Datum16.04.2026 18:43
Quellewww.spiegel.de
TLDRBei VW wird die "Initiative Fehlzeitenquote" aufgedeckt, die Mitarbeitende überwachte. Ein Bekennervideo zu einem Brandanschlag in München deutet auf eine proiranische Gruppe hin. Luigi Pantisano kandidiert als neuer Linkenchef und erinnert an Markus Söder. Weitere Themen sind ein Vorfall im Berliner Jugendamt, eine Frau als Bundesliga-Cheftrainerin und das Buch "Mythen, Macht und Muttermund".
InhaltDer mögliche neue Linkenchef klingt wie einst Markus Söder. Zum Brandanschlag in München ist ein Bekennervideo aufgetaucht. Und bei Volkswagen gab es einen Datenskandal. Das ist die Lage am Donnerstagabend. Die drei Fragezeichen heute: Dass die Menschen hierzulande angeblich nicht fleißig genug arbeiten und häufig krank sind, ist nicht nur ein wiederkehrendes Thema in den Reden von Friedrich Merz. Es scheint auch die Führungskräfte bei Deutschlands größtem Autobauer Volkswagen umzutreiben. Wie die SPIEGEL-Redakteure Alexander Demling und Hubert Gude erfahren haben, sollen Manager, Meister und Personaler der konzerneigenen Leiharbeitsfirma VW Group Services in zweiwöchentlichen Onlinerunden die Fehlzeiten einzelner Beschäftigter per Präsentation besprochen haben, teils namentlich und mit Gesundheitsbezug. Der Name der Gruppe: "Initiative Fehlzeitenquote" (hier mehr dazu ). Rund 600 Betroffene wurden im Nachhinein darüber informiert. VW betont, man habe den Verstoß selbst erkannt, sofort reagiert und Behörden sowie Betroffene informiert – und doch bleibt die irritierende Frage, wie ein solches System überhaupt entstehen konnte. Zumal im Raum steht, die Initiative habe nicht nur der Fürsorge gedient, sondern auch dazu, "besonders problematische Mitarbeiter zu identifizieren und diesen dann krankheitsbedingt zu kündigen", wie die Kollegen Demling und Gude schreiben. Einige Betroffene wollen nun klagen. Nach einem Brandanschlag auf das israelische Restaurant "Eclipse" in der Münchner Maxvorstadt gibt es nun ein Bekennervideo. Es stammt offenbar von einer proiranischen Terrorgruppe und ist in einem Propagandakanal aufgetaucht. Die Generalstaatsanwaltschaft München bestätigte die Existenz der Veröffentlichung, sie sei "Gegenstand von Ermittlungen". Sicherheitsbehörden ordnen das Video nach SPIEGEL-Informationen einer proiranischen schiitischen Gruppe namens Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia (HAYI) zu, die erst seit Kurzem mit Bekennervideos zu Anschlägen mit Sachschäden an jüdischen oder israelbezogenen Zielen in Europa auftaucht (hier mehr ). Experten halten es für möglich, dass hinter HAYI weniger eine eigenständige Terrorgruppe steckt, sondern iranische Dienste, die mit bezahlten "Wegwerfagenten" aus dem kriminellen Milieu arbeiten und so Einschüchterung betreiben, ohne sich direkt zuordenbar zu machen. Es könnte auch sein, dass die Gruppe die Tat in München nur nachträglich für sich reklamieren will. Aber selbst wenn, liest man nicht nur als Müchnerin wie ich mit Sorge die Einschätzung von Julian Lanchès vom International Centre for Counter-Terrorism in Den Haag. Er hat die Bekennervideos von HAYI für den SPIEGEL ausgewertet und sagt: "Dieses Video zeigt erstmals sehr deutlich, dass die Gruppe oder die tatsächlichen Hinterleute ihren Fokus auch auf Deutschland gerichtet haben." Wer ist Luigi Pantisano aus Baden-Württemberg? Womöglich bald der neue Chef bei den Linken. Kaum war bekannt geworden, dass Jan van Aken im Juni nicht erneut als Linkenchef kandidieren wird, aktualisierte Pantisano schon seine Homepage und gab bekannt, Akens Nachfolge antreten zu wollen (hier mehr dazu). Sein erster Satz: "Ich gehe diesen Schritt in großer Demut." Das weckte bei mir als ehemaliger Bayern-Korrespondentin des SPIEGEL Erinnerungen an einen ganz anderen Parteichef. 