Firmen und Politiker warnen vor Boom im Glücksspiel-Schwarzmarkt

Datum11.04.2026 11:48

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Glücksspiel-Schwarzmarkt in Deutschland wächst, bedroht legale Anbieter und gefährdet Spielsüchtige. Politiker fordern härtere Strafen und mehr Kontrollen, während Branchenvertreter auf die restriktiven Regeln für legale Angebote verweisen, die Spieler in den illegalen Sektor treiben. Experten warnen vor steigenden Fallzahlen und der Rolle organisierter Kriminalität. Eine Debatte über die richtige Strategie zur Eindämmung ist entbrannt.

InhaltIllegale Pokerrunden und Automaten werden immer beliebter. Firmen im legalen Glücksspielgeschäft und Politiker möchten das eindämmen. Doch mit welcher Strategie? Der Schwarzmarkt beim Glücksspiel wächst – und auch die Rufe nach schärferen Kontrollen werden lauter. Illegale Märkte müssten konsequent bekämpft und zugleich legale Angebote begrenzt werden, etwa durch größere Mindestabstände zwischen den Spielhallen und Wettbüros, sagt der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler. "Glücksspielsucht ist aus Sicht der Abhängigen die teuerste Suchterkrankung." Sie führe bei vielen Betroffenen zu Überschuldung, sozialem Abstieg, Beschaffungs- und Begleitkriminalität. Der Bundessuchtbeauftragte Hendrik Streeck warnt, in Deutschland entwickelten schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. "Wir müssen illegales Glücksspiel wirksam zurückdrängen", sagt der CDU-Politiker. "Und wir müssen sicherstellen, dass das legale Angebot seinem eigentlichen Zweck gerecht wird, nämlich Schutz zu bieten und Risiken zu begrenzen." In kurzer Zeit könnten Existenzen durch Glücksspiel zerstört werden. Legalen Anbietern wie Merkur aus Espelkamp in Nordrhein-Westfalen (NRW) und Löwen Entertainment aus Bingen in Rheinland-Pfalz macht der Schwarzmarkt zu schaffen. Die Regeln seien so restriktiv gehalten, dass viele Spielerinnen und Spieler zu illegalen Angeboten abgewandert seien, sagt Merkur-Vizechef Manfred Stoffers. "Der Schwarzmarkt grassiert." Die Firma stellt Spielautomaten her, betreibt Spielbanken und bietet Onlinespiele an. Vom Konkurrenten Löwen heißt es: "Das illegale Angebot frisst den legalen Markt auf." Bundesweit gibt es schätzungsweise 160.000 legale Glücksspiel-Automaten und damit 100.000 weniger als vor zehn Jahren. Illegal aufgestellt sind unterschiedlichen Schätzungen zufolge mindestens 60.000 oder sogar mehr als 100.000 Automaten. Die Polizei ist sich des Problems bewusst. So deckten die Ermittler im vergangenen Jahr in NRW 350 unerlaubte Glücksspielveranstaltungen auf, 15 mehr als 2024, wie das Landesinnenministerium mitteilte. Hierbei geht es um Pokerspiele, andere Spiele und um den Betrieb von Automaten. Kriminelle erzielten durch den professionellen Betrieb von Glücksspielen Einnahmen in Millionenhöhe, schätzt das LKA. Hierbei spielten auch Clanstrukturen mit Bezügen zur Organisierten Kriminalität eine Rolle. In Schleswig-Holstein wurden 2025 laut dortigem Innenministerium 54 unerlaubte Glücksspielveranstaltungen aufgedeckt, 21 mehr als 2024. In Bayern flogen 99 Veranstaltungen auf, das waren 28 weniger als 2024 und 11 mehr als 2023. Es geht dabei um Pokerrunden und andere Spiele sowie um Automaten in Kneipen, Kulturvereinen und anderen Einrichtungen. Aus Sicht von Branchenexperten hat das Problem des illegalen Glücksspiels einen unterschiedlichen Stellenwert in den Bundesländern: Während manche Bundesländer eher wenig tun und dies mit der Dringlichkeit des Vorgehens gegen andere Straftaten begründen, so wird Schleswig-Holstein attestiert, das Problem ernst zu nehmen. Blickt man auf andere Bundesländer, so sind die von Schleswig-Holstein ermittelten Fallzahlen tatsächlich relativ hoch. Der Bundessuchtbeauftragte Streeck wertet den Glücksspiel-Schwarzmarkt als ernstes Problem. "Dort gelten keine Regeln, es gibt keinen Spielerschutz und keine wirksame Kontrolle. Verluste können in kürzester Zeit eskalieren, und im illegalen Umfeld entstehen zusätzliche Risiken bis hin zu Druck und Gewalt." Zur Bekämpfung des Schwarzmarktes müssten die Behörden besser ausgestattet werden. Glücksspiel ist in Deutschland Ländersache, 2021 wurde der Glücksspielstaatsvertrag beschlossen. In den legalen Spielhallen gelten recht strenge Vorschriften. Ein Spieler darf in Deutschland an einem Automaten maximal 60 Euro pro Stunde einsetzen. Er muss alle fünf Sekunden einen Knopf drücken, um die Kontrolle zu behalten und nicht in einen Spielsog abzudriften. Außerdem gibt es Trennwände zwischen Automaten, um das Sichtfeld der Spieler einzuschränken und sich nicht gegenseitig hochzuschaukeln, sowie weitere Abstandsgebote. Automatenunternehmer werden "zwischen den Mühlsteinen der Spielpreisdeckelung und der steigenden Kosten zermahlen", moniert ein Sprecher der Firma Löwen. Merkur-Vizechef Stoffers sagt: "Illegale Anbieter scheren sich nicht um solche Regeln: In Hinterzimmern oder Spielhallen, die als legale Gastronomie oder Kulturzentren getarnt sind, werden Geldspielgeräte betrieben – ohne Lizenz und ohne Spielerschutz." Die Polizei könne nur stichprobenartig gegen das grassierende Problem vorgehen. Die legalen Anbieter sähen die Vorschriften gern gelockert und argumentieren, dass ihr Angebot dann attraktiver würde und mehr Menschen in legale Spielhallen gingen und weniger in illegale Spielhallen. Das würde den Schwarzmarkt "weitgehend trockenlegen" und dem Staat mehr Steuereinnahmen bescheren, sagt Merkur-Manager Stoffers. Aus der Politik kommt Widerspruch. Die Glücksspielbranche vereinfache die Zusammenhänge, sagt SPD-Innenexperte Fiedler. Die Argumentation à la "Je größer und attraktiver das legale Angebot, desto kleiner die illegalen Märkte" sei nicht haltbar. Fiedler sieht einen höheren Verfolgungsdruck samt spürbaren Sanktionen als zentralen Hebel, um den Schwarzmarkt wirksam zu bekämpfen. "Eine Attraktivitätssteigerung legaler Angebote kann dazu führen, dass der Gesamtmarkt wächst." Das hält er mit Blick auf die schon jetzt 300.000 bis 600.000 Spielsüchtigen in Deutschland für problematisch.