»No Kings«-Proteste in den USA: Das steckt hinter den Frosch-Kostümen

Datum22.10.2025 16:07

Quellewww.spiegel.de

TLDRBei den "No Kings"-Protesten in den USA demonstrieren zehntausende Menschen gegen Präsident Trump und die US-Einwanderungsbehörde ICE, viele davon in aufblasbaren Froschkostümen. Die Kostüme sollen Gewaltlosigkeit betonen und das Bild gewalttätiger Extremisten entkräften. Der Frosch wird als Symbol für Frieden und Humor genutzt, um die Behauptungen von Trumps Regierung über Kriminalität in demokratisch regierten Städten ad absurdum zu führen und die Anonymität der Demonstranten zu wahren. Die Proteste stehen unter intensiver Beobachtung der Behörden.

InhaltMillionen Menschen protestieren in den USA gegen Präsident Trump. Auffällig dabei: die zahlreichen grünen Hüpfer in den Straßen. Warum stecken so viele Demonstranten in aufblasbaren Froschkostümen? Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In Portland, Washington und New York demonstrierten am Wochenende Zehntausende Menschen gegen die US-Regierung unter Donald Trump und das harte Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde. Bei den "No Kings" Demos ganz vorn dabei: eine Vielzahl an Fröschen. Demonstrierende hatten sich mit entsprechenden aufblasbaren Kostümen verkleidet, hielten Schilder hoch mit Slogans wie "Frogs against Fascism" und "Frogs together strong", also "Frösche zusammen stark". Der Slogan stammt aus dem Film "Planet der Affen" und wird häufig online als Meme verwendet. Statt schwarzer Kleidung oder normalen Straßenklamotten haben sich die Demonstranten den Fröschen zugewandt. Auslöser für den aktuellen Froschalarm waren wohl die Proteste gegen die Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE im Portland im Bundesstaat Oregon. Dort waren einige Menschen als grüne Hüpfer verkleidet unterwegs. Ein Video  zeigte, wie ein Beamter – mit Schutzschild und Helm ausgestattet – Pfefferspray in das Atemloch im Kostüm sprühte, das Video ging viral. Seth Todd, der Mann im Frosch, sagte später der New York Times,  das Froschkostüm solle "dem Narrativ entgegenwirken, wir seien gewalttätige Extremisten." Ein absurder Anblick ist es allemal: Frösche und andere bunte und unschuldig ausschauende Aufblastiere gegen die ICE-Agenten, Polizei und Nationalgarde in den Städten der USA. Die Kostüme werden auch als Kritik an den Republikanern getragen, die die Proteste als Kundgebungen voller "Hass auf Amerika" darstellen. Die US-Regierung behauptete, dass demokratisch regierte Städte wie Chicago und Portland von Kriminalität geplagt seien. Donald Trump hatte Portland als eine "vom Krieg zerstörte" Stadt bezeichnet. YouTuber Brooks Brown aus Oregon gründete die "Operation Inflation", die kostenlos aufblasbare Kostüme an Protestierende verteilt. Statt einer Eskalation mit mehr Schutzkleidung sollen die Tierkostüme ein Zeichen für friedliche Demonstrationen sein. Bei Protesten wie diesen spielen die Bilder eine große Rolle: Dass ein Frosch das Pfefferspray verdient hätte, würden wohl die wenigsten Beobachter sagen, erklärte Brown im Magazin "Wired ". "Es zerstört die Fähigkeit der Menschen, das Opfer zu rechtfertigen, und zeigt die Gewalt in Reinform." "Die Albernheit ist der springende Punkt", sagte Mike Nellis, ein demokratischer Stratege und ehemaliger Berater von Kamala Harris, der "Washington Post". "All diese MAGA-Leute behaupten: ›Diese Städte sind gesetzlos, sie sind gefährlich.‹". Mit den Kostümen würde man diese Behauptungen ad absurdum führen. Portland, Oregon (12.10.2025) Washington, D.C. (18.10.2025) Portland, Oregon (18.10.2025) San Diego, Kalifornien (18.10.2025) Portland, Oregon (12.10.2025) New York (18.10.2025) Hinzu kommt, dass die Proteste immer stärker unter Beobachtung stehen – auch von Behörden. Der Frosch bietet Anonymität: Unter dem Aufblaskostüm sind die Gesichter der Demonstranten schwer zu erkennen. Die Amphibie ist nicht das erste Mal im Zentrum von politischen Bewegungen. Das Internetmeme "Pepe der Frosch" tauchte sowohl bei rechten als auch bei prodemokratischen Protesten auf. Ursprünglich eine unschuldige Schöpfung von Comic-Zeichner Matt Furie wurde der Frosch erst zu einem millionenfach geteilten Meme und dann zum Symbol des Hasses. Das glubschäugige Tier saß im Comic die meiste Zeit auf dem Sofa, aß Pizza mit seinen gezeichneten Monster-Kumpels. Die Leute mochten ihn, posteten bearbeitete Abwandlungen mit lustigen Sprechblasen. Schnell entwickelte sich Pepe zu einem Meme, 2014 twitterten sogar Popstars wie Katy Perry Bilder von Pepe. Während des US-Wahlkampfs 2016 wurde die Figur von der ultrarechten Alt-Right-Bewegung vereinnahmt. Im Internetwahlkampf machten sie aus dem Frosch Adolf-Hitler-Pepes und Ku-Klux-Klan-Pepes, andere Bilder machen für Donald Trump Stimmung gegen Migranten und Migrantinnen. Im September 2016 erklärte  die US-Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) Pepe zu einem Symbol des Hasses und listet den Frosch seitdem in ihrer entsprechenden Datenbank  – neben Hakenkreuz-Varianten und arischen Symbolen. In einer Stellungnahme  verurteilten Furie und sein Verlag "die illegale und widerwärtige Aneignung des Charakters durch rassistische Randgruppen mit Verbindungen zur Alt-Right und der Präsidentschaftskampagne von Donald Trump". Doch es war zu spät, die Assoziation von Pepe mit rechten Gruppen hatte sich verfestigt. Für den Erfinder ging der Kontrollverlust zu weit, 2017 ließ Matt Furie Pepe den Comic-Tod sterben und zeichnete den Frosch in einen Sarg. Dann machte Pepe eine überraschende Image-Wende durch: In Hongkong nutzen Demonstrierende den Frosch bei ihren Protesten gegen die autoritäre Regierung der Region. Anders als in den USA war der Frosch für die Demonstranten in Hongkong kein Hasssymbol, sondern einer von ihnen. Auf Stickern für Messenger-Apps wie Telegram und WhatsApp wurde Pepe mit dem typischen gelben Helm der Demonstranten abgebildet, umgeben von Tränengas oder mit regierungskritischen Schildern. In Hongkong zuckten die Menschen wegen des rechten Rufs von Pepe eher mit den Achseln. "Für mich ist Pepe einfach eine Hello Kitty-ähnliche Figur", zitierte die "New York Times " einen Demonstranten. Er sehe einfach lustig aus und "erobert die Herzen so vieler junger Menschen", meinte demnach ein anderer Protestierender. Womöglich gelingt Pepe dem Frosch nun auch in den USA eine Kehrtwende, zurück in den freundlichen, demokratischen Teil des Internets. Seine Artgenossen auf den Straßen, die Menschen in den Aufblaskostümen, könnten ein erster Schritt zum Imagewandel sein.