Datum12.04.2026 09:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRBundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche steht wegen ihrer Energiepolitik in der Kritik. Ihr Gastbeitrag in der FAZ, der den Ausbau erneuerbarer Energien bremst und Aussagen zu Kosten des Abregelns falscher darstellt, löst Widerspruch von Koalitionspartnern und eigenen Erkenntnissen aus. Ihre frühere Haltung zum Netzausbau widerspricht nun ihren aktuellen Äußerungen. Kritiker werfen ihr vor, den Interessen der Energiebranche zu dienen, und verweisen auf angebliche Verbindungen zu Lobbyorganisationen. Ihr zufolge werden teure Gaskraftwerke benötigt.
InhaltDie Wirtschaftsministerin hat einen so seltsamen Gastbeitrag über Energiepolitik geschrieben, dass nicht nur der eigene Koalitionspartner ihr öffentlich widerspricht: Sie erntet Widerspruch sogar von sich selbst. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat im Laufe ihrer Karriere diverse Rollen innegehabt. Manchmal hat man das Gefühl, sie kann zwischen diesen Rollen schlecht unterscheiden. Oft scheint sie zudem uneins mit sich selbst. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Zum Beispiel war Reiche von 2009 bis 2013 Staatssekretärin im Umweltministerium, damals auch zuständig für Energiethemen. In ihre Amtszeit fiel der Beschluss zum endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie (Juni 2011 ), als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Dem entsprechenden Gesetz der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP stimmte die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche (CDU) namentlich zu . Diese Woche erschien ein Gastbeitrag der Ministerin, zunächst in der "FAZ", mittlerweile auch auf der Website des Ministeriums . Darin steht: "Das Problem ist strukturell: Wir haben 20 Gigawatt gesicherte, CO₂-arme Kernkraft abgeschaltet." Dass sie selbst und ihre Partei das zu verantworten haben, erwähnt sie nicht. In Reiches Zeit als Staatssekretärin fiel auch ein Plan für den Ausbau des deutschen Stromnetzes. Dessen Umsetzung kritisierte der Bundesrechnungshof im Jahr 2024 ungewöhnlich deutlich: Von ab 2009 geplanten knapp 14.000 Leitungskilometern wurden bis zum dritten Quartal 2023 nur knapp 2700, oder weniger als 20 Prozent, tatsächlich gebaut. Das Netz wuchs viel zu langsam. Heute fällt uns das auf die Füße. In ihrem "FAZ"-Gastbeitrag bemängelt Ministerin Reiche diesem Befund zum Trotz "massive, politisch getriebene Netzinvestitionen". Dass diese "politisch getriebenen Netzinvestitionen" von ihrer eigenen Partei angestrebt wurden, erwähnt sie nicht. Und auch nicht, dass CDU-geführte Regierungen den Ausbau dann kolossal vergeigten. Vor gut zwei Jahren schrieb dieselbe Katherina Reiche ein "Advertorial", also einen bezahlten, pseudoredaktionellen Text fürs "Handelsblatt Journal Energiewirtschaft", in ihrer damaligen Rolle als CEO der E.on-Tochter Westenergie. Darin steht: Die Verteilnetze in Deutschland müssten "dringend ausgebaut, modernisiert und digitalisiert werden", und dazu brauche es "schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren". Die Überschrift des Beitrags lautete: "Ohne Stromnetz keine Energiewende ". Nach der Ahrtal-Katastrophe habe man vorübergehend erlebt, was möglich sei, schwärmte die Katherina Reiche von 2024: "Damals konnten wir Mittelspannungsfreileitungen in Rekordzeit in Betrieb nehmen, von der Planung bis zur Realisierung vergingen gerade mal neun Wochen." Die Katherina Reiche von 2026, nun Energieministerin, klagt: "Während aber Solarparks in zwei bis drei Jahren entstehen, dauert der Netzausbau bis zu zehn Jahre." Als Ministerin wäre Reiche nun ja in der optimalen Position, ihre Träume von damals zügig umzusetzen. Ein beschleunigter Netzausbau scheint auf ihrer Agenda trotzdem nicht oben zu stehen, im Gegenteil: In der "FAZ" beklagt die Ministerin, die Netzbetreiber müssten "heute quasi auf Zuruf überall Leitungen verlegen, wo erneuerbare Energien angeschlossen werden wollen". Netzausbau scheint ihr plötzlich eher lästig zu sein. Reiche 2026 will von den Vorschlägen von Reiche 2024 augenscheinlich nichts mehr wissen. Stattdessen will sie nun den Ausbau der billigsten Form der Stromerzeugung bewusst verzögern, noch dazu mit fadenscheinigen Argumenten: So behauptet die Ministerin in der "FAZ" ein weiteres Mal, in Deutschland würden drei Milliarden Euro pro Jahr dafür ausgegeben, "dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können". Das ist falsch , und das weiß Reiche spätestens seit Ende März. Damals beantwortete ihr eigenes Ministerium nämlich eine Anfrage des Linkenabgeordneten Dietmar Bartsch. Dieser Antwort zufolge flossen als Entschädigung für abgeregelte Solar- und Windkraftwerke im Jahr 2025 nicht drei Milliarden, sondern 435 Millionen Euro, und damit 120 Millionen weniger als im Vorjahr. Der Rest der sogenannten Redispatch-Kosten, die Reiche nun erneut, aber fälschlich, ausschließlich "abgeregelten Anlagen" zuordnet, geht