Datum24.10.2025 15:51
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Vogelgrippe breitet sich in Deutschland aus, insbesondere mit dem hochansteckenden Subtyp H5N1. In nahezu allen Bundesländern wurden Infektionen bei Wildvögeln festgestellt, was zur Keulung von zehntausenden Tieren führte. Der Höhepunkt des Vogelzugs steht noch bevor, was die Gefahr einer Übertragung auf Geflügelbestände erhöht. Bisher gibt es keine Übertragungen auf Menschen in Deutschland, jedoch bestehen Risiken für Tierhalter. Hygienemaßnahmen sind entscheidend, um eine Ausbreitung zu verhindern.
InhaltZehntausende Hühner, Gänse und Puten müssen gekeult werden, Kraniche verenden. Die Vogelgrippe breitet sich in Deutschland derzeit stark aus. Was Sie zur Geflügelpest wissen sollten. Die Vogelgrippe hat sich nach Angaben des für Tierseuchen zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) mittlerweile fast über ganz Deutschland ausgebreitet. Mit Ausnahme des Stadtstaats Bremen seien bei toten Wildvögeln aus allen anderen Bundesländern Infektionen mit dem hochansteckenden Virus-Subtyp H5N1 nachgewiesen worden. Nachdem zuletzt auch aus Bayern und Baden-Württemberg Infektionsfälle gemeldet wurden, seien inzwischen kommerzielle Geflügelhalter in acht Bundesländern betroffen, heißt es offiziell. "Wir registrieren ein sehr dynamisches Infektionsgeschehen, nicht nur bei Kranichen, sondern auch bei anderen Vogelarten", sagte eine Sprecherin des bei Greifswald ansässigen Instituts. Der Höhepunkt des Vogelzugs stehe noch bevor. Damit ist laut FLI für Tierhalter die Gefahr, dass die Vogelgrippe, auch als Geflügelpest bekannt, in ihre Bestände eingeschleppt wird, weiterhin groß. Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Ausbruchsgeschehen. Aviäre Influenza, abgeleitet vom lateinischen Begriff für Vogel (avis), ist eine durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit, die vor allem bei wildlebenden Wasservögeln anzutreffen ist. Gefährlich ist nach Angaben des Instituts die hochansteckende Virusvariante HPAIV, die derzeit als H5N1 grassiert. Sie führt bei infizierten Tieren in der Regel zu schweren Verläufen und endet oft tödlich. Bis jetzt sind in Deutschland keine Fälle bekannt, in denen sich Menschen durch kranke Vögel oder deren Kot angesteckt haben. Gleichwohl gab es in der Vergangenheit bereits Fälle von Infektionen bei Menschen. In den USA etwa hatten sich in der Vergangenheit Mitarbeiter von Geflügelbetrieben infiziert. Das liegt daran, dass das Virus bei einer hohen Infektionsdosis prinzipiell auf Menschen übertragbar ist. Auch wenn es immer wieder zu "sporadischen Infektionen" bei Menschen komme, wird laut FLI nach aktueller Einschätzung eine Übertragung auf die allgemeine Bevölkerung in Europa weiterhin als gering eingestuft. Die Betroffenen leiden nach jetziger Kenntnis oft unter extremen Atembeschwerden und grippeähnlichen Symptomen. Kontakt zu toten Vögeln sollte vorsorglich in jedem Fall vermieden werden, sagen Experten. Damit lasse sich auch verhindern, dass das Virus eventuell durch den Menschen verbreitet wird. Für "beruflich exponierte Gruppen" gehen die Fachleute von einem "geringen bis moderaten Risiko" aus. Ihnen wird empfohlen, Biosicherheitsmaßnahmen strikt einzuhalten. Dazu zählt etwa, Schutzkleidung zu tragen und Hygienevorkehrungen zu beachten. Das ist nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung grundsätzlich nicht auszuschließen. Doch lägen bisher keine Erkenntnisse vor, die belegen, dass sich Menschen über Lebensmittel mit dem Vogelgrippe-Virus infiziert haben. Das Institut empfiehlt, Fleisch gut durchzubraten, da das Virus empfindlich gegenüber hohen Temperaturen ist. Auch im Kern sollte eine Temperatur von mindestens 70 Grad erreicht werden. Bei gekochten Eiern sollte darauf geachtet werden, dass sowohl Eiweiß als auch Eigelb fest sind. Das FLI erfasste bundesweit bislang 29 Ausbruchsherde bei Wildvögeln. Dabei zeigte sich, dass in dieser Saison vor allem Kraniche betroffen sind. Eine solche Häufung verendeter Tiere sei zuvor nicht beobachtet worden, hieß es. