Datum17.04.2026 11:48
Quellewww.spiegel.de
TLDRHochverarbeitete Lebensmittel wie Wurst und Tiefkühlpizza sind für Kinder oft ungesund. Sie enthalten viel Zucker, Salz, Fett und Zusatzstoffe und ersetzen vollwertige Mahlzeiten. Dies führt zu Übergewicht, das wiederum chronische Krankheiten und Entwicklungsstörungen begünstigen kann. Studien deuten auch auf negative Auswirkungen auf die psychische und Verhaltensentwicklung hin. Die genauen Mechanismen sind noch unklar, aber Experten fordern mehr Forschung und eine gesündere Ernährung für Kinder.
InhaltVieles, was Kindern schmeckt, ist nicht gut für sie. Experten warnen vor Folgen für Gesundheit und Entwicklung. Der Überblick. Limonaden in bunten Flaschen, Wurst oder Chips in Tierform und gesüßter Joghurt mit Filmmotiven – in den Supermarktregalen gibt es viele Fertigprodukte, die besonders für Kinder und Jugendliche verlockend wirken. Doch oft sind diese auch besonders ungesund. Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel gelten als Dickmacher und werden mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht. Welche Folgen könnte das für Kinder haben, wenn diese schon früh im Leben regelmäßig zum Fertigsnack greifen? Fachleute geben Antworten. Sogenannte hochverarbeitete Lebensmittel enthalten häufig viel Zucker, viel Salz, gehärtete Fette, industrielle Stärken und zahlreiche Zusatzstoffe wie Emulgatoren, Farbstoffe oder Aromastoffe. Meist sind sie verzehrfertig oder müssen nur noch aufgewärmt werden. In der Diskussion kommt Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, vor allem folgender Aspekt zu kurz: "Wir essen diese Produkte ja nicht on top, sondern diese ersetzen unsere traditionellen Lebensmittel – und im Normalfall sind das eben das frische Obst und Gemüse, die Vollkornprodukte", sagte Graf der Nachrichtenagentur dpa. Sprich: Statt Haferflocken mit frischem Apfel gibt es Frühstückszerealien, statt Vollkornbrot weißen Toast, statt eines frisch gekochten Mittagessens Tiefkühlpizza. Das Hauptproblem ist aus Sicht des Berliner Kinder- und Jugendmediziners Frank Jochum vom Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, dass diese Lebensmittel eine hohe Energiedichte haben und Zusatzstoffe und Aromen diese gleichzeitig sehr schmackhaft machen. "Da passiert es eben schnell, dass man mehr isst, als man Hunger hat." Dazu trägt nach Angaben von Graf bei, dass viele dieser Lebensmittel einfach zu verzehren sind und nicht lange gekaut werden müssen, sodass man innerhalb kurzer Zeit viele Kalorien zu sich nimmt. Wer regelmäßig zu viele dieser Lebensmittel isst, kann also dick werden. Jeder vierte junge Mensch von fünf bis 19 Jahre in Deutschland ist laut dem Kinderhilfswerk Unicef übergewichtig, acht Prozent gelten sogar als adipös. Es sieht die "allgegenwärtige Präsenz und Vermarktung stark verarbeiteter Lebensmittel" als einen der Gründe für die global gestiegene Zahl fettleibiger Kinder an. Übergewicht wiederum erhöht Jochum zufolge das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen, darunter Typ-2-Diabetes, Arthrose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Kinderalter habe das noch eine viel größere Dimension als im Erwachsenenalter, betont der Experte der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin. "Denn bei den Kindern kommt im Vergleich zu den Erwachsenen eine weitere Komponente hinzu, nämlich die Beeinträchtigung von Wachstum und Entwicklung." Wer Übergewicht hat, bewegt sich in der Regel weniger. "Wenn ein Kind sich regelmäßig nicht ausreichend bewegt, dann wird dadurch auch die Entwicklung gestört", erläutert Jochum. Die motorische und neurologische