Datum13.04.2026 03:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Boulder Church in Bad Orb, eine umgebaute ehemalige Kirche, feiert ihren ersten Geburtstag. Das ungewöhnliche Konzept, Bouldern und Spiritualität zu verbinden, ist ein Erfolg. Besucherzahlen übertreffen Erwartungen, besonders Familien nutzen das Angebot. Trotz hoher Heizkosten und vereinzelter Kritik wegen Sakrilleg, bleibt die Kapelle weiterhin erhalten und wird von der Kirchengemeinde genutzt. Das Projekt transformierte Leerstand in ein lebendiges Zentrum.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Ungewöhnliche Halle“. Lesen Sie jetzt „Zwischen Kreuz und Klettergriff: Ein Jahr Boulder Church“. Wo früher gebetet wurde, hängen heute Klettergriffe an den Wänden. Wo gebeichtet wurde, ziehen sich jetzt Sportler um. Und doch ist in der zur Boulderhalle umgebauten ehemaligen Kirche einiges geblieben. Ein Jahr nach der Eröffnung hat sich die Boulder Church in Bad Orb (Main-Kinzig-Kreis) zu einem Ort entwickelt, an dem Sport, Begegnung und ein Stück Spiritualität nebeneinander existieren – manchmal sogar gleichzeitig. "Die Besucherzahlen liegen deutlich über dem, was wir erwartet hatten", sagt Mitinhaber Marc Ihl. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Marco Köhler hat er die über Jahre hinweg leerstehende Michaelskirche in eine Boulderhalle verwandelt – und damit offenbar einen Nerv getroffen. Von 40 Besucherinnen und Besucher pro Tag waren die beiden Unternehmensgründer ausgegangen, tatsächlich sind es jetzt im Schnitt 60. In dem früheren Kirchenschiff gibt es anspruchsvolle Routen für erfahrene und ambitionierte Sportler, aber auch leichtere Routen für Einsteiger und auch einen extra Familienbereich. Der befindet sich über der Stelle, an der früher der Altar stand. Besonders Familien hätten das Angebot für sich entdeckt. "Als Papa von zwei kleinen Kindern freut es mich besonders, dass Kindergeburtstage und auch die Feriencamps so gut angenommen werden", sagt Ihl. Bouldern ist freies Klettern, bei der eine Absprunghöhe von bis zu vier Metern meist nicht überschritten wird. Kletterrouten können viel höher reichen, allerdings ist man dabei im Gegensatz zum Bouldern in der Regel mit Seilen gesichert. Wie gut die ungewöhnliche Boulderhalle ankommt, zeigte sich zuletzt Ende März: Zum "Big Late Night Bouldern" mit Livemusik strömten laut Ihl 170 Besucherinnen und Besucher in das hohe Kirchenschiff – so viele wie noch nie. Aus dem Experiment von zwei befreundeten Boulderern ist inzwischen ein kleiner Betrieb geworden. Zwei Festangestellte kümmern sich um Organisation und Betrieb, dazu kommen mehrere Minijobber. Ein weiteres Standbein soll wachsen: Firmenveranstaltungen. Ein erstes Event mit 50 Teilnehmenden – inklusive Teambuilding-Übungen wie Bouldern mit verbundenen Augen – sei ein voller Erfolg gewesen, berichtet Ihl. Der besondere Ort bringt auch besondere Herausforderungen mit sich. Die hohen Heizkosten machen den Betreibern zu schaffen. "13 Meter Deckenhöhe wollen warm werden", sagt Ihl – und das derzeit noch mit einer alten Ölheizung. Perspektivisch soll eine Wärmepumpe Abhilfe schaffen, idealerweise kombiniert mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Einzigartig bleibt das Konzept vor allem wegen eines Details: In einem Nebenraum unterhält die katholische Kirche, die Eigentümerin des Gebäudes geblieben ist, eine kleine Kapelle, in der immer noch Gottesdienste stattfinden. "Wir machen morgens die Kapelle auf, schalten das Licht an und schließen am Abend wieder zu. Wir arbeiten mit der Pfarrgemeinde Hand in Hand", sagt Ihl. Gerade Jugendgruppen und Messdienergemeinschaften nutzten die ungewöhnliche Kombination aus Bouldern und Beten gerne für Fahrten nach Bad Orb. Ganz ohne Kritik bleibt das Projekt nicht. Vereinzelt werde der Vorwurf geäußert, dass eine heilige Stätte entweiht worden sei. Ihl widerspricht: Eine Entwidmung einer Kirche sei zugegebenermaßen "ein harter Schritt." Gleichzeitig habe man bewusst dafür gesorgt, dass in ein leerstehendes Gebäude wieder Leben zurückgekehrt sei und ein Teil der ehemaligen Kirche geweiht bleibe und als Kapelle genutzt werde. Generell haben die beiden Betreiber sich Mühe gegeben, respektvoll mit dem Gebäude umzugehen. Und dabei auch einen gewissen Pragmatismus an den Tag gelegt: Aus den beiden Beichtstühlen wurden eine Umkleidekabine und ein großer Schuhschrank, das Holz der Kirchenbänke wurde als Verkleidung für die Theke verwendet. © dpa-infocom, dpa:260413-930-936394/1