus ukrainischen Reihen zu hören gewesen ist. Jeglicher Transport von Reserven an die Front "wird, zurückhaltend formuliert, problematisch und in den meisten Fällen völlig unmöglich". Ein weiterer Militärblogger klagte: "Unsere Armee hat einen ihrer wichtigsten taktischen Vorteile verloren – den Einsatz weitreichender Angriffsdrohnen auf operativer Tiefe." Darauf, dass die Ukraine mit ihren Mittelstreckendrohnen leistet, was die Himars-Raketenwerfer seit Jahren nicht mehr bieten können, hat Russland offenkundig noch keine Antwort.  Der Analyse von The Insider zufolge sind es nicht nur die Kämpfe an der Front, die von den ukrainischen Middle Strikes inzwischen maßgeblich geprägt werden. Sondern auch die strategischen Angriffe in die Tiefe des russischen Hinterlandes. Denn die neue ukrainische Taktik zwinge Russland dazu, zusätzliche Flugabwehrsysteme in die besetzten Gebiete der Ukraine zu verlagern. Der Grund: Zu den wichtigsten Zielen der ukrainischen Mittelstreckendrohnen gehören Luftverteidigungs- und Radaranlagen der Besatzer. Laut einer Zählung der Ukrajinska Prawda galt fast die Hälfte der 365 seit vergangenem März gefilmten Middle Strikes der russischen Flugabwehr. Auch russische Militärblogger äußern die Befürchtung, dass Russland mehr Flugabwehrsysteme in Frontnähe bringen und dadurch das Hinterland entblößen werde. "Die Mittelstrecken-Offensive der Ukraine wird sie den Krieg nicht gewinnen lassen", warnt der ukrainische Analyst Mykola Bielieskov in einem Beitrag beim Thinktank Atlantic Council. Schließlich sei die Entwicklung insofern nicht bahnbrechend, als die Ukraine lediglich zu Russland aufschließe. Doch gepaart mit der Stärke der Ukraine im Kurz- und Langstreckenbereich habe das Land "die Oberhand zurückgewonnen". Die Herausforderung bestehe darin, sie zu behalten.  Falls das dem ukrainischen Militär gelingt, hätte es erstmals seit dem Scheitern des Drohnenwalls im vergangenen Jahr wieder eine Aussicht, Russlands Vormarsch dauerhaft zu stoppen. Damit hätte das Land etwas, was einige Experten als "neue Theorie des Sieges" für die Ukraine bezeichnen: keinen militärischen Sieg gegen Russland im eigentlichen Sinne, sondern eine "strategische Neutralisierung"; also den täglich gegenüber Russland erbrachten Beweis, dass die russischen Angriffe inklusive der immensen personellen und finanziellen Ressourcen, die Putins Armee für sie aufwendet, nirgendwohin führen. Noch weiter gehen von The Insider befragte ukrainische und exilrussische Experten: Die Middle Strikes könnten jenes Element sein, das bisher gefehlt habe, um den seit 2023 anhaltenden Abnutzungskrieg zu beenden und den Charakter des Krieges entscheidend zu verändern.  Ob es wirklich dazu kommt, dürfte erst nach dem Sommer bewertet werden können, wenn Russlands erwarteter Großangriff auf die ukrainischen Festungsstädte im Donbass stattgefunden hat. Denn allen ukrainischen Erfolgsmeldungen zum Trotz: Ebenso wie die Ukraine hat auch Russland bisher auf jeden Vorteil des Gegners stets eine Antwort gefunden. Die Taktik der Middle Strikes mag der jüngste neue Schachzug im Drohnenkrieg sein. Der letzte ist sie aber vermutlich nicht. Mit dem Wahlsieg der Oppositionspartei von Péter Magyar in Ungarn kann die Ukraine auf eine neue Ära der Beziehungen zu ihrem Nachbarland hoffen: Der scheidende Ministerpräsident Viktor Orbán wird künftig keine Russlandsanktionen und EU-Hilfen mehr blockieren können. Magyar ist zwar bei Weitem nicht so ukrainefreundlich, wie Orbán ihn in seinem Wahlkampf dargestellt hatte – so gibt auch er sich in Bezug auf einen künftigen EU-Beitritt der Ukraine skeptisch und will Rohstoffimporte aus Russland nicht ausschließen. Doch das sind innerhalb der EU keine Randpositionen.  Ungarns Blockade des geplanten 90-Milliarden-Euro-Kredits der EU für die Ukraine, kündigte Magyar an, werde aber beendet: Er sehe keinen Anlass, die Hilfen zu stoppen, wenn sich Ungarn ohnehin nicht finanziell beteilige. Russland solle die Finanzhilfen "ernst nehmen", sagte der designierte Regierungschef nach dem Wahlsieg seiner Partei. Und auch in Grundsatzfragen, in denen Orbán sich der Kritik am russischen Krieg nicht angeschlossen hatte, setzte sich Magyar deutlich vom bisherigen Kurs der Regierung in Budapest ab. Die Ukraine sei eindeutig das Opfer des Krieges, sagte der Politiker. Es liege an Russland und nicht etwa an der Führung in Kyjiw, den Konflikt zu beenden: Feuerpause: Die von Russland angekündigte und von der Ukraine angenommene Waffenruhe anlässlich des orthodoxen Osterfests am vergangenen Wochenende ist nach Angaben beider Seiten vielfach nicht eingehalten worden. Der ukrainische Generalstab verzeichnete am Wochenende 192 Zusammenstöße an der Front – ein leichter Rückgang gegenüber 236 am Wochenende davor. Auch Russland warf der Ukraine zahlreiche Verstöße vor. Die Zahlen passen ins Muster früherer kurzzeitiger Feuerpausen, während derer die Bodenkämpfe nicht eingestellt wurden, aber dennoch leicht zurückgingen. Beide Kriegsparteien meldeten jedoch keine Luftangriffe des jeweiligen Gegners. Kurz vor Beginn der Waffenruhe tauschten Russland und die Ukraine zudem jeweils 175 Kriegsgefangene aus. Deutschland: Bei seinem Besuch in Berlin haben der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine Vertiefung der deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit vereinbart. Dabei soll die Kooperation in Industrie, Landwirtschaft, Energie, beim Rohstoffhandel sowie im Verteidigungsbereich intensiviert werden. Selenskyj und Merz sprachen von einer "strategischen Partnerschaft". Zusätzlich vereinbarten Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und sein ukrainischer Amtskollege Mychajlo Fedorow eine Ausweitung der gemeinsamen Produktion von Drohnen. Pistorius kündigte zudem die Finanzierung Hunderter Abfangraketen für das Raketenabwehrsystem Patriot und zusätzlicher Werfer für Iris-T-Flugabwehrsysteme für die Ukraine an. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog. Die vergangene Folge des Wochenrückblicks finden Sie hier.