Datum17.04.2026 17:58
Quellewww.spiegel.de
TLDRBehauptungen über gestreckten Sprit an deutschen Tankstellen sind laut ADAC und Bundesverband Freier Tankstellen unbegründet. Es gäbe keine Belege für minderwertigen Kraftstoff oder gehäufte Fahrzeugschäden. Zwar gab es Einzelfälle von Wasser im Benzin und eine Anklage wegen Dieselbetrugs, diese sind jedoch nicht repräsentativ. Behördenkontrollen zeigen keine Auffälligkeiten. Manipulationen sind aufgrund strenger Normen und Kontrollen praktisch ausgeschlossen.
InhaltNur langsam sinken die Preise an der Zapfsäule. Aber ist Sprit in Wahrheit schon so knapp, dass Tankstellen ihn strecken? Das ist dran an der Behauptung. Die hohen Preise an deutschen Tankstellen sorgen bei vielen Autofahrern für Unmut. In sozialen Netzwerken gehen manche teils reichweitenstarke Accounts noch weiter: Dort wird sogar behauptet, an Tankstellen gebe es nur minderwertigen Kraftstoff zu kaufen. Aber stimmt das auch? Der Überblick. Benzin und Diesel würden derzeit gestreckt. Das führe zu geringerer Reichweite und könne sogar Schäden an Fahrzeugen verursachen. Tausende hätten deshalb ihre Autos in Werkstätten bringen müssen. Falsch, sagen nicht nur Tankstellen, sondern auch Experten. Für diese Behauptungen gibt es ihnen zufolge keine Belege. "Wir haben keine Fälle vorliegen, bei denen es den Verdacht gibt, dass Kraftstoff gestreckt wurde", teilt der ADAC auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Der Verein vertritt rund 22 Millionen Mitglieder. Auch dem Bundesverband Freier Tankstellen und Unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft), dem nach eigenen Angaben mehr als 2800 Tankstellen in Deutschland angehören, "liegen aktuell keinerlei Erkenntnisse über gestreckte Kraftstoffe an deutschen Tankstellen vor", wie Hauptgeschäftsführer Daniel Kaddik der dpa mitteilt. "Ebenso gibt es keine Hinweise auf eine Häufung von Fahrzeugschäden, die auf minderwertige Kraftstoffe zurückzuführen wären." Mehrere Influencer mit teils Zehntausenden Followern auf TikTok oder YouTube haben in den vergangenen Wochen immer wieder Videos veröffentlicht, in denen die Qualität der Kraftstoffe zumindest in Zweifel gezogen wird. Es fallen Aussagen wie: "Ich habe das Gefühl, dass Diesel gestreckt wird." Oder: "Was tun die ins Benzin rein?" In Kommentaren unter den Posts ist von vermeintlich gepanschten Kraftstoffen die Rede. Bei manchen Nutzern soll ein voller Tank angeblich nur noch für ein Drittel der Strecke reichen. Wasser hat im Tank nichts zu suchen, denn sonst drohen Metallteile zu rosten. Reines Benzin kann praktisch gar kein Wasser aufnehmen, bei dem Ethanolanteil (bis zu fünf Prozent bei der an Tankstellen erhältlichen Benzinsorte Super E5, bis zu zehn Prozent bei Super E10) ist das anders. Eine kleine Menge Wasser kann sich lösen und am Boden des Tanks ablagern – wenn der Sprit nach monatelanger Lagerung Feuchtigkeit von außen aufnimmt. Zumindest ein tatsächlicher Fall einer Verunreinigung ist aus diesem Jahr bekannt. Mitte Januar – also vor dem Irankrieg – tankten mindestens 14 Autos an zwei Tankstellen in Norderstedt bei Hamburg E10-Benzin mit deutlich erhöhtem Wasseranteil. Einige Fahrer meldeten Motorschäden. Die zur libyschen Tamoil-Gruppe gehörende Tankstellenkette HEM übernahm die Kosten aus Kulanz, wie es hieß. Die Ursache des Vorfalls wurde bislang nicht erklärt. Ebenfalls im Januar erhob die Europäische Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Magdeburg Anklage gegen fünf Personen, denen sie gewerbsmäßigen Dieselbetrug vorwirft. Im Fall "Water into Wine" soll ein Netzwerk von Ölhändlern systematisch sogenannte Designerkraftstoffe, als Schmieröl deklariert, in Deutschland mit Diesel vermischt und als solchen verkauft haben. Der Schaden liegt vor allem im Verlust an Energie- und Mehrwertsteuereinnahmen für den Staat. Die betroffenen Autofahrer dürften kaum mitbekommen, dass sie keinen normgerechten Diesel getankt haben. Auf Dauer sind laut Experten aber Schäden etwa an Kraftstoffleitungen möglich, je nach den tatsächlich verwendeten Stoffen. Die Kontrolle von Kraftstoffen ist in Deutschland Aufgabe der Bundesländer. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen etwa liegt die fachliche Aufsicht beim Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr. Dort werden jährlich rund 200 Kraftstoffproben an öffentlich zugänglichen Tankstellen entnommen, wie das Ministerium der dpa mitteilte. "Bei den bisher ausgewerteten Proben in diesem Jahr liegen uns keine Hinweise auf Manipulationen vor", erklärt ein Sprecher. Die Proben werden demnach von den unteren Immissionsschutzbehörden der Kreise und kreisfreien Städte genommen und anschließend in einem spezialisierten Labor analysiert. Untersucht werden dabei zahlreiche Parameter: beim Ottokraftstoff 29, beim Dieselkraftstoff 19. Auch in Bayern wurden bei der jüngsten Kontrollkampagne im Februar keine Auffälligkeiten bei den Kraftstoffproben festgestellt, wie das zuständige Landesamt für Umwelt der dpa mitteilt. In Brandenburg liegen weder dem für die Kontrollen zuständigen Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) noch dem übergeordneten Umweltministerium Erkenntnisse oder Meldungen über angeblich gestreckten Sprit vor, wie ein Ministeriumssprecher angibt. "Uns sind auch keine Beschwerden bekannt." Kraftstoffproben wurden dort in den vergangenen Tagen keine entnommen. Der Tankstellenverband bft bewertet Aussagen in sozialen Netzwerken über eine vermeintlich verminderte Qualität als "unbegründet und irreführend". Sie entbehrten "jeder belastbaren Grundlage" und trügen zur Verunsicherung von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei, "ohne auf überprüfbaren Fakten zu basieren", so Hauptgeschäftsführer Kaddik. Ihm zufolge unterliegen Kraftstoffe wie Diesel oder die Benzinsorten E5 und E10 in Deutschland strengen gesetzlichen Normen. Entlang der gesamten Lieferkette – von der Raffinerie über Tanklager bis zur Tankstelle – würden sie umfassend kontrolliert. "Verbraucher können sich darauf verlassen, dass die Qualität unabhängig vom Anbieter einheitlich ist." Der bft betont zudem, dass Manipulationen in der Praxis äußerst unwahrscheinlich seien. Durch geschlossene Logistiksysteme, regelmäßige Kontrollen sowie erhebliche wirtschaftliche und strafrechtliche Risiken sei es weitgehend ausgeschlossen, dass Kraftstoffen andere Flüssigkeiten beigemischt würden.