Dem Verbrechen auf der Spur: Von Cold Cases und heißen Spuren - Ein Mordermittler erzählt

Datum13.04.2026 05:00

Quellewww.zeit.de

TLDRMarkus Weber, Leiter der Kölner Cold-Case-Abteilung, erzählt über die Aufklärung ungeklärter Verbrechen. Anhand von rund 250 offenen Fällen in Köln und Umgebung betont er die Bedeutung neuer Technologien wie DNA-Analysen und die Rolle von Öffentlichkeitsarbeit. Ein großer Erfolg war die Verurteilung eines Täters nach einem Hinweis aus der Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst". Weber, der im Mai in den Ruhestand geht, blickt auf über 30 Jahre bei der Mordkommission zurück und hebt hervor, dass Gerechtigkeit kein Verfallsdatum habe.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Dem Verbrechen auf der Spur“. Lesen Sie jetzt „Von Cold Cases und heißen Spuren - Ein Mordermittler erzählt“. Wie viele teils grausam zugerichtete Leichen er gesehen hat und wie viele Mörder er überführt hat, vermag er nicht zu schätzen - "aber es waren definitiv sehr viele", sagt Markus Weber. In mehr als 30 Jahren bei der Mordkommission kommt einiges zusammen. Seit 2022 ist er Leiter der damals neu gegründeten Abteilung Cold Cases bei der Kölner Polizei.  In vielen Krimis fristen Cold-Case-Ermittler in einem schummrigen Keller ihr Dasein, so etwa Jussi Adler-Olsens berühmter "Carl Mørck" oder das neue "Tatort"-Duo aus Frankfurt. "Wobei ich diese beiden eigentlich ganz gut finde", schmunzelt Weber, während er aus seinem Bürofenster im zweiten Stock des Polizeipräsidiums schaut. "Einiges, was die bei dem "Tatort" machen, ist gar nicht so weit weg von der Realität. Zum Beispiel, dass die Akten aller alten Fälle gesammelt in einem Raum stehen." In Köln und Umgebung gibt es nach Schätzung von Weber mehr als 250 offene sogenannte Cold Cases - jahrzehntelang zurückliegende Verbrechen, die bis heute nicht gelöst sind. Die vielversprechendsten Fälle knöpfen sich Weber und seine fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach und nach vor. An den Bürowänden hängen dutzende vergilbter Fahndungsplakate, auf denen Belohnungen noch in D-Mark ausgesetzt sind. Das Thema Cold Cases hatte in Nordrhein-Westfalen durch ein bundesweit einzigartiges Projekt Auftrieb erhalten. 2021 hatte das Land pensionierte Mordermittler vorübergehend wieder eingestellt, um ungeklärte Tötungsdelikte seit 1970 noch mal unter die Lupe zu nehmen. Ergebnis: Bei jedem dritten von mehr als 1.100 ungelösten Mordfällen sahen die "Rentner-Cops" noch Aufklärungschancen. Unter anderem bei der Kölner Polizei kümmert sich seitdem eine eigene Abteilung um solche Altfälle. "Gerechtigkeit kennt kein Verfallsdatum", sagt NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). "Auch wenn Jahre oder Jahrzehnte vergangen sind, bleibt für die Angehörigen die Ungewissheit stets präsent." Neue Technologien böten die Chance, Täter doch noch zur Rechenschaft zu ziehen.  "Hauptansatz ist zurzeit meistens die DNA", erklärt Weber. Der "genetische Fingerabdruck" hat schon so manchen Mörder überführt. Dank moderner technischer Verfahren können bei alten Asservaten auch heute noch DNA-Spuren gesichert und mit Datenbanken oder aktuellen Proben abgeglichen werden.  Auch Öffentlichkeitsarbeit und Zeugen spielen für die Ermittler eine große Rolle. Weber ist quasi Stammgast in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst", nach eigenen Angaben war er allein im Zusammenhang mit Cold Cases dort achtmal zu Gast.  Erst Ende Februar ging es um den 35 Jahre zurückliegenden Mord an einer Auszubildenden. Eine heiße Spur ergab sich danach jedoch genauso wenig wie nach einem Massengentest, zu dem die Ermittler schon zuvor mehrere hundert Männer geladen hatten.  Anders beim "Kölner Karnevalsmord": Ende 2022 präsentierte Weber in der Sendung den Fall einer an Karneval 1988 ermordeten Frau. Daraufhin meldete sich ein TV-Zuschauer und verpfiff seinen früheren Kumpel. Der Täter wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt - der bisher größte Erfolg von Webers Cold-Case-Einheit. Schon als Kind wollte der gebürtige Bonner, der in Antwerpen aufgewachsen ist, zur Kripo. 1981 startete er bei der Polizei, zunächst im Streifendienst. 1994 kam er zum Kölner Kriminalkommissariat 11, das für Tötungsdelikte und Todesermittlungen zuständig ist, drei Jahre später wurde er Kommissionsleiter.  Die Arbeit bei der Mordkommission sei von Anfang an sein Traum gewesen, erzählt er. "Man weiß nie, was passiert und wann etwas passiert. Man muss von jetzt auf gleich los und weiß nicht, was einen am Tatort erwartet." Mit seinem Team dann akribisch Indizien zu einem stimmigen Bild zusammenzutragen, sei unglaublich spannend. "Bei Mordermittlungen kann man auch Maßnahmen veranlassen, die über alltägliche Ermittlungsarbeit hinausgehen, zum Beispiel Hubschrauber einsetzen oder für eine Vernehmung mal eben nach München fahren", sagt der 63-Jährige. Nach der Ermordung eines Mannes in einem Kölner Park etwa ließ er 2015 auf der Suche nach der Tatwaffe einen kompletten Weiher leerpumpen. Die Waffe wurde zwar nicht gefunden, aber die medienwirksame Suchaktion setzte den Hauptverdächtigen derart unter Druck, dass er die Tat gestand. Im Laufe der Jahre hat Weber eine Reihe überregional aufsehenerregender Fälle bearbeitet: den Messer-Angriff auf die frühere Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, den rechts motivierten Dreifachmord an einer Anwaltsfamilie in Overath 2003 und den rechtsextremistischen NSU-Anschlag in der Kölner Keupstraße 2004, nach dem die Polizei allerdings selbst in die Kritik geriet, weil sie die Täter zunächst in der türkischen Community gesucht hatte.  Hat seine Arbeit bei der Mordkommission ihn verändert? "Ich weiß es nicht", sagt Weber. "Mag sein, dass ich etwas abgestumpft bin." Doch so schrecklich viele seiner Erlebnisse auch waren: Dass er Fälle "mit nach Hause genommen" habe, sei nur selten passiert. "Zum Glück bin ich psychisch immer gut damit zurechtgekommen."  Schlimmer als der Anblick am Tat- oder Unglücksort sei es für ihn oft gewesen, Angehörigen die Todesnachricht überbringen zu müssen. "Aber es macht ja keinen Sinn, wenn ich mit auf der Couch sitze und weine", sagt der Kriminalhauptkommissar. "Wenn ich solche Sachen zu nah an mich heranlasse, kann ich meine Arbeit nicht vernünftig machen."  Ende Mai geht Weber als einer der langjährigsten Mordermittler in NRW in Pension. "Es gibt nicht "den einen großen Fall", den ich bis dahin noch unbedingt lösen will - insofern glaube ich schon, dass ich gut loslassen kann", meint er. Vorher wird er aber noch einmal einen Auftritt bei "Aktenzeichen XY...ungelöst" haben: In der Sendung am 6. Mai geht es dort um den Mord einer Kölner Prostituierten aus dem Jahr 1992. © dpa-infocom, dpa:260413-930-936746/1