2018 hatte CSU-Mann Markus Söder vor seiner Wahl zum Bayerischen Ministerpräsidenten ebenfalls und ständig von "Demut" mit Blick auf das angestrebte politische Amt gesprochen. Und es gibt noch mehr Ähnlichkeiten zwischen den Christsozialen und den "Krass-Sozialen", wie es mein SPIEGEL-Kollege Marc Röhlig so fein formuliert hat in unserem internen Redaktionschat. Die Linke Heidi Reichinnek schrieb heute auf ihrem Instagram-Kanal, Luigi sei "in seiner Arbeit immer nah bei den Menschen". Wie lautet noch mal der Slogan der CSU auf der Homepage ganz oben links? Genau: "Näher am Menschen". Davon abgesehen sind die Unterschiede zwischen Linken und CSU zahlreicher als die Gemeinsamkeiten. Zwischen dem CSU-Chef und dem möglichen neuen Linkenchef gibt es jedoch Parallelen, nicht nur in Sachen Demut. Wer das spannende Porträt über Pantisano meiner Kollegen Anna Reimann und Mark Röhlig aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro liest, der erfährt, dass der mögliche neue Linkenchef eine polarisierende Figur in seiner Partei ist. Er werde von einigen für seine Organisationskraft gelobt, falle im Parlament aber auch als Hitzkopf auf – etwa durch scharfe Zwischenrufe gegen die AfD. Die Akte Wutzkyallee – Vertuschung oder Überforderung im Jugendamt?: Ein Mädchen soll in einem Berliner Jugendclub vergewaltigt worden sein. Doch die Mitarbeiter und das Jugendamt erstatten keine Anzeige. Wegen des Migrationshintergrunds des mutmaßlichen Täters oder weil alle nur das Opfer schützen wollten? Frauen an der Seitenlinie: Erstmals in der 63-jährigen Geschichte der Männer-Bundesliga wird mit Marie-Louise Eta, 34, am Wochenende eine Frau als Cheftrainerin an der Seitenlinie im Stadion des 1. FC Union Berlin stehen. Grünenpolitikerin Claudia Roth fordert nun Nachahmerinnen. Sie hat auch eine bestimmte Mannschaft im Blick: In Zukunft sei "eine Cheftrainerin oder Sportdirektorin auch beim DFB sicher eine sehr gute Möglichkeit". Man lebe schließlich im 21. Jahrhundert und nicht mehr im 19. Jahrhundert. Aus einer Mietanzeige auf immobilienscout24.de: "Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir im Sinne der Hausgemeinschaft Nichtraucher und Mieter ohne Haustüre bevorzugen." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Wer gern Sachbücher liest, sollte unbedingt das neue Werk der Historikerin Helena Barop beachten. Ich bin seit ihrem Erstling "Der große Rausch" (über die US-Drogenpolitik) Fan ihrer meisterhaften Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart. Nun hat sie "Mythen, Macht und Muttermund – Eine feministische Geschichte der Geburt" vorgelegt. Lesen Sie hier das Interview meiner Kollegin Katja Iken mit Barop . Preisabfragezeitpunkt 16.04.2026 18.43 Uhr Keine Gewähr Die Historikerin zeigt darin, wie das Gebären lange eine von Frauen getragene, kollektive Praxis war, die in der Moderne Schritt für Schritt zum männlich dominierten medizinischen Eingriff wurde – und wie mit dieser Verschiebung auch Gewalt und Entmündigung in die Geburtshilfe einzogen, deren Nachhall man noch heute spürt. Sicher kein leichtes Thema, aber eines, das Aufmerksamkeit verdient hat. Was an Barop überzeugt, ist der doppelte Blick: Sie preist die moderne Medizin ausdrücklich als Segen – aber sie macht klar, dass Geburt nicht nur ein medizinischer Vorgang ist, sondern auch ein psychosomatisches, soziales und zutiefst verletzliches Geschehen, in dem Hebammen mindestens genauso wichtig sind wie Ärztinnen und Ärzte. Einen schönen Abend. Herzlich Ihre Anna Clauß, Autorin der Chefredaktion