Meinung: News des Tages: Tempolimit, Gesundheitsministerin Nina Warken will sparen, Fall Collien Fernandes

Datum14.04.2026 17:56

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Deutschen befürworten mehrheitlich ein Tempolimit, um Benzin zu sparen. Gesundheitsministerin Warken plant ein Sparpaket im Gesundheitswesen, das auch die Pharmaindustrie tangieren soll, insbesondere am Beispiel des teuren Krebsmedikaments Keytruda. Der Fall Collien Fernandes gegen Christian Ulmen wird nach Spanien verlegt, was Debatten über digitale Gewalt und Gesetzesunterschiede auslöst.

InhaltDie Deutschen sprechen sich für ein Tempolimit aus. Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren, Ministerin Warken will nun sparen. Und der Fall Fernandes wandert von Spanien nach Deutschland. Das ist die Lage am Dienstagabend. Die drei Fragezeichen heute: Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von "Stern" und RTL ergab, dass 51 Prozent der Deutschen ein befristetes Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen und 80 Kilometern pro Stunde auf Landstraßen befürworten – zumindest für die Dauer des Irankriegs. Besonders Frauen (rund zwei Drittel) und über Sechzigjährige (62 Prozent) unterstützen den Vorschlag, der immer mal wieder in der Diskussion ist. Es ist schon einigermaßen kurios: In Deutschland verursacht "nicht angepasste Geschwindigkeit" die meisten Verkehrstoten im Straßenverkehr. Pro Tag sterben im Schnitt mehr als sieben Menschen bei Verkehrsunfällen, nicht immer wegen zu hohem Tempo. Bei diesen Zahlen schreckt kaum jemand auf. Aber bei mehr als zwei Euro pro Liter Sprit entsteht Panik. Die Bereitschaft, langsamer zu fahren, steigt. Dabei zwingt einen gar niemand zu rasen, jeder könnte einfach langsamer fahren, auch ohne temporäre staatliche Verordnung – und schon wäre Sprit gespart. Laut Greenpeace könnten Autofahrer ihre jährlichen Spritkosten um rund 239 Euro senken, gäbe es ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde. Deutschlandweit ließen sich 3,2 Milliarden Liter Kraftstoff einsparen. (Hier eine Datenanalyse, wo auf deutschen Autobahnen gerast wird ). Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem es auf Autobahnen kein generelles Tempolimit gibt. Das geht noch auf die Nationalsozialisten zurück. Relativ schnell nach der Machtergreifung beschlossen sie 1934, das Tempolimit auf Landstraßen und in der Stadt vollkommen aufzuheben. Auf Autobahnen wurde es nie eingeführt. Erst als die Nazis 1939 den Krieg begannen, führten sie ein Tempolimit ein – weil Benzin gespart werden musste. Bei der "Stern"-RTL-Umfrage gaben übrigens nur 19 Prozent der AfD-Wähler an, ein Tempolimit zu befürworten. Gesundheitsministerin Nina Warken will mit einem Sparpaket allein im ​nächsten Jahr rund 20 Milliarden Euro ‌im Gesundheitswesen einsparen. Über drei Viertel der kürzlich von der Gesundheitskommission vorgestellten Maßnahmen sollen umgesetzt werden, kündigte sie an. Ende April soll der Gesetzesvorschlag zu den Reformen im Kabinett beschlossen ​werden. Alle sollen beitragen: ​Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen, Apotheker – und die Pharmabranche (hier mehr dazu ). Ein Paradebeispiel, wie letztere abkassiert, haben gerade meine Kolleginnen Susanne Amann, Maria Christoph und Sophia Stahl am Beispiel des Krebsmedikaments namens Keytruda recherchiert. Demnach bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen derzeit 2039,27 Euro für 100 Milligramm des Arzneimittels. Ein fairer Preis läge laut Berechnungen des internationalen Krankenkassenverbands aber bei lediglich 40 Euro. Darin enthalten sind bereits die Forschungs- und Entwicklungskosten sowie eine Rendite von acht Prozent (lesen Sie hier mehr darüber ). Keytruda ist ein Präparat des US-Herstellers Merck Sharp & Dohme (MSD) und wird häufig als Gamechanger in der Krebstherapie bezeichnet. Es ist derzeit das weltweit umsatzstärkste Medikament. Auch in Deutschland zahlten die gesetzlichen Krankenkassen 2025 mehr als zwei Milliarden Euro allein dafür. MSD begründet den hohen Preis mit Forschungs- und Entwicklungskosten von nach eigenen Angaben 44 Milliarden US-Dollar – davon 30 Milliarden für interne Entwicklung und 14 Milliarden für Forschungskooperationen. Die Schweizer NGO Public Eye zweifelt das an: Sie kommt in einer exklusiven Berechnung auf lediglich rund 4,8 Milliarden Dollar, inklusive eines Risikoaufschlags für gescheiterte Projekte. Dem steht ein kumulierter Umsatz von 163 Milliarden US-Dollar gegenüber. Für Warken wird es ein Spagat: "Wir können schlicht ‌nicht mehr ausgeben, ​als wir einnehmen." Sie muss einerseits die Gier der Pharmabranche bändigen – und andererseits den Patientinnen und Patienten sagen, dass sie mehr für ihr Präparat zuzahlen müssen. