"Über die Freiheit" von John Stuart Mill: Nie mehr ohne meine Frau

Datum13.04.2026 10:33

Quellewww.zeit.de

TLDRJohn Stuart Mills "Über die Freiheit" wird nun offiziell von Harriet Taylor Mill als Ko-Autorin mitgeführt, 167 Jahre nach Erscheinen. Neue stylometrische Analysen legen nahe, dass sie maßgeblich an mehreren Kapiteln beteiligt war. Mill selbst betonte stets die gemeinschaftliche Natur des Werks. Die Anerkennung Taylors wirft Fragen nach der Co-Autorschaft in anderen männerdominierten Werken auf.

InhaltEines der einflussreichsten Werke der Philosophie hat mit Harriet Taylor Mill eine neue Co-Verfasserin. Sollte man da nicht auch mal Marx und Engels checken? Das schönste Kapitel jedes Buches ist doch immer wieder die Danksagung. Dort erfährt man, ob der Verfasser das Buch neben zwei Jobs geschrieben hat oder mit üppigem Stipendium ausgestattet in einer Villa mit Blick auf einen italienischen See saß. Auch weiß man nach Lektüre der Danksagung, dass der Pudel zu Spaziergängen angeregt hat und die Beziehung zu Eltern, Freunden und Partnern intakt ist. Manchmal auch, dass man sich vielleicht Sorgen um den feinen Geist machen sollte. Vor allem aber erfährt man eines: Kein Autor ist eine Insel. All die Helfer, die da unablässig lesen, editieren, korrigieren und redigieren! Sie schlagen sich gemeinsame Nächte um die Ohren und organisieren warme Mahlzeiten und die Kindererziehung um kreative Höhepunkte herum. Stets vorne an: Partnerinnen und Liebhaber, geheime und offen gelebte Musen, deren Ideen gepriesen werden, nur eben nicht auf dem Buchumschlag. Partnerschaftliche Co-Autoren bleiben oft verborgen. Manchmal wird sie dann doch sichtbar, in diesem Fall dauerte es bloß 167 Jahre: Über die Freiheit, John Stuart Mills Klassiker der politischen Philosophie, erstmals erschienen 1859, bekommt mit Harriet Taylor Mill jetzt eine neue Verfasserin, die es nach allem Ermessen schon immer hätte geben sollen. In einer soeben bei Hackett erschienenen englischen Ausgabe wird sie erstmals als Co-Autorin geführt. Dabei hat ihr Mann John Stuart Mill, der große Denker des Liberalismus, nie einen Hehl daraus gemacht, dass sein größtes Werk seiner Frau zu verdanken ist. Es sei ihre "gemeinsame Produktion" und drücke sogar Taylors ganze Denkweise aus, verhieß er später in seiner Autobiografie. Und im Vorwort schrieb Mill ihr, neben seiner Liebe, sogar die Autorenschaft zu – zumindest "teilweise", ergänzte er. Weil John Stuart Mill sich in privaten Briefen wiederum teils die alleinige Autorschaft zuwies, war die geteilte Autorenschaft von Über die Freiheit stets umstritten. In die Jahrzehnte währende Debatte schaltete sich in den 1950ern sogar Friedrich August von Hayek, selbst ein Klassiker des Liberalismus, mit einer Untersuchung des Briefverkehrs des philosophischen Liebespaars ein. Der aktuelle Vorstoß ging indes von einer stylometrischen Analyse aus, deren Ergebnis die Herausgeber der neuen Ausgabe des Buches bereits vor vier Jahren in einer Fachzeitschrift präsentierten: Für die Ermittlung der Urheberschaft eines Textes werden dafür mithilfe statistischer, oft KI-basierter Methoden Textfragmente auf stilistische Muster hin verglichen. Das Ergebnis für Mills Klassiker: Mindestens zwei der Kapitel sollen primär aus der Feder Harriet Taylor Mills stammen. Nun gibt es allerlei bigotte Gründe dafür, dass sie, die 1858 im Alter von 51 Jahren starb, im viktorianischen England nicht als Autorin des Werkes neben ihrem Mann auftrat. Etwa, dass ihr schlicht das Vermögen abgesprochen wurde, geistiger Ursprung solcher bedeutender philosophischer Beiträge zu sein. Allerdings