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass bisher etwa 2000 Kraniche auf dem alljährlichen Vogelzug nach Süden in den deutschen Rastgebieten an der Geflügelpest verendeten. Allein in Nordbrandenburg wurden nach Behördenangaben zwischenzeitlich mehr als 1000 tote Kraniche geborgen, die Suche hält an. An einem Stausee an der Landesgrenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt fanden sich mehr als 500 tote Tiere, etwa 100 in der Mecklenburgischen Seenplatte. Der Höhepunkt der Kranichrast wird erst erwartet, sodass Fachleute mit einer deutlich höheren Zahl toter Tiere rechnen. Laut dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ist anzunehmen, dass sich die Kraniche an Rastplätzen bei Wasservögeln mit der H5N1-Variante des Geflügelpestvirus angesteckt haben. "Wir wissen nicht, ob die Übertragung auf Kraniche erst in Deutschland stattfand oder – was wahrscheinlicher ist – bereits im Baltikum oder in Polen", sagt Nabu-Kranichexperte Günter Nowald. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Geflügelpestvirus auf Enten und Gänse beschränkt. Dann ist es immer mehr mutiert, bis es zuerst auch Hühner befiel, später zahlreiche weitere Vogelarten und inzwischen sogar Säugetiere. Wildenten indes zeigen laut FLI bei einer Geflügelpest-Infektion inzwischen nicht mehr unbedingt schwere Krankheitssymptome oder sterben daran. Da verschiedene Arten bereits in den zurückliegenden Jahren betroffen gewesen seien, könne es in deren Populationen schon eine teilweise Immunität geben. Am Donnerstagabend meldete Baden-Württemberg einen betroffenen Geflügelbetrieb im Alb-Donau-Kreis südöstlich von Stuttgart, in dem rund 15.000 Tiere getötet werden. Für den Monat Oktober registrierte das FLI bislang bereits mehr als 15 Ausbrüche in Nutzgeflügel-Haltungen. Ob der jüngste Ausbruch mitgezählt ist, war zunächst unklar. Martin Rümmler, Nabu Folgenschwer waren auch zwei Fälle in Mecklenburg-Vorpommern. Dort mussten nach Angaben des Schweriner Landwirtschaftsministeriums in zwei Großbetrieben mit Legehennen knapp 150.000 Tiere vorsorglich getötet werden. Bereits Mitte Oktober waren im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg 20.500 Puten gekeult worden. Den finanziellen Schaden können Halter bei der Tierseuchenkasse geltend machen. Die derzeit hohe Viruslast bei Wildvögeln erhöht das Risiko eines Eintrags in Geflügelbestände bundesweit erheblich, heißt es vom FLI. Das Institut schätzt, dass in diesem Herbst bislang mehr als 200.000 Hühner, Gänse, Enten und Puten nach Geflügelpestausbrüchen in den jeweiligen Haltungen getötet und entsorgt wurden, um die Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Die Gesamtzahl der seit Jahresbeginn wegen Vogelgrippe getöteten Nutztiere liege jedoch höher, hieß es. Die Behörden appellieren an Geflügelhalter, die empfohlenen Hygieneregeln penibel umzusetzen, insbesondere Desinfektionsmaßnahmen und Kleidungsvorschriften. Kontakte des Hausgeflügels zu Wildvögeln und deren Ausscheidungen sollen vermieden, die eigenen Tiere möglichst in Ställen untergebracht werden. Die Fütterung solle nur an Stellen erfolgen, die für Wildvögel unzugänglich sind. In den vom Ausbruchsgeschehen bereits betroffenen Regionen werden temporär Schuttzonen eingerichtet, in denen strengere Regelungen gelten. Wasservögel zu füttern, sehen Experten ohnehin kritisch. Nun aber noch mehr: "Überall, wo es zur Ansammlung von Vögeln kommt, steigt die Gefahr der Ansteckung – und die passiert bei der Vogelgrippe schnell", warnt Martin Rümmler, Vogelschutzreferent beim Naturschutzbund (Nabu). Am besten ist es also, auf das Füttern zu verzichten. Laut dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stecken sich Hunde und Katzen eher selten mit dem Virus an, denn dafür sei eine hohe Viruslast nötig. Hundehalter sollten dennoch aufpassen, dass ihre Tiere nicht in Kontakt mit Vögeln oder Vogelkot kommen, um die Ausbreitung nicht noch weiter anzutreiben. Das heißt: Das Haustier sollte Vögel nicht aufschrecken oder einen Kadaver ins Maul nehmen. Solche Impfungen waren innerhalb der EU lange nicht zugelassen. Nach Angaben des FLI gibt es aber Impfstoffe für Geflügel, die insbesondere in Frankreich mit einer Sondergenehmigung bei Enten und Gänsen schon zum Einsatz kommen. Die Impfung von Geflügel ist allerdings mit umfangreichen Überwachungsmaßnahmen verbunden und eignet sich daher aus Sicht des FLI nur für bestimmte Geflügelarten, Enten und Gänse in Freilandhaltung etwa oder für Zoovögel. Ungeeignet sei sie für die Masthähnchenproduktion.