Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Wenn es in der Müllverbrennungsanlage knallt, liegt das an den Drogen

Datum15.04.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRTausende Plätze in Hamburger Flüchtlingsunterkünften fallen weg, was potentiell zur Obdachlosigkeit vieler Menschen führen könnte. Parallel dazu explodieren in der Müllverbrennungsanlage Lachgasflaschen, die als Partydroge missbraucht werden und teure Stillstände verursachen. Zudem streiken Flugbegleiter und NDR-Mitarbeiter, während Naturschützer Amphibien retten und die Stadt eine Olympiabewerbung prüft.

InhaltDie Elbvertiefung am Mittwoch – mit dem Abbau Tausender Plätze in Flüchtlingsunterkünften, einer Reise in den Donbass, Streiks, Kröten und Olympia kürzlich habe ich die Müllverbrennungsanlage nahe der Köhlbrandbrücke im Hafen besucht und den Leitstand besichtigt. Dort überwachen Mitarbeiter die Prozesse. Vorne hängen große Monitore mit Kamerabildern, sie zeigen die Trichter, das Feuer im Ofen, den Abwurf der Schlacke. An diesem Tag plätscherte klassische Musik durch den Raum, ausgesucht vom Schichtleiter, doch plötzlich knallte es. Der Rumms war heftig. Die Männer im Raum blieben cool, sie kannten das schon. Da sei eine Lachgasflasche explodiert, erklärte mir einer. Solche Kartuschen stehen oft unter Druck. Wenn sie nicht ganz leer sind und in der Verbrennung landen, zerspringen sie bei der Hitze. Das passiert erstaunlich oft: Seit Jahresbeginn habe es mehr als 180 Explosionen in Hamburg gegeben, sagte der Sprecher der Stadtreinigung. Also fast zwei pro Tag. Manche sind harmlos, andere teuer: Etwa, wenn eine Lachgasflasche direkt auf den Roststäben im Ofen explodiert und diese Stäbe brechen. Dann wird dieser Teil der Anlage heruntergefahren, abgekühlt, geräumt und repariert – erst danach kann er wieder hochfahren. Das dauert ein bis drei Tage und kostet im Schnitt pro Stillstand etwa 150.000 Euro, so die Stadtreinigung. Lachgas ist zu einer beliebten Partydroge geworden. Es wird oft durch Luftballons eingeatmet, manche Menschen sind davon euphorisiert. Die Nebenwirkungen nehmen sie in Kauf: Lachgas kann zu Halluzinationen und Bewusstlosigkeit führen, langfristig drohen Nervenschäden. Es gab seit Jahresbeginn schon 13 Stillstände in den Hamburger Verbrennungsanlagen. Die meisten in der zweiten Anlage für Hausmüll in Hamburg-Billbrook. Der Grund: Hier landet der Partymüll aus St. Pauli, Altona und der Schanze und mit ihm die alten Lachgasflaschen. Ein kleiner Handgriff der Nutzer hätte hier große Wirkung: Die Gas-Kartuschen gehören in den Gelben Sack, nicht in die Mülltonnen auf der Straße. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Kristina Läsker Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.  Die Initiative "OlympJA" wirbt für eine Olympiabewerbung von Hamburg. Menschen aus Sport, Kultur und Stadtgesellschaft engagieren sich in dem Bündnis, das für den 24. April eine Kundgebung am Jungfernstieg plant. Am 31. Mai stimmen dann alle Bürgerinnen und Bürger über eine mögliche Bewerbung Hamburgs ab. Flugbegleiter von Lufthansa und Cityline sollen heute und morgen streiken. Dazu hat die Kabinengewerkschaft Ufo aufgerufen. Der Ausstand folgt nahtlos auf einen Pilotenstreik am Flughafen. Außerdem sind gestern rund 150 freie und feste Mitarbeiter des NDR in einen Warnstreik getreten. Das teilte die Gewerkschaft Ver.di mit, die eine Lohnsteigerung von 7 Prozent fordert sowie eine Übernahmegarantie für Auszubildende. Insgesamt arbeiten für den NDR rund 5.000 Menschen in ganz Norddeutschland. Bei den beiden Toten, die am Montag in einer Laube in Billwerder entdeckt wurden, geht die Polizei von