Longevity-Forschung: Werden wir unsterblich, Nir Barzilai?

Datum22.10.2025 06:05

Quellewww.zeit.de

TLDRNir Barzilai, Experte für Alternsforschung, untersucht, wie Menschen gesünder und länger leben können. Er glaubt nicht an Unsterblichkeit, sieht aber die Möglichkeit, dass Menschen bis zu 115 Jahre alt werden können. Barzilai erforscht genetische Faktoren von Superalten und das Potenzial von Medikamenten wie Metformin zur Verlangsamung des Alterungsprozesses. Er hebt hervor, dass Fortschritte der Forschung vor allem denjenigen zugutekommen sollten, die unter altersbedingten Krankheiten leiden. Barzilai kritisiert auch die unethischen Selbstversuche einiger Milliardäre in der Alternsforschung.

InhaltNir Barzilai erforscht, wie Menschen möglichst lang gesund leben können. Ewiges Leben ist für ihn nicht erstrebenswert. Aber 115 Jahre alt sollen bald alle werden können. Im neuen Podcast Nur eine Frage stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort aber schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – so lange, bis er die Antwort verstanden hat. In dieser Folge geht es um ein sehr langes, eines Tages vielleicht sogar ewiges Leben. Wird dies für Menschen jemals möglich sein? Der Alternsforscher Nir Barzilai will nicht kategorisch ausschließen, dass ewiges Leben eines Tages technisch möglich werden könnte. Aber aktuell, sagt er, liege Unsterblichkeit außerhalb der wissenschaftlichen Reichweite. Anders verhält es sich mit der Verlängerung der bisherigen Lebensspanne. Barzilai möchte, dass Menschen länger leben. Vor allem geht es ihm darum, dass sie länger gesünder leben – ohne die typischen Altersleiden.  Nir Barzilai ist ein israelisch-amerikanischer Genetiker und einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Alternsforschung. Er ist Professor für Medizin und Genetik am Albert Einstein College of Medicine in New York und Direktor des dortigen Institute for Aging Research. Einer seiner Schwerpunkte ist die Erforschung von sogenannten Superalten, also Menschen, die älter als 100 Jahre geworden sind. Barzilai hat das Erbgut vieler Hundert Familien mit Superalten untersucht, mit dem Ziel, genetische Faktoren der Langlebigkeit zu identifizieren. Im Gespräch geht es um die Hallmarks of aging, die biologischen Merkmale des Alterungsprozesses, um Intervallfasten, genetische Untersuchungen an Hundertjährigen und mögliche bereits existierende Medikamente, die die Lebensspanne und die Gesundheit im Alter befördern. Barzilai erklärt, warum bestimmte Anti-Aging-Bemühungen das Krebsrisiko steigern können und welche Faktoren jeder schon jetzt beeinflussen kann. Ewiges Leben ist für Barzilai wenig erstrebenswert: Lebensentwürfe, Familien- und Karriereplanung, Altersvorsorge – für einen extrem langlebigen Menschen würde all das schon sehr kompliziert. Wie würde ein Unsterblicher damit umgehen? Und vor allem, so gibt Barzilai zu bedenken: Wie würde er seine Psyche gesund halten angesichts so vieler möglicher Schicksalsschläge und Traumata, die ein unendlich langes Leben mit sich brächte? Eine Erkenntnis seiner Untersuchungen an den Superalten: Sie sind – anders als "Normalsterbliche" – auch noch im hohen Alter auffallend lange gesund. Von den Unsterblichkeitsbestrebungen einiger Milliardäre wie Bryan Johnson ist Barzilai nur bedingt begeistert: Einerseits verschafften sie dem Thema und der Alternsforschung Sichtbarkeit und würden die Forschung voranbringen. Andererseits könnten misslungene medikamentöse Selbstversuche die Alternsforschung in Misskredit bringen.  Barzilai betont, dass die Erkenntnisse der Alternsforschung nicht nur den Reichen zugutekommen, sondern vor allem Menschen, die stärker von alterungsbedingten Krankheiten betroffen sind, wie beispielsweise Krebspatienten, HIV-Infizierten, Menschen mit Downsyndrom oder ökonomisch Benachteiligten. Die biologischen Mechanismen, die Superalte so lange gesund und am Leben halten, versucht Barzilai durch Medikamente nachzuahmen. Dabei hat er bereits einige Mittel als vielversprechende Kandidaten identifiziert: Die neuen Präparate zur Gewichtsreduzierung – Ozempic oder Wegovy – ermöglichen Übergewichtigen ein gesünderes Leben. Vieles deutet darauf hin, dass sie möglicherweise auch die Lebensspanne verlängern. Ein weiteres sogenanntes Gerotherapeutikum könnte Metformin sein, ein altbekanntes Diabetesmedikament, das aber auch das Immunsystem stärken sowie Entzündungen und kognitiven Abbau hemmen kann. Seit Langem plant Barzilai eine große klinische Studie, in der er untersuchen möchte, ob Metformin den Alterungsprozess verlangsamen und altersbedingte Krankheiten hinauszögern kann. Diese Studie könnte den Weg für eine neue Generation von Anti-Aging-Therapien ebnen. Können wir unsterblich werden? Hören Sie Nir Barzilais Antwort auf unsere Frage in dieser Folge. Produktion: Pool ArtistsRedaktion: Jens Lubbadeh  Alle Folgen unseres Podcasts finden Sie hier. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.