Datum15.04.2026 09:50
Quellewww.spiegel.de
TLDREine 86-jährige Französin wurde in den USA in Abschiebehaft genommen, nachdem ihr Ehemann starb und ihr Aufenthaltsrecht erlosch. Sie hatte ihre Jugendliebe nach Jahrzehnten wiedergefunden und geheiratet. In Gewahrsam sei sie wie eine Kriminelle behandelt worden. Das französische Konsulat kümmert sich um den Fall. Die Geschichte unterstreicht die Rekordzahlen der Abschiebungen in den USA.
InhaltAn Händen und Füßen gefesselt ist eine 86-jährige Französin von ICE-Beamten abgeführt worden. Sie hatte nach Jahrzehnten ihre Jugendliebe in den USA geheiratet – doch als der Mann starb, war ihr Bleiberecht verwirkt. Diese Geschichte erregt derzeit nicht nur in Frankreich die Gemüter: Am 1. April wurde ein 86-Jährige aus der Bretagne von Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE festgenommen und in ein Abschiebezentrum in Louisiana verbracht. Dort sei sie an Händen und Füßen gefesselt und "wie eine gefährliche Kriminelle" behandelt worden, sagte ihr Sohn der französischen Regionalzeitung "Ouest-France ". Marie-Thérèse, wie die Seniorin aus Nantes in den Berichten nur genannt wird, blieb demnach mehrere Tage ohne Kontakt zur Außenwelt. Erst am 8. April habe ein Mitarbeiter des französischen Generalkonsulats Zugang zu der Frau bekommen, hieß es. Seine Mutter leide unter Herzproblemen und starken Rückenschmerzen, erklärte der Sohn. Bisher meistere sie die Situation aber gut. Diplomatische Quellen versicherten dem "Figaro ", dass das französische Generalkonsulat in Atlanta die Situation aufmerksam verfolge und mit der Familie sowie den ICE-Behörden in Kontakt stehe. Doch wieso wurde die betagte Französin überhaupt in Abschiebehaft genommen? Den Berichten zufolge hatte Marie-Thérèse im vergangenen Jahr ihre Jugendliebe Billy geheiratet und sich in Anniston im US-Bundesstaat Alabama niedergelassen. Nach dem Tod ihres Mannes im Januar 2026 hätten die aufenthaltsrechtlichen Probleme begonnen, weil sie kein dauerhaftes Visum für die Vereinigten Staaten gehabt habe. Kennengelernt hatte sich das Paar den Berichten zufolge Ende der Fünfzigerjahre, als Marie-Thérèse als Sekretärin auf einem Nato-Stützpunkt in der Nähe von Saint-Nazaire gearbeitet habe. Allerdings musste der US-Soldat Billy Mitte der Sechzigerjahre in sein Heimatland zurückkehren, weil Frankreich aus der integrierten militärischen Kommandostruktur der Nato ausgetreten war. Die räumliche Trennung hatte Folgen: Beide heirateten und bekamen Kinder mit anderen Partnern. Doch im Jahr 2010 nahm Marie-Thérèse über soziale Netzwerke Kontakt zu Billy auf, der sich inzwischen zum Oberst und Hubschrauberpilot in der US-Armee hochgearbeitet hatte. Danach hätten sich die Ehepaare mehrmals getroffen, hieß es. Ende 2022, als Marie-Thérèse ebenso wie Billy seit einigen Monaten verwitwet war, hätten sie ihre Beziehung wieder aufgenommen, 2025 geheiratet und zusammen in den Vereinigten Staaten gelebt. "Ein charmanter, liebenswerter Mann" sei Billy gewesen, sagte Marie-Thérèses Sohn "Ouest-France". "Man hätte meinen können, sie seien zwei Teenager." Doch nach dem Tod des Ehemanns kam es zu einem Erbschaftsstreit. Laut "Ouest-France" soll Billys Sohn Marie-Thérèse bedroht und eingeschüchtert, sogar Wasser, Internet und Strom in der Wohnung abgestellt haben. Die 86-Jährige habe einen Anwalt konsultiert, für den 9. April sei ein Gerichtstermin angesetzt gewesen. Doch acht Tage zuvor wurde sie von den Beamten der Einwanderungsbehörde abgeholt. Die Zahl der Menschen in US-Abschiebehaft erreicht unter der Trump-Regierung Rekordwerte. Ende 2025 befanden sich rund 70.000 Menschen gleichzeitig in ICE-Haft – ein Anstieg von mehr als 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Fiskaljahr 2025 schob ICE insgesamt 442.637 Personen ab, etwa 171.000 mehr als im Vorjahr. "Für uns ist es jetzt das Wichtigste, sie aus dieser Abschiebehaftanstalt heraus- und nach Frankreich zurückzuholen", sagte Marie-Thérèses Sohn. "Angesichts ihres Gesundheitszustands wird sie unter solchen Haftbedingungen keinen Monat durchhalten."