Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Wo Olaf Scholz (nicht) wohnt

Datum23.10.2025 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRIn Hamburg sorgt die Sonderbewachung von Olaf Scholz' Altwohnung für Unmut unter Anwohnern und Polizeibeamten, da die Kosten von bis zu zwei Millionen Euro jährlich die Stadt belastet, während Scholz nur selten vor Ort ist. Gleichzeitig meldet das Statistikamt Nord, dass Hamburg mit 35,6 Prozent die höchste Homeoffice-Quote in Deutschland hat, und Mietpreise leicht gesenkt wurden. Zudem wird ein Strafprozess gegen eine Pflegerin wegen fahrlässiger Tötung eingestellt.

InhaltDie Elbvertiefung am Donnerstag – mit vielen Krankmeldungen, günstigeren Mieten, viel Homeoffice und orkanartigen Böen Sie würden nie darauf kommen, wer in Hamburg-Altona gerade die größte Unruhe stiftet, ich mache es kurz: Es ist Olaf Scholz. Der lebt zwar bekanntlich seit Jahren in Potsdam, aber seine Hamburger Wohnung in einer kurzen Seitenstraße hat er behalten, und weil das bei ehemaligen Bundeskanzlern so ist, muss sie gesichert werden, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Da steht also ein kleiner Polizeicontainer, mit mindestens zwei Beamten darin, ein Doppel-Wumms sozusagen, der allerdings teuer ist, die Rede ist von bis zu zwei Millionen Euro jährlich. Als die Mopo kürzlich berichtete, dass dieser Container vor dem Altwohnsitz des Altkanzlers wiederum für mehr als 100.000 Euro erneuert wurde, trat das eine kleine Lawine los. Die Nachbarn berichteten nun öffentlich von unruhigen Abenden im Wohnhaus, weil Gespräche und Zigarettenqualm vom Container nach oben drängen würden. Auch die bewachenden Beamten äußerten sich unzufrieden. Gestern meldete sich die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) zu Wort: Da das Bundeskriminalamt die Sonderbewachung angeordnet habe, solle Hamburg mindestens die Rechnung nach Berlin an den Bund schicken. "Es ist leider so, dass die Bewachung der Steuerzahler in Hamburg zahlt", sagte der DPolG-Landesvorsitzende Thomas Jungfer, die Situation sei so nicht hinnehmbar. Wie oft der Altkanzler seinen Altwohnsitz aber doch nutzt, ist nicht ganz leicht zu sagen, sein Abgeordnetenbüro teilte gegenüber dem Spiegel mit: "regelmäßig". Den Anwohnern zufolge aber ist ihr prominenter Nachbar höchstens alle paar Monate vor Ort, vielleicht auch nur einmal jährlich, genauer lässt sich das bislang nicht klären. Scholz hat seine Wohnung also immerhin nicht, sagen wir, vergessen, und der Fairness halber sei auch gesagt: Altona ist seit den 1980er-Jahren sein Viertel, die örtlichen Genossen beteuerten stets, wie heimatverbunden Scholz immer geblieben sei. Und tatsächlich gab es bereits mindestens drei Farbanschläge auf seine Wohnadresse, Schutz kann also sicherlich nicht schaden. Noch bis zum Jahr 2029 sitzt Scholz als Potsdamer Abgeordneter im Bundestag, so lange ist es unwahrscheinlich, dass er seinen Lebensmittelpunkt zurückverlagert. Nun kann man fragen, ob er seinen Zweitwohnsitz nicht aufgeben könne. Aber, Gegenfrage: Würden Sie, sofern Sie bei allen Sinnen sind, eine schöne Wohnung in Hamburg freiwillig abgeben? Er sei zwar "liberal, aber nicht doof", hat Olaf Scholz einmal gesagt. In einem etwas weniger berühmten Interview mit dem Elbe Wochenblatt gab er einst zu Protokoll: In Altona werde verstärkt darauf geachtet, "Verdrängungsprozessen entgegenzuwirken". Und schickte, wie nur Olaf Scholz es sagen kann, hinterher: "Das ist gut." Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Christoph Heinemann 35,6 Prozent der Arbeitnehmer und Beamten in Hamburg haben im vergangenen Jahr mindestens einen Tag in der Woche von zu Hause aus gearbeitet. Damit hat Hamburg die höchste Homeoffice-Quote aller Bundesländer, wie das Statistikamt Nord mitteilte. Der Bundesdurchschnitt lag demnach bei 22,7 Prozent der abhängig Beschäftigten, dazu zählen Angestellte, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Beamtinnen und Beamte. Gegenüber dem Jahr 2021 sank die Homeoffice-Quote in Hamburg nach Angaben der Statistiker um 2,8 Prozentpunkte. Mietwohnungen in Hamburg sind laut dem Greix-Mietpreisindex des Kiel Instituts für Weltwirtschaft etwas günstiger geworden. Im dritten Quartal fielen die Angebotsmieten in Hamburg demnach um 0,2 Prozent im Vergleich zum gleichen Quartal des Vorjahres, teilte das Institut mit. Der Greix-Mietpreisindex beruht auf Daten von Immobilienplattformen und Maklerwebsites. Zu beachten ist, dass manche Wohnungen auf solchen Portalen nicht auftauchen und nur unmöblierte Wohnungen ausgewertet werden. Gestern ist der Strafprozess gegen eine Pflegerin wegen fahrlässiger Tötung eingestellt worden. Die Angeklagte hatte im Oktober 2021 in einer Pflegeeinrichtung in Langenhorn einen körperlich und geistig eingeschränkten Mann nach eigenen Angaben gerade gebadet, als sie zu einem Notfall gerufen wurde. Nach etwa fünf Minuten sei sie zurück ins Badezimmer geeilt und habe den Mann leblos in der Wanne gefunden. Er war ins Wasser gerutscht und starb trotz Wiederbelebungsmaßnahmen. Ihr Anwalt gab an, dass bei seiner Mandantin nach dem Vorfall eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden sei. Die Beteiligten verständigten sich darauf, dass die Angeklagte dem Bruder des Toten 1.000 Euro zahlt. Das Gericht will nun noch Fragen unter anderem zum Personalschlüssel der Einrichtung klären. • In Hamburg hat die Sozialbehörde in der vergangenen Woche 150 Coronafälle registriert, seit Jahresbeginn waren es 2.071 Fälle. Im gleichen Zeitraum 2024 waren bereits 4.224 Corona-Erkrankungen gemeldet worden. Es ist jedoch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da nur ein kleiner Teil der Coronaerkrankungen im Labor bestätigt wird • Im Verlauf der nächsten Tage wird es im Norden laut Deutschem Wetterdienst immer stürmischer. Der Schwerpunkt mit der Gefahr orkanartiger Böen liegt in der Nacht zu Freitag an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins Einst war das Viertel arm und dreckig, heute ist es schick geworden. ZEIT:Hamburg-Autor Tom Kroll wohnt dort – und betrauert den Verlust der letzten authentischen Orte. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Text: Als Bauarbeiter neulich die Ottenser Hauptstraße aufrissen, um alte Stromkabel zu ersetzen, legten sie lange Holzbohlen über die Löcher. Das fand ich witzig. In Ottensen, dachte ich, verlegt man jetzt sogar auf den Bordsteinen Dielenboden, so groß ist hier die Liebe zu schicken Altbauwohnungen. Das ist nicht verächtlich gemeint, ich lebe schließlich selbst hier. Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren eine bezahlbare Wohnung unweit des Zeisekinos fand, war ich sehr glücklich. Das Viertel kam mir, einem finanziell halb versorgten, fast mittelalten Menschen mit einem Job in der Medienbranche, ideal vor: ruhig, aber nicht langweilig. Es gab hier Hipster-Café-Ketten, aber auch inhabergeführte Geschäfte für die obere Mittelschicht, zum Beispiel den Friseur Schrägschnitt, den Klamottenladen Walka und eine Boutique für schicke Teller und anderen Design-Schnickschnack namens Konvolut. Und vor allem gab es die alten Seelen und Zeugen des Viertels, die Überbleibsel von früheren Bewohnern und Gastronomen, die alle bisherigen Gentrifizierungsschritte überstanden hatten. Die unbeugsamen Gallier des Stadtteils waren Cafés wie das Vulcao oder Restaurants wie das Nostalgia. Ich malte mir aus, wie diese Alt-Ottensener und Alt-Ottensenerinnen sich zum Stammtisch treffen, um über uns zugezogene Halbarrivierten und Vollarrivierten zu lästern. Vermutlich trafen sie sich dafür im Café Veloso zum Frühstück mit Nata und Galão. Das portugiesische Café gibt es seit 27 Jahren im Viertel. Mit seinen zusammengewürfelten und abgerockten Kaufhausmöbeln war es zunächst auf der anderen Straßenseite des Zeisehofs untergebracht. An ihren heutigen Standort zogen die Betreiber, als hier im Jahr 2013 eine Immobilie frei wurde, weil die linke Buchhandlung Nautilus Insolvenz anmeldete (übrigens: Nautilus, der linke Buchladen, ist nicht zu verwechseln mit Edition Nautilus, dem linken Verlag, der sein Büro ebenfalls ganz in der Nähe hat). Die Karte des Veloso besteht maßgeblich aus überbackenen Käse-Schinken-Sandwiches und Croissants, sie sind gut gemacht, aber auch nichts Besonderes. Dass hier keine professionellen Baristas an der Maschine arbeiten, sieht man den Cappuccinos an, und die zugezogenen Architekten und Yogalehrerinnen trinken den fingerdicken Milchschaum mit Kakaopulver obendrauf eher mit Augenzwinkern als mit Genuss. Wir schätzen das Veloso, weil es günstig ist, und wegen der knorrig-herzlichen Belegschaft, die von der Wirtin Maria angeführt wird. Man bekommt hier das Gefühl, nicht viel zu spät gekommen zu sein, dachte ich immer. Solange das Veloso da ist, gibt es noch das alte Ottensen. Deshalb war ich schockiert, als man sich im Viertel zu erzählen begann, dass es bald schließen werde. Warum das Veloso schließt und was das bedeutet, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung des Artikels auf zeit.de. Die Hamburger Hausärztin Maren Sommer glaubt: Wenn Menschen sich krankmelden, können sie oft aus anderen Gründen nicht zur Arbeit gehen. ZEIT-Redakteurin Marie Rövekamp hat mit ihr gesprochen, lesen Sie das ganze Interview auf zeit.de. Morgen liest der Hamburger Autor Nils Jockel zugunsten des Ledigenheims im Kleinen Michel aus seinem Romandebüt Kellertänzer. Nils Jockel war langjähriger Kurator am Museum für Kunst und Gewerbe – ein Maskenfund auf dem Museumsdachboden hat ihn zu der Geschichte seines Romans inspiriert. "Kellertänzer" – Autorenlesung aus der Reihe "Lesungen fürs Ledigenheim", 24.10., 19 Uhr; Kleiner Michel, Michaelisstraße 5; Anmeldung erbeten unter anmeldung@stiftungros.de oder Tel. 040-29 81 38 88. Der Eintritt ist frei, die Spenden der Besucher kommen dem Projekt "Das Ledigenheim erhalten!" zugute. Ansage im ICE von Hamburg nach Wien: "Unser nächster Halt ist Göttingen. Ihre Anschlusszüge sind (…). Und wer noch Einkünfte unbekannter Herkunft wegbringen möchte, der Zug nach Zürich fährt von Gleis acht." Gehört von Gesa Tornow Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.