Atomkraft: Jens Spahn bringt Reaktivierung stillgelegter Reaktoren ins Spiel

Datum16.04.2026 07:25

Quellewww.spiegel.de

TLDRUnionsfraktionschef Jens Spahn fordert eine Debatte über die Reaktivierung stillgelegter deutscher Atomkraftwerke. Er verweist auf Studien, die eine Wiederinbetriebnahme für deutlich günstiger halten als den Neubau. Zwar ist der Atomausstieg für Kanzler Merz unumkehrbar, doch die Idee einer Rückkehr zur Kernenergie gewinnt, auch durch Befürworter wie in Bayern und der AfD, erneut an Fahrt. Die Debatte wird durch die EU-Kommission und internationale Entwicklungen angeheizt.

InhaltUnionsfraktionschef Jens Spahn bedient die Sehnsucht in CDU und CSU nach einer Rückkehr zur Atomkraft: Er bringt eine Reaktivierung der abgeschalteten Meiler ins Spiel. Vor drei Jahren wurden die letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Kanzler Friedrich Merz nannte den Beschluss früherer Bundesregierungen zum Atomausstieg unumkehrbar. Auch Energiekonzerne zweifeln, ob eine Rückkehr zur Atomkraft sinnvoll ist. Doch Unionsfraktionschef Jens Spahn heizt die Debatte erneut an. Er zeigte sich offen für eine Diskussion zur Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke. Das solle man miteinander prüfen, sagte der CDU-Politiker in Berlin am Rande eines Forschungskongresses der Unionsfraktion vor Journalisten. Er verwies auf Studien, wonach die stillgelegten Reaktoren der vergangenen Jahre "mit um die neun, zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen könnten. Ich finde jedenfalls, diese Debatte müssen wir gesellschaftlich führen." In anderen Staaten würden 30 bis 50 Milliarden Euro investiert, um ein neues Kernkraftwerk zu bauen. "Wir könnten mit deutlich weniger unsere gerade abgeschalteten Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen. Eine Diskussion ist es in jedem Fall wert." Die Debatte über die Atomkraft hatte zuletzt wieder an Fahrt aufgenommen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte die Abkehr von der Technologie als strategischen Fehler bezeichnet. Kanzler Merz sagte, er teile von der Leyens Einschätzung, fügte aber hinzu, die Bundesregierungen zuvor hätten entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen. "Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so." Ungeachtet der Linie des Kanzlers hatte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Mitte März eine Abkehr vom Atomausstieg gefordert und angekündigt, den Bau moderner Mini-Atomkraftwerke im Freistaat zu planen. Nicht nur in der Union gibt es hartnäckige Befürworter der Atomkraft. Auch die AfD bringt das Thema auf die Agenda. Die Partei hatte einen Antrag zur Wiederinbetriebnahme von Reaktoren in den Bundestag eingebracht – und dabei ähnlich argumentiert wie Spahn. Der für Atomkraft zuständige AfD-Abgeordnete Paul Schmidt war nach eigenen Angaben mehr als zwanzig Jahre Betriebsphysiker im Kernkraftwerk Philippsburg in Baden-Württemberg. Schmidt hatte Angaben des Verbands der deutschen Kerntechnik als plausibel bezeichnet, wonach mehrere stillgelegte Kraftwerksblöcke innerhalb von drei Jahren mit jeweils ein bis drei Milliarden Euro wieder in Betrieb genommen werden könnten, weil dort bisher wenig Rückbau passiert sei. Er nannte Neckarwestheim II und Brokdorf. Der Ausstieg aus der Atomenergie war unter der CDU-geführten Bundesregierung von Angela Merkel nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 beschlossen worden. Im Jahr 2023 wurden die letzten Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Lesen Sie hier, warum Minireaktoren die Debatte über eine Renaissance der Atomkraft befeuern  – und warum die Hoffnung auf klimaneutrale, sichere und billige Kernkraft bestenfalls vage ist.