Datum10.04.2026 18:43
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus verursachten eine globale Energiekrise. Dies könnte Initiativen zur Abkehr von fossilen Brennstoffen neuen Schwung verleihen. Während einige Länder wie Thailand auf Kohle setzen, planen die EU, China und Taiwan den verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien. Ein neuer Gipfel von über 40 Nationen, darunter Deutschland, will einen Fahrplan für den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas entwickeln. Diese Gruppe umgeht das Konsensprinzip der Uno und strebt eine schnellere Dekarbonisierung an.
InhaltDer Irankrieg und die Schließung der Straße von Hormus verursachten den größten Energieschock seit Jahrzehnten. Eine schon länger geplante neue Initiative zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas könnte nun ganz neuen Auftrieb erhalten. Nach fünf Wochen Krieg ist den Menschen in der Region die wahrscheinlich schlimmste Eskalation gerade noch erspart geblieben. Anfang der Woche hatte Donald Trump Iran mit massiven Kriegsverbrechen gedroht, wenn Teheran seinen Forderungen nicht nachkomme. Am Dienstagabend folgte die spektakuläre Kehrtwende: Der US-Präsident verkündete eine zweiwöchige Waffenruhe. Wie es danach weitergeht und ob die Feuerpause überhaupt so lange hält, ist offen. Am Wochenende wird in Islamabad darüber verhandelt. Seit Jahrzehnten wurde der Welt ihre Verwundbarkeit durch die Abhängigkeit von fossilen Energien nicht mehr so deutlich vor Augen geführt. Weil Iran die Straße von Hormus sperrte, über die ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wurde, fehlten der gesamten Weltwirtschaft zuletzt rund elf Millionen Barrel Öl pro Tag, rechnete die Internationale Energieagentur (IEA) vor. Selbst wenn die Meerenge für den Schiffsverkehr bald wieder frei befahrbar sein sollte, wäre die Energiekrise keinesfalls vorüber. Es dürfte lange dauern, bis die durch iranische Angriffe verursachten Schäden an Flüssigerdgasanlagen in Katar behoben sind. Von fossilen Importen abhängige Staaten ziehen aus der aktuellen Lage teils unterschiedliche Schlüsse. Thailand etwa, so berichtet es die "Financial Times", hat infolge des Irankriegs Kohlekraftwerke hochgefahren, um Energieengpässe auszugleichen, Japan und Südkorea haben demnach aus demselben Grund Beschränkungen für die Kohleverbrennung gelockert, und in Großbritannien wird wieder einmal über die Freigabe für neue Öl- und Gasförderungen in der Nordsee diskutiert . Unter anderem die EU-Kommission, China und Taiwan wollen dagegen jetzt stärker auf die Energiewende setzen (hier lesen Sie eine Übersicht). Was von diesen kurzfristigen Reaktionen auf die Krise bleibt, wenn die Preise für Öl und Gas nach einiger Zeit wieder sinken sollten, ist freilich unklar. Einen deutlich größeren und langfristigen Effekt könnte da ein Plan haben, der ausgerechnet jetzt auf einer Konferenz in Kolumbien konkreter diskutiert wird: Vertreter aus mehr als 40 Ländern treffen sich in zwei Wochen in Santa Marta, um einen Fahrplan für den schrittweisen Ausstieg aus fossilen Energien zu erarbeiten – der erste Gipfel dieser Art überhaupt. Wichtige Staaten wie China, die USA oder Indien gehören offenbar nicht zu den Teilnehmern, dafür mehrere Staaten aus Europa, darunter Deutschland, und unter anderem Australien, Kanada und Mexiko. Hervorgegangen ist die Gruppe aus dem letzten Klimagipfel im brasilianischen Belém, dort war es mehreren Petrostaaten wie Saudi-Arabien noch gelungen, einen Passus zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas in der Abschlusserklärung zu verhindern. Zahlreiche Länder hatten sich daraufhin zu einer eigenen Konferenz zusammengefunden, die nun im April gemeinsam von Kolumbien und den Niederlanden ausgetragen wird. Um einen Ausstieg auch wirklich umzusetzen, käme es auf mehrere Elemente an: Das Vorhaben ist gewaltig – hat aber bessere Realisierungschancen als so manche Initiative auf einem Klimagipfel. Denn anders als im System der Uno-Konferenzen, wo Konsens angestrebt wird, könnte in Kolumbien kein Blockierer zentrale Vereinbarungen im Alleinhang verhindern. Damit steht die Konferenz für eine größere Strömung: Die Weiterentwicklung von Klimaschutz und Energiewende verlagert sich zunehmend aus den Klimagipfeln heraus und umfasst nicht mehr alle Länder gleichermaßen. Einige Staaten wollen ihre Volkswirtschaften besonders schnell dekarbonisieren, andere an bisherigen Geschäftsmodellen möglichst lange festhalten. Diese Entwicklung kann auch in Rivalität zwischen zwei Blöcken, den Petrostaaten und den Elektrostaaten, münden, wie mein Kollege Bernhard Zand in einem umfangreichen und sehr lesenswerten Report beschreibt. Ein Trend, der durch den Energieschock von Hormus sicher noch zunimmt. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier. Energiekrise und fragile Lieferketten: Klimawandelleugner Trump wird zum größten Klimaschützer aller Zeiten Ausgerechnet Trump könnte der Energiewende den größten Schub seit Jahrzehnten geben – wider Willen. Der Irankrieg zwingt die Welt, sich von Öl und Gas zu verabschieden. Geopolitik infolge des Irankrieges: Jetzt hat der Kampf um die Energie der Zukunft wirklich begonnen Die Blockade der Straße von Hormus zwingt die Welt zum Umdenken. Gelingt der Sprung vom fossilen ins erneuerbare Zeitalter – oder droht ein neuer Konflikt, die "Achse der Petrostaaten" gegen den "Block der Elektrostaaten"? Zerstörtes Kriegsschiff: Ölteppich in der Straße von Hormus bedroht Unesco-Naturschutzgebiet Aus einem bombardierten iranischen Kriegsschiff strömt Schweröl in den Persischen Golf – und treibt auf ein bedeutendes Naturschutzgebiet zu. Satellitenbilder deuten das Ausmaß einer potenziellen Katastrophe an. Chef der Internationalen Energieagentur: "Deutschland sollte über ein Tempolimit auf Autobahnen nachdenken" Die Welt steckt in der größten Energiekrise der Geschichte, sagt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur: Was die Bundesregierung tun kann und warum er die Abschaltung der Kernkraftwerke für einen Fehler hält. Kampf gegen erneuerbare Energien: Trump will Wind- und Solarenergie stoppen – doch die boomen einfach weiter Mit Dekreten und markigen Worten bekämpft US-Präsident Donald Trump erneuerbare Energien. Doch der Feldzug läuft nicht nach Plan. Die Zahlen zeigen: Wind- und Solarkraft erleben in den USA einen deutlichen Aufschwung. Vergleich zur Krise in den Siebzigern: Schützen uns die Erneuerbaren vor dem Ölpreisschock? Wegen des Irankriegs erlebt die Weltwirtschaft ihre wohl größte fossile Krise. Es fehlt mehr Öl als nach den großen Schocks der Siebzigerjahre. Doch erneuerbare Energien dämpfen den Effekt. Inflationsangst: "Auf uns rollen riesige Preissteigerungen zu" Die Energiepreise schießen wegen des Irankriegs in die Höhe. Ökonomin Isabella Weber fürchtet einen Preisschock, der sich durch die gesamte Wirtschaft zieht. Sie fordert radikale Maßnahmen des Staates – und das schnell. Bleiben Sie zuversichtlich Ihr Kurt Stukenberg, stv. Ressortleiter Ausland