Deutsche Studie: Hochbegabte Männer sind weniger konservativ

Datum11.04.2026 14:32

Quellewww.spiegel.de

TLDREine deutsche Studie mit über 35-jähriger Längsschnittbegleitung zeigt: Hochbegabte Männer sind tendenziell weniger konservativ als durchschnittlich begabte Männer. Bei Frauen waren keine signifikanten Unterschiede feststellbar. Die Forschung basierte auf dem Marburger Hochbegabtenprojekt und analysierte politische Einstellungen im Erwachsenenalter. Ergebnisse deuten darauf hin, dass hohe Intelligenz nicht zu radikalen Positionen führt und hochbegabte Erwachsene politisch vielfältig und moderat sind.

InhaltSeit mehr als 35 Jahren begleiten Forscher eine Gruppe Hochbegabter aus Deutschland. Für eine aktuelle Untersuchung analysierten sie politische Einstellungen – und verglichen diese mit den Haltungen durchschnittlich Intelligenter. Braucht es für den gesellschaftlichen Zusammenhang primär eine Kultur? Und könnte diese verloren gehen, wenn sich die Gesellschaft zu sehr aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt? Wie die Antwort auf diese Fragen ausfällt, hängt laut einer aktuellen Studie auch damit zusammen, ob jemand außerordentlich intelligent ist oder nicht. Hochbegabte Männer haben demnach weniger konservative politische Ansichten als durchschnittlich begabte Männer. Bei Frauen ließen sich diese Unterschiede dagegen nicht feststellen, heißt es in der im Fachjournal "Intelligence"  veröffentlichten Untersuchung von Forschern rund um den Psychologen Maximilian Krolo von der Universität des Saarlandes. Grundlage der Studie war das Marburger Hochbegabtenprojekt, für das im Schuljahr 1987/1988 gut 7000 Grundschulkinder aus Westdeutschland Intelligenztests absolvierten. Zwei Prozent von ihnen (rund 150 Kinder) waren hochbegabt und besaßen einen Intelligenzquotienten von mindestens 130. Ein Großteil dieser Personen (107) wurde über viele Jahre immer wieder zu verschiedenen Themen befragt. Außerdem bildeten die Forschenden unter den Grundschulkindern eine Vergleichsgruppe mit durchschnittlich intelligenten Menschen (Intelligenzquotienten von rund 100), die sie ebenfalls begleiteten. Dabei achten sie darauf, dass sich beide Gruppen etwa bei der Verteilung der Geschlechter möglichst ähneln. "Nun, mehr als 35 Jahre später, konnten wir diesen Personengruppen Fragen zu ihren politischen Ansichten stellen", erklärt Bildungswissenschaftler und Psychologe Jörn Sparfeldt von der Saar-Universität. 87 hochbegabte und 71 durchschnittlich begabte Erwachsene antworteten – eine Rücklaufquote von knapp 75 Prozent. Im Rahmen der Studie ordneten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer politisch auf einer Skala von links bis rechts ein und füllten einen Fragebogen zur politischen Orientierung aus. Darin ging es um vier Themenbereiche – neben Konservatismus auch Sozialismus und Liberalismus. "Hier zeigte sich, dass die Gruppe der durchschnittlich begabten Männer dazu neigte, Werte zu befürworten, die mit Tradition und strenger sozialer Ordnung verbunden sind. Die Männer mit hohem Intelligenzquotienten vertraten diese traditionellen konservativen Ansichten seltener", sagte Krolo. Für diese Rückschlüsse erfassten die Forschenden die Zustimmung zu Aussagen wie: "Man führt vor allem ein erfülltes Leben, wenn man sich unseren Traditionen verpflichtet fühlt." Oder: "Vor allem unsere gemeinsame Kultur hält unser Land zusammen." Bislang existieren wenige Untersuchungen, die sich explizit mit den politischen Positionen hochbegabter Menschen auseinandersetzen. Allgemeinere Studien  weisen jedoch darauf hin, dass eine höhere Intelligenz tendenziell mit einer eher linksgerichteten Orientierung und einer weniger konservativen Einstellung zusammenhängt. Dies werde häufig damit erklärt, dass geringere Intelligenz mit Gefühlen von Unbehagen in unsicheren Situationen einhergehen könne, was wiederum konservative Ansichten begünstigen könne, heißt es in der Studie. Bei der politischen Selbsteinschätzung existierten in der aktuellen Untersuchung keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Für diesen Teil ordneten die Teilnehmenden ihre politische Haltung auf einer Skala zwischen eins (sehr links) und zehn (sehr rechts) ein. Egal, ob hochbegabt oder durchschnittlich intelligent, ob Mann oder Frau – alle Gruppen landeten bei Werten zwischen vier und fünf. Die Ergebnisse der hochbegabten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nur minimal niedriger als die der Vergleichsgruppe. "Da Hochbegabte häufig einflussreiche Positionen innehaben, ist es von Interesse zu verstehen, welchen Blick diese auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben", sagt Sparfeldt, der seit drei Jahren das Marburger Hochbegabtenprojekt wissenschaftlich leitet. Die aktuelle Untersuchung habe gezeigt, dass hohe Intelligenz nicht zu radikalen politischen Positionen führe, sondern dass hochbegabte Erwachsene zumeist politisch im Mittel ebenso vielfältig und moderat seien wie der Rest der Bevölkerung. "Hier gibt es aber noch weiteren Forschungsbedarf, etwa zu der Frage, ob sich die konservativeren Einstellungen auch im politischen Handeln niederschlagen", sagte Sparfeldt.