Datum13.04.2026 20:58
Quellewww.zeit.de
TLDRPéter Magyar hat Viktor Orbán nach dessen Umgestaltung des Wahlsystems in Ungarn abgewählt. Mit einer Supermehrheit für seine Partei Tisza plant Magyar einen radikalen Regimewechsel. Er will Orbáns Gefolgsleute aus dem Staat entfernen und Institutionen neu besetzen. Magyar verspricht, die Gewaltenteilung wiederherzustellen und eine Begrenzung der Amtszeit für Regierungschefs einzuführen, um Orbáns Rückkehr zu verhindern.
InhaltViktor Orbán ist abgewählt. Doch seine Gefolgsleute sitzen weiter im Staat. Sein Nachfolger Péter Magyar skizziert einen Regimewechsel. Er will mit Härte vorgehen. Am Tag nach seinem historischen Sieg über Viktor Orbán betritt Péter Magyar eine weitere Bühne. Umrahmt von achtzehn Flaggen Ungarns und zwei der Europäischen Union will sich der designierte Ministerpräsident ungarischen wie internationalen Journalisten stellen. Kerzengerade, das Gesicht wach, die Haare mit Gel hoch gebürstet, beginnt er seinen Plan zu skizzieren. Einen Plan für ein neues Ungarn, befreit von Orbáns Autokratie. Selbst Optimisten haben unterschätzt, wie viele Ungarn am Sonntag für die Partei des 45-jährigen Magyar stimmen würden. Schließlich hatte Orbán das Wahlsystem zu seinen Gunsten umgestaltet, eine Niederlage schien lange ausgeschlossen. Doch Magyars Fleißarbeit im Wahlkampf zahlte sich aus. Pro Tag absolvierte er mitunter sieben Auftritte, er reiste von Dorf zu Dorf, sprach über Alltagsprobleme, fuhr an Orte, die vorher noch nie ein Spitzenpolitiker besucht hatte. Das Resultat ist eine Zäsur: Magyar mobilisierte für seine Partei Tisza Stadt und Land, Junge und Alte. Tisza errang mehr als zwei Drittel aller Parlamentsmandate. Sobald das neue Parlament zusammentritt, wird diese Supermehrheit Magyar in die Lage versetzen, die ungarische Verfassung zu reparieren, die Orbán in seiner Amtszeit nach Belieben umschreiben ließ. Und sie würde ihm die Macht geben, Orbáns tief im Staat verankerten Gefolgsleute aus ihren Ämtern zu entlassen. Sechzehn Jahre Viktor Orbán haben ihre Spuren in Ungarn hinterlassen. Man sieht sie, sobald man das Budapester Zentrum verlässt, hinausfährt zum Expokomplex, zu Magyars Pressekonferenz, vorbei an rissigem Asphalt, rostigen Masten und brachliegenden Flächen. Je weiter es ins Umland geht, desto schärfer stellt sich das Bild eines ausgezehrten Landes, kaputt gewirtschaftet durch Korruption und Selbstbereicherung. Dieses System kam nicht von ungefähr: Orbán lieferte die Blaupause, wie man ein Land und seine Institutionen gefügig macht. Er hat Machthabern wie US-Präsident Donald Trump gezeigt, wie man den Rechtsstaat aushöhlt, Institutionen mit Loyalisten besetzt, Medien gefügig macht. Auch Péter Magyar war lange Teil dieses Systems, bevor er ausstieg, als scharfer Kritiker zum Oppositionsführer aufstieg und versprach, jenen Machtapparat aufzulösen, von dem er selbst so lange profitiert hatte. Sollte er sein Versprechen einlösen, könnte das verirrten Demokratien zeigen, wie man sie wieder auf die Beine bringt. Wie man die Gewaltenteilung repariert. Nur wie? Zunächst sieht man ihn kaum, den Mann, der mit dem alten System aufräumen will. Bevor die Pressekonferenz beginnt, umringen Magyar Fotografen. Er setzt zu seiner Rede an, dann unterbricht er kurz, bis die Fläche vor dem Podium frei wird. Er möchte sich Zeit nehmen, drei Stunden, bevor er sich ans Werk mache, zu Telefonaten mit europäischen Regierungschefs verabredet sei. Am Abend zuvor hatte Magyar den Ton bereits gesetzt. In seiner Siegesrede skizzierte er die ersten Schritte für den von ihm angekündigten Regime-Change. "Alle, die Teil dieses Systems waren, seine Stützen und Marionetten, werden aus der Öffentlichkeit verschwinden", sagte er. Zuallererst meint er damit Viktor Orbán. Der amtierende Ministerpräsident solle nur noch geschäftsführend handeln. Also nichts tun und dann die Geschäfte übergeben. Zwischen Ansage und Amtsübernahme liegt eine Übergangszeit, die Magyar nun gestalten muss. Er hat den Staatspräsidenten aufgefordert, ihm als Wahlsieger den Auftrag zur Regierungsbildung zu erteilen. Spätestens bis zum 12. Mai soll das Parlament zur konstituierenden Sitzung zusammentreten. Dann könnte Magyar zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Nicht nur Orbán soll gehen, Magyar will auch die Orbán-treuen Kader des Staates zum Rücktritt bewegen, von den Verfassungsrichtern über die Rechnungshofführung bis zur Medienaufsicht. Und zwar mit Druck und Härte, nicht mit Freundlichkeit. "Geht, dann werden wir euch auch nicht rauswerfen", sagt Magyar. Und sogar der Staatschef, ein Gefolgsmann Orbáns, soll sein Amt räumen, nachdem er seinen Regierungsauftrag erteilt hat. "Mit so viel Würde, wie ihm noch geblieben ist", sagt Magyar. Die Zeit, in der unabhängige Institutionen von der Regierung besetzt würden, sei vorbei. Doch damit ist Magyar noch nicht am Ende: Er will Orbán den Weg zurück ins Ministerpräsidentenamt dauerhaft versperren. Bei der Pressekonferenz kündigt er an, die Amtszeit von Regierungschefs per Gesetz auf zwei Wahlperioden begrenzen zu wollen. Für Orbán, der insgesamt 16 Jahre regierte, wäre damit eine Rückkehr ausgeschlossen.