Meinung: Ungarn-Wahl und Europa: Was ein Ende der Ära Orbán für Demokratie und Anstand bedeutet – Kolumne

Datum13.04.2026 18:50

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie ungarische Wahl könnte ein Wendepunkt für die Demokratie in Europa sein. Viktor Orbáns Niederlage trotz seiner "illiberalen Demokratie" zeigt, dass auch autoritäre Führer Wahlen verlieren können. Dies gibt Hoffnung, dass europäische Werte wie Anstand und Demokratie überwinden. Die Niederlage Orbáns und seiner Verbündeten wie der AfD und Putin markiert eine Stärkung des vereinten Europas.

InhaltDie Demokratie in Europa steht unter Druck. Am Ende aber wird sie gewinnen, weil die Mehrheit nicht ohne Anstand leben will. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Diese Kolumne habe ich begonnen, bevor das Wahlergebnis aus Ungarn feststand, noch bevor die Wahllokale schlossen. Geschrieben als Wunsch, gebe ich zu, mit ein bisschen Bammel, dass die Abwahl Viktor Orbáns für diesen Text vorauszusetzen, schlechtes Karma bringen könnte. Weil: Man soll die Dinge nicht beschreien, da sind wir Älteren abergläubisch. Aber dann dachte ich: Wenn eine große Mehrheit der Ungarn einen wie Orbán jubelnd aus dem Amt wählt, dann ist das nach 16 Jahren seiner zusehends zementierten Regentschaft so stark, so strahlend – dann ist in Europa alles möglich. Und auch mein bisschen negatives Karma kann nichts mehr kaputt machen. Nikolaus Blome, Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der "Bild"-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender "Bild"-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv. Dort macht er auch einen wöchentlichen Podcast zusammen mit Jakob Augstein . Im Januar 2025 erschien sein neues Buch "Falsche Wahrheiten: 12 linke Glaubenssätze, die unser Land in die Irre führen". Aus irgendeinem Grund, auch das gebe ich zu, hat mich Viktor Orbán immer fasziniert und zugleich in wachsendem Maße empört. Ein paar Mal durfte ich ihn in den Zehnerjahren persönlich interviewen oder im Springer-Verlag mit ihm diskutieren: was für ein blitzschnell denkender, florettscharf argumentierender Mann, der Widerspruch forderte, vielleicht sogar liebte – aber dann doch nicht gut zu ertragen wusste. Jemand, der ehrlich stolz zu sein schien auf die jüdische Gemeinde zu Prag, aber kaum ein antisemitisches Klischee ausließ, als er wieder und wieder George Soros als öffentliches Feindbild hinhängte. Wie konnte es also sein: Aus einem feinen, liberalen, widerspenstigen Geist, einem Ziehkind des Europäers Helmut Kohl, wurde in meinen Augen – vor meinen Augen – ein dicker, böser Mann. Der als Liberaler 2002 eine Wahl verliert und sich wie aus Rache seine nächste Mehrheit mit Blut-Boden-Blödsinn gefügig macht, dann sein Land, das er über alles zu lieben vorgibt und vermutlich auf seine Art auch liebt, zu einer "illiberalen Demokratie" herabwürdigt, weil er sein Amt nicht verlieren will. Der in Zeiten wie diesen Putin und Trump gleichermaßen gefügig zu Gefallen sein möchte. Der mit weit offenen Taschen Milliarden aus der EU nimmt, aber "Brüssel" für alles verteufelt, was er des Teufels hält, und das ist nahezu jeder Gedanke aus dem alten Westen, dessen Wiege auch in Ungarn stand. Preisabfragezeitpunkt 13.04.2026 18.51 Uhr Keine Gewähr Und, ja, für einen wie mich, dem die europäischen Dinge seit jeher am Herzen liegen, ist es ein herrliches Gefühl, dass manche der guten, alten Gesetze in Europa doch noch gelten – obwohl oder eben vielleicht auch: weil sie sich ganz einfach auf jenen Anstand reimen, der europäisch ist: Und noch einmal zugegeben: Ich fand es lustig, wie Viktor Orbán das alles nicht wahrhaben und nicht wahrnehmen wollte, was nun wahr geworden ist. Schmierentheater um Schmierentheater hat er aufgeführt, eines unwürdiger als das andere. Ganz am Ende stand er mit all’ seiner Klugheit neben einer völlig überforderten Knallcharge wie JD Vance, der zur Wahlkampfhilfe kam und pseudospontan Donald Trump anrufen wollte. Aber der drückte ihn erst einmal weg, und es meldete sich die Mailbox. Was muss mit einem Profi wie Orbán geschehen sein, dass er das fürchterlich Kleine daran nicht bemerkt – oder sich nicht anmerken lassen will. Es wurde auf seinen letzten Metern so viel Mummenschanz und Verschwörungsgemöhre inszeniert, dass er mir fast leidtat. Call it a day. Alle, die ein "vereinigtes Europa" noch auf ihrer Flagge tragen, können also durchatmen, es wärmt einem die Knochen. Die offen Unterstützenden wie Geert Wilders in Holland, die US-MAGAs, nebst AfD und Putin: Sie haben allesamt mit Viktor Orbán krachend verloren. Sie hatten ihre Achse, aber die Achse ist gebrochen. Natürlich wird es andere und neue Quälgeister geben, die EU ist einfach zu groß und womöglich zählen bald auch Große zu ihnen. Aber von diesem wunderbaren Wahltag bleibt die Lehre, dass am Ende eben doch niemand den guten, alten Regeln entkommt: Solange sie die Bürger wählen lassen – selbst wenn es verzerrt und unfair zugeht – sind alle Orbáns zu schlagen. Denn das hier ist Europa und nicht Russland, nicht China und nicht Trump-Land.