an die Betreiber fossiler Kraftwerke . Reiches Kollegin Nina Scheer (SPD) ging in einem weiteren Gastbeitrag in der "FAZ", zwei Tage später, hart mit Reiche ins Gericht. Scheer ist energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie kennt sich aus mit der Materie, und das merkt man ihrem durchaus erbost wirkenden Text auch an. Die Ministerin tue nicht, was man abgesprochen habe: "Frau Reiche unterlässt Gesetzesvorlagen zu verständigten Maßnahmen für eine effizientere Auslastung des Netzes, für ›Nutzen statt Abregeln‹, für einen beschleunigten Smart-Meter-Ausbau", schreibt Scheer. Das stimmt: Von Beschleunigung ist bislang nichts zu sehen. Zudem, so Scheer, argumentiere Reiche "faktenfremd". So laste sie "explodierende" Strompreise dem Klimaschutz an. Tatsächlich explodieren die deutschen Strompreise keineswegs, im Gegenteil: Sie fallen. Neukunden bezahlten Vergleichsportalen zufolge diese Woche unter 28 Cent pro Kilowattstunde Strom. In Reiches Text ist von 37 Cent die Rede. "Alle reden von steigenden Energiepreisen – aber Strom wird billiger", titelte das Redaktionsnetzwerk Deutschland kürzlich. Woran das liegt? Am billigen erneuerbaren Strom. Aber Katherina Reiche hat offenbar weiterhin massive Vorbehalte gegen erneuerbare Energie, auch wenn sie stets das Gegenteil beteuert. In Wahrheit liegt Deutschland europaweit im Mittelfeld , was die Strompreise angeht, nur sind unsere Steuern und Abgaben besonders hoch. Je häufiger wir kein Gas brauchen, desto billiger wird es. Im Idealfall nutzt man den konkurrenzlos billigen erneuerbaren Strom, wenn er vorhanden ist, und speichert möglichst viel von diesem billigen Strom in Batterien, wenn man zu viel davon hat. Bonus: Dann muss man auch keine Windkraftwerke oder Solarparks mehr abregeln. Dazu braucht es aber schnelle Genehmigungsverfahren, gut ausgebaute Netze, Digitalisierung, Lastmanagement und so weiter. Das ist aufwendig, aber lohnend. Eigentlich wurde Reiche ja ins Amt berufen, weil sie "vom Fach" ist. Im Grunde müsste der priorisierte Ausbau von Batteriespeichern auf ihrer Agenda ganz oben stehen, denn Batteriespeicher machen den Strom billiger. Zudem stabilisieren sie das Netz. Es stehen auch schon riesige Mengen privaten Kapitals dafür bereit, ohne jede Subvention: Für Batteriespeicher liegen Anschlussbegehren für mehr als 500 Gigawatt Leistung allein für Deutschland vor. Die werden nicht alle gebaut, aber die Größenordnung ist trotzdem ein Indikator für einen Markt, der weltweit gerade in atemberaubendem Tempo wächst. Doch Reiche hat für einen der Marktteilnehmer gearbeitet, dem Netzausbau und Digitalisierung Mühe machen: Westnetz, siehe oben. Nun bremst sie den Ausbau von Speichern, auf expliziten Wunsch der Netzbetreiber. In Kalifornien ist man viel weiter. Dort sind Batteriespeicher mittlerweile so gut ausgebaut, dass sie in den Abendstunden manchmal mehr als 40 Prozent der gesamten Last im Stromnetz abdecken. Batterien verdrängen dort den teuren Gasstrom aus dem Markt. Die Ministerin, die nichts für den Speicherausbau tut, klagt hierzulande unterdessen: Der deutsche Strom sei zu teuer, "unsere Industrie blutet aus". Symptomatisch: Die Begriffe "Batterie" oder "Batteriespeicher" tauchen in Reiches "FAZ"-Gastbeitrag kein einziges Mal auf. Zweimal kommt dagegen das Wort "Fusionskraftwerk" vor. Dabei gibt es die noch gar nicht. Bleibt die Frage: Für wen spricht Reiche, für wen schreibt sie? Preisabfragezeitpunkt 12.04.2026 09.21 Uhr Keine Gewähr Ein Papier aus Reiches Ministerium weist "große Ähnlichkeiten" zu einem Positionspapier von E.on und RWE auf. Mit beiden Unternehmen geht es seit Reiches Amtsantritt ordentlich bergauf . Die Branche, für die Reiche tätig war, "blutet" keineswegs, im Gegenteil. Wegen ihrer erkennbar interessengeleiteten Politik gerät Reiche unter Druck. So widersprachen kürzlich sieben Bundesländer explizit Reiches Plänen zum Abbremsen des Erneuerbaren-Ausbaus. In drei davon ist die CDU an der Regierung beteiligt, in zwei davon stellt sie den Ministerpräsidenten. Sogar Hubert Aiwanger stellt sich gegen Reiche , weil sie den Windkraftausbau in Bayern gefährde. Nun lässt sich Reiche der "Zeit" zufolge für bis zu zwölf Millionen Euro von zwei Agenturen beraten. Eine davon ist FGS Global. Diese Firma wiederum gehört seit Sommer 2024 mehrheitlich KKR, einem der größten Investoren in fossile Brennstoffe im Private-Equity-Bereich. Bis dahin war KKR größter Anteilseigner des Axel-Springer-Verlags . In dem Sommer, in dem KKR bei FGS Global einstieg, begann der Exit bei Springer . "Bild" und "Welt" hatten bis dahin eine – für Leute, die mit fossilen Brennstoffen handeln – sehr lukrative Kampagne für Gasheizungen, gegen Wärmepumpen und gegen den damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) geführt. Jetzt schreibt die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, beraten von einer KKR-Tochter, in der "FAZ": "Auch wenn wir es gern anders hätten: Wir brauchen weiterhin Gas."