einem Unglücksfall aus. Hinweise auf ein Gewaltverbrechen oder einen Suizid des Mannes und der Frau im Alter von jeweils 39 Jahren gebe es nicht. In den vergangenen Wochen wurden Tausende Kröten, Frösche und Molche vor dem Tod auf der Straße gerettet. Nach Angaben des BUND haben Freiwillige allein im Wilhelmsburger Inselpark und in den Volksdorfer Teichwiesen mehr als 4.400 Amphibien sicher in Eimern über die Straße gebracht. Die Populationen der Gras- und Moorfrösche habe sich zuletzt spürbar erholt. Hamburg wettet offenbar darauf, dass weniger Geflüchtete die Stadt erreichen. Das könnte böse enden, schreibt ZEIT-Autor Christoph Twickel. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Kommentar. Dieser Sommer könnte sehr unangenehm werden für Menschen, die es auf der Flucht nach Hamburg verschlägt. Also: noch unangenehmer als bisher schon. Denn in der Stadt fallen Unterbringungsplätze weg, und zwar sehr viele. Bis Ende des Jahres gehen laut einer Prognose der Sozialbehörde etwa 6.000 Plätze in Erstaufnahmeeinrichtungen verloren. Zusätzlich verschwinden in der sogenannten öffentlich-rechtlichen Unterbringung rund 12.000 Plätze. Die Sozialbehörde begründet das mit auslaufenden Verträgen oder überfälligen Sanierungsmaßnahmen. "Kapazitätsdefizite" sollen "überbrückt und kompensiert werden, um Obdachlosigkeit zu verhindern". Man versuche, die Laufzeit vorhandener Standorte zu verlängern und neue Unterkünfte zu schaffen. Die "Handlungsoptionen" seien "jedoch begrenzt". Tausenden Geflüchteten droht womöglich die Obdachlosigkeit – doch erstaunlicherweise schlägt der Senat nicht Alarm. Es gibt keine aufrüttelnde Pressekonferenz wie im Oktober 2023, als Innensenator Andy Grote und Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (beide SPD) verkündeten, Hamburg sei bei der Flüchtlingsunterbringung überlastet. Ist womöglich alles halb so schlimm? Es stimmt: Infolge der Kontrollen an den deutschen Außengrenzen hat der Unterbringungsbedarf in Hamburgs Erstaufnahmelagern im vergangenen Jahr deutlich abgenommen. Doch bereits jetzt leben fast 42.000 Menschen in den hiesigen Unterkünften. Alle Plätze sind belegt, sinkende Zugangszahlen helfen nur wenig. Ab Mitte August werde das System überlastet sein, heißt es in der Sozialbehörde. Wie das neue "Gemeinsame Europäische Asylsystem" sich auf die Situation auswirken könnte, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) "Als Kamerafrau bin ich kalt" Heute wird die Doku "Where is my body armor?" im Rahmen der Dokumentarfilmwoche gezeigt. Die ukrainische Regisseurin Daria Penkova hat an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert und ist mit der Kamera in ihre alte Heimat nahe der Front zurückgekehrt. Im Interview mit ZEIT-Autorin Lena Frings spricht sie darüber, was sie dort erlebte – und in ihrem Film zeigt. → Zum Interview (Z+) Am kommenden Samstag bietet die Geschichtswerkstatt Eppendorf einen etwa zweistündigen literarischen Spaziergang über Wolfgang Borchert an. Der Rundgang beginnt am Geburtshaus Borcherts und endet nach verschiedenen Stationen im unterirdischen Röhrenbunker am Erst-Thälmann-Platz (nicht barrierefrei). "Wolfgang Borchert. Ein literarischer Spaziergang", 18.4., 15 Uhr; Start: Tarpenbekstraße 82, Tickets gibt es hier. Neulich auf dem Flohmarkt: Eine Frau wühlt in einem Berg voller Textilien und fragt schließlich: "Habt Ihr was in Größe 122?" Der Mann hinter dem Tisch blickt ratlos. "Das weiß ich nicht." Hilfestellung der potenziellen Kundin: "Dafür braucht Ihr Kinder so zwischen 6 und 8." Seine Antwort: "Haben wir nicht. Das weiß ich." Gehört von Margit Tabel-Gerster Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.