Entwicklung werde weniger angeregt, auch die intellektuelle und die psychische Entwicklung könne leiden. "Das hat Auswirkungen auf das gesamte zukünftige Leben." Kinder, die sich weniger bewegen, verbringen ihm zufolge mehr Zeit am Computer und Smartphone, was wiederum negative Folgen hat. "Sie vereinzeln vielleicht, haben einen höheren Hang zu Depressionen." Snacks und Fertiggerichte führten außerdem zu einem anderen Miteinander zu Hause, sagt er. "Die Zeiten, in denen in Familien wirklich gekocht und gemeinsam gegessen wird, werden seltener." Zudem seien die Mahlzeiten so beschaffen, dass man diese mühelos neben dem Computerspielen oder Fernsehgucken essen könne. Eine kanadische Studie sieht jedenfalls Hinweise darauf, dass der Verzehr von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der frühen Kindheit die Verhaltens- und emotionale Entwicklung negativ beeinflussen kann. Dafür untersuchten die Forschenden die Ernährungsgewohnheiten von fast 2100 Kindern im Alter von drei Jahren und deren Verhalten im Alter von fünf Jahren. Dabei zeigte sich, dass kleine Kinder, die mehr hochverarbeitete Lebensmittel aßen, später vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Die Fachleute folgern daraus, dass eine gesündere Ernährung sich langfristig vorteilhaft auf die Psyche auswirken könnte. "Gesundes Essen ist immer gut", sagt Christine M. Freitag von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Aber eine psychische Störung kann man nicht allein durch gesundes Essen verhindern. Da gibt es zahlreiche weitere Risikofaktoren." Kritisch sieht sie, dass die Studie nicht untersucht hat, ob bei den Kindern auch genetische Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten oder ob die Eltern selbst an psychischen Störungen litten. Denn etwa bei Eltern mit ADHS sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Alltag zu Hause unstrukturierter und weniger geplant ablaufe, wodurch mehr Fertiggerichte auf den Tisch kommen könnten, erläutert die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Frankfurter Universitätsklinikum. Zugleich hätten die Kinder selbst ein höheres ADHS-Risiko. "Betroffene Kinder essen oft schlechter." Auch Eltern mit Depressionen hätten Probleme, den Alltag zu bewältigen und ihren Kindern ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten. Dass hochverarbeitete Lebensmittel, die viel Salz, Zucker, Fette und Zusatzstoffe enthalten, ungesund sind, darin sind sich viele Fachleute einig. Doch welche Krankheiten diese genau begünstigen können, ist noch unklar. "Tatsächlich weiß man leider noch gar nicht so viel über die Mechanismen", sagt Ernährungsexpertin Graf. Dazu müsse man mehr Interventionsstudien machen, bei denen etwa eine Gruppe von Testpersonen gezielt eine bestimmte Menge hochverarbeitete Lebensmittel über einen festgelegten Zeitraum bekomme, sagt sie. Danach müssten Parameter wie Blutdruck, Körpergewicht, Blut- und Urinproben mit denen einer Kontrollgruppe verglichen werden, die in dieser Zeit keine hochverarbeiteten Lebensmittel zu essen bekomme. Nach Ansicht von Jochum sollte sich die Forschung zudem mehr auf das gesamte Lebensmittel konzentrieren als auf die einzelnen Inhaltsstoffe. "Es spielt nicht nur eine Rolle, wie viele Aminosäuren oder Proteine es zum Beispiel enthält. Man muss auch die Wechselwirkungen der Inhaltsstoffe genauer betrachten, welche Auswirkungen etwa Aromastoffe auf die Verzehrmenge haben und wie die Textur dazu beiträgt." Die Professorin Anna Lene Seidler untersucht, was Kinder weltweit vor Übergewicht bewahrt. Die Ergebnisse ihrer Studie überraschen. Lesen Sie das Interview hier.