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, sagte dem SPIEGEL, es fehle ein "Gegengewicht" zur Pharmaindustrie. "Die Krankenkassen haben in den Diskussionen mit der Industrie keinen gleich langen Hebel, um vernünftige Preise festzusetzen. Und der Politik fehlt oft der Mut" (hier das ganze Interview ). Warkens Vorstoß könnte zumindest ein Anfang sein. Die Ermittlungen im Fall der Strafanzeige von Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen werden von Spanien nach Deutschland verlegt. Eine Richterin auf Mallorca ordnete laut dem zuständigen Gericht an, die Akten an die Staatsanwaltschaft Itzehoe zu übergeben, da sich die mutmaßlichen Taten überwiegend auf deutschem Staatsgebiet ereignet hätten (hier mehr ). Dort seien auch die Zeugen wohnhaft und die Auswirkungen auf Fernandes’ Ruf am größten. Bereits Ende März sprach sich die Staatsanwaltschaft auf Mallorca dafür aus, Spanien für nicht zuständig zu erklären und das Verfahren an die deutsche Gerichtsbarkeit zu übertragen. Die Entscheidung ist delikat, denn die Gesetze in Spanien sind im Sexualstrafrecht bislang schärfer als in Deutschland. Fernandes' Anwalt kündigte daher auch Berufung gegen die Entscheidung an. In Spanien gäbe es zudem anders als in Deutschland spezialisierte Behörden, zuständig für Fälle von Gewalt gegen Frauen. Ob das Verfahren tatsächlich in Itzehoe bleibt, ist unklar: Die Staatsanwaltschaft will den Fall nach Potsdam abgeben, wohin die Akte bereits übermittelt wurde. Fernandes wirft Ulmen vor, im Netz täuschend echte Fakeprofile von ihr erstellt und über diese Männer kontaktiert zu haben. Zudem beschuldigt sie ihn körperlicher Übergriffe auf Mallorca, unter anderem einem im Jahr 2023, der für beide auf der Polizeiwache endete. Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Seine Anwälte sprechen im Zusammenhang mit den Vorwürfen unspezifisch von "unwahren Tatsachen" (hier mehr zum Fall ). Der Fall löste bundesweit eine Debatte über digitale sexualisierte Gewalt und Schutz für Frauen aus. Vor einiger Zeit erzählte meine Kollegin Ella Knigge, wie Freundinnen und Freunde von ihr Termine bei Spezialisten buchten, die helfen sollten, ein Kind zu bekommen. Instagram und TikTok sind voll mit Werbevideos über Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich helfen, schwanger zu werden. Ella begann über den millionenschweren Handel mit der Hoffnung verzweifelter Paare zu recherchieren. Hersteller erwirtschaften mit den Produkten für die Kinderwunschbehandlung immense Summen: Der Pharmariese Merck, einer der weltweit größten Player, erzielte 2024 einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro in der Sparte Fertilität. Das sind 18 Prozent des Gesamtumsatzes des Bereichs Gesundheitswesen. Konkurrent Ferring Pharmaceutical brachte es 2024 auf einen Rekordumsatz von insgesamt 2,3 Milliarden Euro – besonders dank der Reproduktionsmedizin, die 48 Prozent des Umsatzes aus Warenverkäufen ausmachte. Es ist ein riesiger Markt, und er wird immer größer – von aktuell knapp 30 Milliarden US-Dollar soll er bis 2031 auf etwa 40 bis 43 Milliarden US-Dollar ansteigen. Doch – Sie ahnen es – nur in seltenen Fällen bringt das Ganze etwas. Weingang: Niemand soll einsam sterben müssen. Schauspielerin Nicole Kidman, 58, möchte lernen, wie man andere Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Grund für ihre Entscheidung sind die Erfahrungen mit dem Tod ihrer Mutter. "Ich wünschte, es gäbe Menschen auf der Welt, die unbefangen dasitzen und Trost und Fürsorge bieten." Aus dem Newsletter eines Stuttgarter Bezirksamts: "Liebe Plieninger und Birkacher, der Jugendrat Plieningen-Birkach verteilt am Freitag von 15:30 bis 18:00 Uhr kostenlos Waffen und Punsch, um mit verschiedenen Menschen aus den beiden Stadtbezirken ins Gespräch zu kommen." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Wenn Sie schnell sind, könnten Sie um 18.15 Uhr das Qualifikationsspiel der Fußballnationalmannschaft der Frauen ansehen, Deutschland gegen Österreich (live im ZDF). Sollten Sie diese Lage erst nach Abpfiff lesen, bleiben Ihnen immer noch zwei Champions-League-Spiele der Männer um 21 Uhr: Paris Saint-Germain vs. FC Liverpool und Atletico Madrid vs. FC Barcelona (beide bei DAZN). Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts