Datum25.10.2025 08:27
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel plädiert für mehr Finanzbildung in deutschen Schulen und fordert die Teilnahme an der kommenden Pisa-Studie zur finanziellen Bildung im Jahr 2026. Trotz jahrelanger Debatten und einer steigenden Nachfrage von Lehrkräften haben die deutschen Bundesländer bisher nicht teilgenommen. Eine Petition, die bereits über 50.000 Unterschriften gesammelt hat, soll den Druck auf die Kultusminister erhöhen. Ziel ist es, Defizite in der Finanzbildung zu identifizieren und Chancengleichheit zu fördern, um künftige Überschuldung zu verhindern.
InhaltViele Bundesbürger wissen zu wenig über Geldanlage und Altersvorsorge. Mehr Finanzbildung an den Schulen wäre nötig, Deutschland muss bei der Finanz-Pisa-Studie mitmachen. Eine Petition könnte das jetzt ermöglichen. Seit mehr als 20 Jahren gibt es die Pisa-Tests der Bildungsforschung, seit 2012 können OECD-Staaten auch die finanzielle Bildung der Schülerinnen und Schüler testen . Die nächste Gelegenheit bietet sich im Frühjahr 2026. Dann muss man sich für die nächste Testrunde anmelden. Doch die deutschen Bundesländer haben noch nie teilgenommen und zögern auch diesmal wieder. Helfen Sie mit, die Kultusministerinnen und Kultusminister zum Mitmachen zu bewegen und die Republik voranzubringen. Sie erinnern sich vielleicht an den Post der Kölner Schülerin, die zum Abitur zwar Gedichte in drei Sprachen interpretieren kann, aber ihren Mietvertrag als angehende Studentin nicht versteht. Das war 2015 und Startpunkt für eine intensive Debatte über Finanzbildung. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Mein persönlicher Erweckungsmoment liegt noch einige Jahre früher. 2004 diskutierte ich auf einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie in Berlin, wie bessere Finanzbildung in die Schulen kommen könnte. Eines fiel mir dabei besonders auf. Im Saal saßen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas und der Deutschen Bank, von Wirtschaftsverbänden, aus Länderfinanzministerien, aus Verbraucherschutzministerien. Nur die zuständigen Landesbildungsministerien fehlten. Dieses Manko prägt seit mehr als 20 Jahren die deutsche Debatte zur Finanzbildung. Die wichtigsten politischen Akteure, die Bildungsministerien der Länder, glänzen durch Abwesenheit und Kleinstaaterei. Die Schülerinnen und Schüler rufen nach Anstrengungen, die Lehrerinnen und Lehrer rennen einem die Bude ein, wenn man unabhängige und nützliche Finanzbildungshilfen anbietet. 25.000-mal haben Lehrerinnen und Lehrer die bestbewerteten Unterrichtseinheiten von "Finanztip Schule" im vergangenen Jahr abgerufen. Gesellschaftliche Gruppen von der Schuldnerberatung bis zum Bankenverband sind sich ohnehin einig, dass so etwas nötig ist. Zwischendrin hat sogar ein Bundesfinanzminister versucht, bei dem Thema etwas anzuschieben. Aktuell gibt es eine besonders gute Gelegenheit, die zögerlichen Kultusministerien in Bewegung zu versetzen. 2029 läuft die nächste Runde der Pisa-Tests, und die OECD bietet als freiwillige Ergänzung einen Test zur Finanzbildung an. Finanz-Pisa ist die einzige international koordinierte Untersuchung zur Finanzbildung junger Menschen, ihrer Berührungspunkte und Erfahrungen mit finanziellen Entscheidungen. Dafür müssten sich die in Deutschland zuständigen Bundesländer bis zum Frühjahr 2026 anmelden. Die Bereitschaft dazu scheint aktuell wenig ausgeprägt. Die Bundesländer priorisieren das derzeit nicht. Aber meine Kolleginnen und Kollegen bei der "Finanztip"-Stiftung. Sie haben kurzerhand beschlossen, mit einer Petition den Druck auf die Bundesländer zu erhöhen. Die Länder werden darin aufgefordert, sich am kommenden Finanz-Pisa-Test zu beteiligen, um die Voraussetzungen für Finanzbildung in Deutschland deutlich zu verbessern. Tatsächlich hat die Petition schon in den ersten vier Tagen über 50.000 Unterschriften eingesammelt. Machen Sie