EU-Klimaziel: Tausende Wissenschaftler äußern Sorge über Klimakurs der EU

Datum21.10.2025 13:47

Quellewww.zeit.de

TLDRÜber 2.000 Wissenschaftler fordern die EU in einem offenen Brief auf, am 90-Prozent-Klimaziel festzuhalten, während mehrere EU-Staaten, darunter Tschechien und Polen, Widerstand leisten. Der Brief kritisiert, dass die politische Diskussion von wissenschaftlichen Erkenntnissen abweicht und betont die Notwendigkeit, das Ziel zur Leitlinie zu machen. Bundesumweltminister Schneider erwartet Unterstützung für das Ziel beim EU-Gipfel. Die EU hat für die bevorstehende UN-Klimakonferenz in Brasilien noch kein konkretes Ziel festgelegt und steht vor schwierigen Verhandlungen.

InhaltIn einem Brief fordern gut 2.000 Wissenschaftler die EU auf, am 90-Prozent-Ziel festzuhalten. Das steht in Zweifel – und damit die EU-Taktik für die UN-Klimakonferenz. Angesichts der Blockadehaltung mehrerer EU-Staaten für ein Klimaziel haben Tausende Wissenschaftler einen Appell an die Staatengemeinschaft gerichtet. In einem offenen Brief fordern sie, am geplanten 90-Prozent-Einsparziel festzuhalten. Die über 2.000 Unterzeichnenden von Forschungsinstituten und Universitäten sehen eine gefährliche Entwicklung. "Die politische Diskussion bewegt sich von den wissenschaftlichen Erkenntnissen weg", schrieben sie. "Vor dem EU-Gipfel rufen wir die Entscheider dazu auf, an der Wissenschaft und am Pariser Klimaabkommen festzuhalten".  Das Klimaziel für 2040 hatte die EU-Kommission ausgearbeitet und den Ländern vorgeschlagen. Es sieht vor, die Emissionen in den nächsten 15 Jahren um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Ein Teil soll durch international anerkannte Klimazertifikate kompensiert werden dürfen. Aber es hakt, denn in mehreren Staaten regt sich Widerstand gegen das Ziel, darunter Tschechien, Polen, Italien und Ungarn. Ihnen gehen die angepeilten Ziele zu weit.  Aufgrund des Streits wurde das Thema auf die höchste Ebene gehoben: Am Donnerstag wollen die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel darüber diskutieren. Denn damit das Klimaziel zur Leitlinie wird, müssen die EU-Staaten und das Europaparlament zustimmen. Für die UN-Klimakonferenz in Brasilien im November hat sich die Europäische Union wegen des Streits noch kein konkretes Ziel gesetzt. Die 27 Mitgliedsländer hatten sich im September lediglich auf eine Notlösung geeinigt, die auf älteren EU-Gesetzen beruht. Das vorgeschlagene 90-Prozent-Ziel sei "nicht nur eine politische Entscheidung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit, um Europas Zukunft zu sichern und das Leben der Menschen zu schützen angesichts des zunehmend hohen Risikos, kritische Kipppunkte zu überschreiten", heißt es in dem offenen Brief der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.  Zudem biete ein solches Ziel bei richtiger Umsetzung auch wirtschaftliche Chancen – etwa deutlich günstigere Stromrechnungen, neue Jobs und Einsparungen für fossile Importe im Milliardenbereich. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) erwartet, dass sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei dem EU-Gipfeltreffen für das 90-Prozent-Ziel stark macht. "Deutschland hat sich festgelegt, nicht nur im Koalitionsvertrag, sondern auch durch unsere nationalen Gesetze", sagte Schneider. Man unterstütze den Kommissionsvorschlag und halte ihn für gut vereinbar "mit unseren Ambitionen, aber eben auch in der Verbindung zwischen Ökonomie und Ökologie".  Schneider trifft sich derzeit in Brüssel mit seinen europäischen Amtskollegen, um eine gemeinsame Strategie für die Weltklimakonferenz festzulegen. EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra erwartet dort schwierige Verhandlungen. Die Konferenz im brasilianischen Belém finde unter "äußerst schwierigen geopolitischen Umständen" statt, sagte Hoekstra. Er verwies auf die USA, die unter Präsident Donald Trump erneut aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen waren. Auch China, das weltweit die meisten Treibhausgase ausstößt, habe im Vorfeld der Konferenz Ziele vorgelegt, "die weit hinter dem zurückbleiben, was die Wissenschaft für nötig hält", sagte Hoekstra. Anfang November soll ein Sondertreffen der EU-Umweltminister folgen. Diese sollen sich auf eine mehrheitliche Position zum Ziel für 2040 sowie auf eine konkrete Zusage an die UN einigen – wenige Tage, bevor die Konferenz in Brasilien beginnt.