Datum11.04.2026 14:47
Quellewww.zeit.de
TLDRHans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, kritisiert die Bundesregierung scharf für ihre zaghafte Herangehensweise an Sozialreformen. Er wirft ihr "verweigerte Staatsführung" vor, da sie notwendige politische Entscheidungen auf Kommissionen auslagert, anstatt diese selbst zu treffen. Papier betont das "Umsetzungsdefizit" und fordert eine grundlegende Überprüfung aller steuerfinanzierten Sozialleistungen sowie der gesetzlichen Versicherungssysteme, um den Sozialstaat den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.
InhaltDer frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, rügt die Koalition. Die würde Sozialreformen nicht angehen. Er mahnt ein "Umsetzungsdefizit" an. Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, wirft der Bundesregierung mit Blick auf Sozialreformen eine "verweigerte Staatsführung" vor. Das Sozialstaatsprinzip stehe im Grundgesetz, die Ausgestaltung sei aber Sache des Gesetzgebers. "Deshalb ist es möglich und auch erforderlich, den deutschen Sozialstaat den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und maßvoll zu reduzieren", sagte Papier der Welt am Sonntag. Er erkenne in der Bundesregierung allerdings wenig Ansätze dafür, kritisierte Papier, der von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts war. Die Bundesregierung habe diese Arbeit an Kommissionen ausgelagert. "Durch die Kommissionitis wird versucht, nötige politische Gestaltungen in Gremien ohne demokratische Legitimation auszulagern. Das ist verweigerte Staatsführung", sagte Papier. "Sachverständigenkommissionen ergeben Sinn, wenn es ein Erkenntnisdefizit gibt. Wir aber haben regelmäßig ein Umsetzungsdefizit. Um das zu ändern, braucht es politische Führung, keine Abwälzung von Entscheidungen auf mehr oder weniger sachverständige Gremien und ein Regieren nach Minimalkonsens", kritisierte Papier. "Es gibt zwar ernstzunehmende Kommissionsvorschläge, die gegenwärtige Komplexität des Sozialstaats zu reduzieren, seine Effizienz und Effektivität zu stärken", sagte der Staatsrechtler. Es sei sicherlich wichtig, "dass man die laut Instituten über 500 steuerfinanzierten Sozialleistungen vereinfachend miteinander zu verbinden sucht. Aber das wird nicht reichen". Nach seiner Auffassung gehöre "jede steuerfinanzierte Sozialleistung nicht nur der Höhe, sondern auch dem Grunde nach auf den Prüfstand. Das gilt auch für die gesetzlichen Versicherungssysteme und ihre Leistungen". Dieser Artikel wird weiter aktualisiert.