Dokumentarfilmwoche in Hamburg: »Als Kamerafrau bin ich auch kalt«

Datum14.04.2026 20:26

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Ukrainerin Daria Penkova kehrt für ihren Film "Where is my body armor?" in ihre Heimatstadt Druzhkivka nahe der Front zurück. Dort dokumentiert sie den Alltag mit einem Freund, der Soldat ist. Paradoxerweise fand sie während dieser intensiven Dreharbeiten einen inneren Frieden. Der Film, der bei der Hamburger Dokumentarfilmwoche gezeigt wird, thematisiert die prägende Erfahrung, den Krieg als Kamerafrau zu dokumentieren.

InhaltZwei Jahre lebte die Ukrainerin Daria Penkova in Hamburg. Für ihren Film kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt an der Ostfront. Warum sie dort inneren Frieden spürte. Als Russland den Krieg gegen die Ukraine begann, zog Daria Penkova nach Hamburg. Von hier aus beendete die heute 22-Jährige ihren Film-Bachelor an der University of Culture and Arts in Kyjiw, gleichzeitig studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK). Nach zwei Jahren allerdings kehrte Penkova für einen Besuch in ihre Heimatstadt Druzhkivka im Osten der Ukraine zurück – ihr Film "Where is my body armor?", der am 15. April bei der Hamburger Dokumentarfilmwoche gezeigt wird, dokumentiert diese Reise. In Druzhkivka trifft die Kamerafrau und Regisseurin einen alten Freund, der jetzt Soldat ist, und erlebt mit ihm den Alltag nahe der Frontlinie. Der Film, sagt Penkova im Gespräch mit der ZEIT, habe ihr Leben verändert. Das Interview wurde per Videocall auf Englisch geführt, denn Penkova ist gerade in Kyjiw. DIE ZEIT: Frau Penkova, Sie sind 2022 aus der Ukraine nach Hamburg geflohen. Heute aber leben Sie wieder in Kyjiw. Wie kam es dazu? Daria Penkova: Das lag vor allem an meinem Kurzfilm Where is my body armor?. Als ich im Jahr 2023 mit meiner Kamera in der Ukraine unterwegs war und so viele intime Momente festhielt, überkam mich ein Gefühl inneren Friedens. Das mag absurd klingen, aber ich hatte das Gefühl, ich bin die richtige Person, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich konnte hier Momente festhalten, die sich niemals wiederholen werden. Ich hatte fast das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, dieses Stück der Geschichte festzuhalten. Die Videos werden zu Zeugnissen des Krieges, für unsere zukünftige Aufarbeitung, aber auch für andere Länder. ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film? Penkova: Als ich in Hamburg lebte, habe ich an zwei Universitäten parallel studiert. Ich musste für meine ukrainische Universität einen Abschlussfilm drehen. Viel Geld hatte ich nicht, also bin ich, ähnlich wie in dem Dokumentarfilm 20 Tage in Mariupol, der einen Oscar gewann, in meine Heimat zurückgereist, um dort zu dokumentieren. Ich habe alles Mögliche gefilmt, den Hamburger Dom vor der Abreise und die Fahrt mit dem Schlafwagen durch die Nacht, und meine Großeltern … Ich wollte alles festhalten, was passiert. ZEIT: Und was ist in der Zeit in Ihrer Heimat passiert? Penkova: Als ich in Druzhkivka ankam, habe ich mir kurz vor dem Aussteigen noch schnell die Kamera um den Hals gehängt. Ich dachte, gleich stehen meine Eltern am Gleis und dann kann ich dieses echte und emotionale Wiedersehen aufnehmen, so wie mein Dozent an der Filmhochschule es mir beigebracht hat. Meine Eltern waren allerdings zu spät. Stattdessen habe ich Husten gehört. Ich habe mich umgedreht und da stand Andrii. ZEIT: Das war ein alter Freund von Ihnen, richtig? Penkova: Ja, ich habe ihn 2020 einmal mit seinem BMX-Rad gefilmt und seither sind wir Freunde. Meine Eltern waren so nett, ihn spontan zum Abendessen einzuladen, und wir sind alle zusammen mit dem Auto nach Hause gefahren. Später wurde daraus meine Lieblingsszene im Film. Andrii hat mich dann gefragt, ob ich sein heutiges Leben als Soldat kennenlernen möchte. Er hat mich überallhin mitgenommen. ZEIT: Andrii ist also zufällig zu Ihrem Protagonisten geworden. Bezieht sich der Titel des Films Where is my body armor? auf seine Ausrüstung? Penkova: Ja, Andrii ist im Kampf angeschossen worden und musste ins Krankenhaus. Ein anderer Soldat sollte auf seine Ausrüstung und seinen Helm aufpassen, doch als er aus dem Krankenhaus zurückkam und wir uns trafen, wusste niemand mehr, wo seine Ausrüstung ist. Unter den Soldaten hat sich darum ein Streit entwickelt. ZEIT: Hat in solchen Momenten niemand von Ihnen gefordert, die Kamera auszumachen? Penkova: Einer der Soldaten sagte einmal: "Mach das Ding aus oder ich schlag dir ins Gesicht." Zum Glück war Andrii dabei und ich habe mich sicher gefühlt. Ich dachte aber vor allem: Wenn mir jemand ins Gesicht schlagen will, wäre das eine sehr interessante Szene. Als Kamerafrau bin ich auch kalt. Mein Dozent sagte einmal: Stirbt jemand vor den eigenen Augen und man kann ihm nicht mehr helfen, sollte man überlegen, wie man den Moment am besten festhält. Denn das ist der Job. ZEIT: Die Kamera verschafft Ihnen also auch Distanz? Penkova: Gute Frage. Vielleicht ein wenig. Aber natürlich dürfen die Emotionen beim Filmen auch nicht verloren gehen. Ich wollte darum, dass mich die Kamera so wenig wie möglich stört. Also bin ich dazu übergegangen, sie mir um den Hals zu hängen. So konnte ich Augenkontakt halten und die Situationen gemeinsam mit den Soldaten durchleben.