Datum10.04.2026 16:22
Quellewww.zeit.de
TLDRBundeskanzler Merz' Vorschlag, 80 Prozent der Syrer könnten in drei Jahren nach Syrien zurückkehren, ist umstritten. Kritiker halten ihn für ökonomisch unsinnig und unmenschlich. Er ignoriert die geleistete Integration und die Arbeitskräfte, die Deutschland fehlen. Die Organisation einer solchen Rückkehr übersteigt die Kapazitäten und die freiwilligen Rückkehrerzahlen sind gering. Dies verunsichert über 700.000 Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben.
InhaltDer Bundeskanzler will mehr als 700.000 integrierte Syrer zurück in ihr Herkunftsland schicken. Das ist ökonomisch völlig unsinnig und ein Affront gegen die Betroffenen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seiner Äußerung, rund 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer sollten innerhalb von drei Jahren in ihr Heimatland zurückkehren, eine breite Kontroverse ausgelöst. Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis zu scharfer Kritik. Die AfD sieht ihre Forderung nach einer "Remigration" bestätigt. Die SPD als Koalitionspartner hält sich bei dieser Diskussion bislang bedeckt und verweigert eine klare Position. Merz begründete seine Aussage mit dem Hinweis, die Rückkehr sei der Wunsch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa. Dieser stellte jedoch umgehend klar, nicht er, sondern der Bundeskanzler selbst habe diese Zahl ins Gespräch gebracht. Merz' Aussage ist bemerkenswert: Sie steht in krassem Widerspruch zu seiner wirtschaftspolitischen Rhetorik. Merz wird nicht müde, über eine mangelnde Arbeitsmoral der Deutschen zu klagen und die Menschen zu mehr Arbeit aufzufordern. Gleichzeitig will er 320.000 syrische Arbeitskräfte vom deutschen Arbeitsmarkt entfernen – plus mehrere Zehntausende, die sich derzeit in Ausbildung und Qualifizierung befinden. Wen genau meint Friedrich Merz, wenn er von 80 Prozent der Syrerinnen und Syrer in Deutschland spricht? Laut Mikrozensus lebten Ende 2024 rund 1,22 Millionen Menschen mit syrischer Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik. Rund ein Viertel davon besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft, allein 2024 wurden 83.200 Syrerinnen und Syrer eingebürgert. Etwa 944.000 hatten Ende 2025 noch eine syrische Staatsangehörigkeit. Ende 2023 waren rund 712.000 syrische Schutzsuchende registriert, eine Zahl, die bis Ende 2024 auf geschätzt 800.000 angestiegen sein dürfte. Vermutlich meint Merz mit den 80 Prozent diejenigen mit Schutzstatus. Bezöge er die Zahl auf alle syrischen Staatsangehörigen, müssten auch Syrerinnen und Syrer das Land verlassen, die über eine Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis oder gar die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen. Und wie will der Bundeskanzler die Ausreise von mehr als 700.000 Menschen innerhalb von drei Jahren organisieren? Nur wenige sind bereit, freiwillig in ein zerstörtes Land ohne Perspektive zurückzugehen, nicht einmal, wenn sie dafür viel Geld bekämen. Zwischen Januar und November 2025 kehrten mit staatlicher Unterstützung lediglich knapp 3.700 Syrer freiwillig zurück. Abschiebung ist sowohl logistisch als auch unter dem Aspekt der Menschenwürde kaum vorstellbar – oder schweben Merz hierzulande Bilder wie von der US-Einwanderungsbehörde ICE in amerikanischen Städten vor? Was würde eine Rückführung für die Betroffenen bedeuten? Für viele hieße es, die neue Heimat zu verlieren, Kinder würden aus der Schule herausgerissen, Menschen aus ihren Nachbarschaften, Hunderttausende würden ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Menschen müssten in ein zerstörtes Land zurückkehren, ohne Perspektive auf ein gesichertes Auskommen. Sie müssten sich erneut Gewalt, Unsicherheit und Armut aussetzen. Auch für Syrien selbst wäre dies auf absehbare Zeit nicht zu bewältigen – indirekt räumt das auch der syrische Übergangspräsident ein. Die Regierung in Damaskus kann schon jetzt die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Gesundheit und Sicherheit für die Bevölkerung im Land nicht gewährleisten. Was dabei in der politischen Debatte fast vollständig untergeht, ist die Perspektive der Betroffenen selbst. Fast eine Million Menschen – Eltern, Kinder, Auszubildende, Arbeitnehmer – leben seit der Aussage des Kanzlers in akuter Verunsicherung darüber, ob Deutschland dauerhaft ihre Heimat bleiben kann. Viele von ihnen haben hier Existenzen aufgebaut, Abschlüsse erworben, einen Job gefunden, Karriere gemacht, sie haben Kinder bekommen und großgezogen, viele haben sogar Unternehmen gegründet, sind selbst Arbeitgeber geworden. Die 80-Prozent-Ankündigung entwertet diese Lebensleistung mit einem einzigen Satz – und sendet das Signal, dass Integration in Deutschland offenbar keine verlässliche Grundlage für Zugehörigkeit ist. Was würde ein solcher Exodus für Deutschlands Verantwortung in der Welt bedeuten? Manche argumentieren, Deutschland habe durch die Aufnahme der Geflüchteten mehr als seinen Teil geleistet und die langfristigen Perspektiven der Syrer gehörten nicht zu dieser Verantwortung. Aber können wir es uns wirklich so einfach machen und unsere Verantwortung nur innerhalb unserer Grenzen sehen? Die Antwort lautet: Nein! Deutschland hat sich stets zu globalen Verpflichtungen bekannt. So hat es sich seit Langem verpflichtet, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für öffentliche Entwicklungshilfe aufzuwenden. Dieses Ziel wurde zwar zwischen 2020 und 2023 rechnerisch erreicht, doch ein erheblicher Teil entfiel dabei auf die Anrechnung inländischer Flüchtlingskosten. Ohne diese Zurechnung lag die Quote 2024 bei lediglich 0,55 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Und der Trend verschärft sich weiter: Der Etat des Entwicklungsministeriums wurde von 11,2 Milliarden Euro (2024) auf 10,3 Milliarden (2025) und rund 10 Milliarden Euro (2026) gekürzt – ein Rückgang um mehr als zehn Prozent innerhalb von zwei Jahren. Im Vergleich dazu kostet allein das Dienstwagenprivileg je nach Schätzung den Staat jährlich zwischen 3,5 und 6 Milliarden Euro an Steuermindereinnahmen. Es ist also schwer zu argumentieren, Deutschland sei durch seine internationalen Verpflichtungen finanziell überfordert.