hatte sie bereits 1831, lange vor der Publikation von Über die Freiheit, einen Vorläufer des nachher berühmt gewordenen "Schadensprinzips" formuliert, das sich gegen staatliche Bevormundung richtet: Demnach dürfe individuelle Freiheit nur eingeschränkt werden, um Schaden gegenüber anderen Dritten abzuwenden. Der stets als Wunderkind gehandelte John Stuart Mill, blind vor Liebe, habe die "Hochstaplerin" überschätzt, so gab es eine Vertraute seinerzeit zum Besten. Vielleicht steckt in solch übler Nachrede schon jene "Tyrannei der Mehrheit", gegen die sich die Mills vehement in ihrem Buch stellen? Schon als Paar, angefangen mit ihrem skandalösen vorehelichen Verhältnis (erst nach dem Tod ihres ersten Ehemanns heirateten die beiden), waren sie Klatsch- und Tratschthema der Londoner Gesellschaft. Da bleibt als einziger Ausweg und letzter Rückzugsort nur Avignon in Südfrankreich: Als Harriet Taylor Mill dort während einer gemeinsamen Reise starb, kaufte John Stuart Mill ein Haus mit Blick auf den Friedhof. Und dort liegen sie nun seit 1873 beisammen begraben. Zwar nicht mehr zu Lebzeiten, aber irgendwann dann doch ist der liberale Kanon zur Selbstkorrektur fähig. Und so könnte womöglich die neue Methode auch andere Denkschulen in ihren männerdominierten Grundfesten erschüttern. Für Marxisten würde dann vielleicht anstatt des immer gleichen Zweigespanns Marx/Engels ein kommunistisches Autorenquintett verewigt werden: ergänzt von Karl Marx' Ehefrau Jenny Marx, deren unermüdliches Lektorat unumstritten ist, und den Burns-Schwestern, die Engels die Lage der irischen Arbeiterklasse erst vorführten. Kollektivierung, ganz recht, mit KI-gestützter Textanalyse. Und in gleicher Linie dürfte dann auch Gretel Adorno nicht fehlen, deren kritischer Beitrag nach und nach über die Danksagungen Adornos und Horkheimers hinaus Würdigung findet. Freilich ist es kein neues Unterfangen, Autorschaft weiter fassen zu wollen, als der Buchdeckel es hergibt. Mit F. D. C. Willard hat es sogar bereits eine Siamkatze als Co-Autor in ein anerkanntes Fachjournal für Physik geschafft. Die Unterschrift verriet sie. Dennoch aufrichtiger als Leonid Breschnew, der seine "Erinnerungen" wohl von einem Autorenkollektiv schreiben ließ und sich dann als Autor schmückte. Da war er längst senil. Vielleicht wäre es ohnehin erst mal sinnvoller, sich am Werkstattbegriff der bildenden Kunst zu orientieren, wie bei Leonardo und Raffael. Anstatt der Co-Autorschaft gäbe es eine Schreibwerkstatt in hierarchischer Abstufung, aber doch dabei eine Aufwertung gegenüber der bloßen Danksagung. Und wer weiß, so eine offene intellektuelle Praxis hätte womöglich auch die äußerst kurze künstlerische Dreieinigkeit zwischen Paul Rée, Lou Salomé und Friedrich Nietzsche vor dem Zerfall gerettet. Die dann nur noch das wenig zimperliche posthume Redigat von Nietzsches Schwester hätte überstehen müssen – die wiederum dadurch selbstredend zur Co-Autorin erhoben worden wäre. So sähe jedenfalls eine Zwischenlösung aus, bis es alle in egalitärer Manier Oskar Negt und Alexander Kluge gleichtun, die im gemeinsamen Werk Öffentlichkeit und Erfahrung 1972 behaupteten, "Satz für Satz gemeinsam geschrieben" zu haben. Der eigentliche Punkt der Co-Autorschaft in ihrer kühnsten Vollendung ist es aber, wie schon John Stuart Mill ganz richtig feststellte, die statistisch gestützte Analyse zu verunmöglichen, weil die Verfasser ununterscheidbar miteinander verschmelzen: Wenn man so sehr voneinander durchdrungen ist, dass man natürlich auf dieselben Gedanken kommt, wie er es ausdrückte. Das hätten auch Harriet Taylor Mills Worte sein können.