mit. Hier können auch Sie unterschreiben . Warum unterschreiben, warum testen? Ganz einfach. Nur wenn wir systematisch messen, können wir feststellen, wo die größten Defizite in der Finanzbildung in Deutschland liegen. Der legendäre Betriebswirt Peter Drucker hat es mal auf die Formel gebracht: Nur wenn du nachmisst, kannst du beständig verbessern. So ähnlich formuliert es auch die OECD . Wenn wir einen solchen Pisa-Test in Deutschland an den Start bekommen, können wir gleich auch nachsehen, was andere Länder, die schon Erfahrungen mit solchen Tests haben, womöglich besser machen. 100.000 Jugendliche haben an den letzten Tests jeweils teilgenommen. Zu den aktuellen Vorreitern bei Test und Analyse gehören Kanada, die Niederlande und Österreich. Auch viele andere Nachbarländer Deutschlands haben in der Vergangenheit schon teilgenommen: Polen, Tschechien, Frankreich, Dänemark und Belgien haben schon mal getestet. Polen, Italien und Spanien sowie die USA haben sich sogar an allen vier bisherigen Tests beteiligt. Besonders spannend: Föderative Staaten wie Belgien oder Kanada haben ihre Erfahrungen mit den Ergebnissen in unterschiedlichen Provinzen machen können . Sollten die Tester feststellen, dass Deutschland in einigen Bundesländern schon gute Voraussetzungen für bessere Finanzbildung mitbringt, kann die weitere schulische Bildung daran anknüpfen. Eine Metastudie der OECD ergab in den Jahren 2023 und 2024, dass es um die Finanzbildung der erwachsenen Bevölkerung gar nicht so katastrophal steht. Es gibt aber deutliche Defizite bei der Umsetzung der Kenntnisse in praktisches Handeln . Aus der übrigen Pisa-Forschung wissen wir von Defiziten des föderalen Bildungsstandorts Deutschland. Seit 2010 werden die Pisa-Werte sogar kontinuierlich schlechter, so der Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani aus Dortmund im Podcast "Lage der Nation" . Der einzige Bereich, in dem die Bildungsforscher Fortschritte sehen: die englischen Sprachkenntnisse. Dafür machen sie aber eher Netflix als den Unterricht verantwortlich. Die jungen Leute sähen sich die Streaming-Serien gern im Original an. Mich hat das an meinen Schulunterricht erinnert, in dem sich meine englischen Sprachkenntnisse ab der achten Klasse auch eher durch "Time Magazine" und "Newsweek" aus der Schulbibliothek verbessert haben als durch die Unterrichtseinheit zu Macbeth. Shakespeare habe ich erst später schätzen gelernt. Im Finanzbereich könnten die schicken und gut strukturierten Apps der Onlinebroker bei der Bildung helfen – zumindest jenen, die die Schule schon verlassen haben. Bei denen aber läuft das Bildungsexperiment schon mit realem eigenen Geld und realen eigenen Verlustschmerzen. Spät, vielleicht zu spät für erfolgreiche Finanzbildung. Überschuldung trifft in Deutschland laut dem Schuldner-Atlas seit Jahren vor allem Menschen zwischen 30 und 49. Mangelnde Finanzbildung ist einer der vier zentralen Ursachen, heißt es im jüngsten Überschuldungsreport des Instituts für Finanzdienstleistungen aus Hamburg. Und wenn wir über Broker sprechen: Das ist wieder eine Bildungserfahrung, die eher denen nützt, die schon einen finanziellen Startvorteil haben. Für Chancengerechtigkeit, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, reicht das nicht. Chancengerechtigkeit hilft allen, mit den vielen anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen besser klarzukommen, statt nach der guten alten Zeit zu rufen. Finanzbildung muss für alle angeboten werden. Tun Sie uns als Gesellschaft (und mir auch) den Gefallen: Unterschreiben Sie unsere Petition für den Pisa-Finanzbildungstest 2029 . Ganz offen: Mir wäre es eine persönliche Genugtuung, wenn die Republik die Finanzbildung in der Schule endlich ernst nehmen würde, 25 Jahre nach meinen ersten Diskussionen dazu. Schließlich müssen Kinder und Jugendliche später unsere Zukunft finanzieren. Sie sollten wissen, was sie tun.