Datum19.01.2026 13:59
Quellewww.spiegel.de
TLDRDas Afrika-Cup-Finale zwischen Marokko und Senegal war geprägt von Tumulten und Kontroversen, darunter fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen und ein verschossener Elfmeter. Trainer Pape Thiaw sorgte für Aufregung, als er seine Spieler vom Feld rief, was zu chaotischen Szenen auf den Tribünen führte. Letztlich gewann Senegal nach Verlängerung 1:0 durch ein Tor von Pape Gueye. Der Artikel reflektiert die Spannung und die chaotischen Umstände des Spiels sowie die widersprüchlichen Gefühle der Beteiligten nach der Partie.
InhaltTumulte, ein verschossener Panenka-Elfmeter, ein Handtuchklau: Das Endspiel des Afrika-Cups zwischen Marokko und Senegal quoll über von Dramen. Der siegreiche Trainer sagte am Ende: "Wir entschuldigen uns beim Fußball." Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Es gibt Endspiele, die im Gedächtnis bleiben. Der Sekundentod des FC Bayern München gegen Manchester United in der Champions League 1999, das Wembley-Tor im WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland, der spektakulär verschossene Elfmeter des Italieners Roberto Baggio bei der WM 1994. Das Duell zwischen Senegal und Marokko um den Sieg im Afrika-Cup hat ebenfalls das Zeug zu einem Endspiel, das Fans nicht vergessen. Auch wenn der Hauptgrund dafür ein unrühmlicher ist. Denn die Partie am Sonntag drohte, im Chaos zu versinken. Es begann mit zwei fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen, es folgten: Tumulte auf den Tribünen, Fußballer, die aus Protest das Feld verließen, ein Mann, dem es gelang, sie zurückzuholen, ein denkwürdiger Elfmeterfehlschuss, ein Sieger in der Verlängerung – und ein Nachspiel im Anschluss an die Partie. Wie auf einem Wimmelbild bot dieses Finale überall Verblüffendes zu entdecken. Wir haben uns auf die Suche gemacht. Pape Thiaw, der Trainer des Senegals, hob den Arm und winkte seine Fußballer vom Feld: einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Es lief die Nachspielzeit im Finale des Afrika-Cup, es stand 0:0, und Thiaw hatte genug. Dieses Spiel, das aus seiner Sicht offenbar kein faires war, das seine Mannschaft nicht gewinnen konnte, weil sie es nicht gewinnen sollte, es würde nicht weitergehen. Zwei gravierende Entscheidungen hatte der kongolesische Schiedsrichter Jean Jacques Ndala in der Nachspielzeit getroffen. Erst pfiff er dem Senegal ein Tor ab, dann einen Elfmeter für Marokko. Beide Entscheidungen waren fragwürdig. Beim vermeintlichen 1:0 in Minute 90.+2 köpfte Abdoulaye Seck den Ball an den Pfosten, den Abpraller verwandelte Ismaïla Sarr. Die senegalesischen Fußballer jubelten bereits, doch Schiedsrichter Ndala hatte einen leichten Schubser Secks als Foul gewertet und abgepfiffen, ehe der Ball im Tor lag. Deshalb konnte der Videoassistent nicht eingreifen. Ein tatsächlich auf diesem Niveau irritierender handwerklicher Fehler des Schiedsrichters. Drei Minuten später pfiff Ndala einen soften Elfmeter, wieder fiel die Entscheidung zugunsten der Gastgeber aus. El Hadji Malick Diouf hatte Brahim Díaz an den Schultern gezogen, der Marokkaner warf sich zu Boden. Dieser Strafstoß war kein krasser Irrtum. Aber: Zwei harte Entscheidungen in der Nachspielzeit eines Finals, beide gegen dasselbe Team, so wurde der senegalesische Zorn geschürt. Und so trommelte Trainer Thiaw seine Spieler zusammen. Dann brach auf Rängen von Rabat Chaos aus. Auf Bildern ist zu sehen, wie senegalesische Fans mit Stühlen bewaffnet auf Sicherheitskräfte stießen. Manche schafften es bis aufs Spielfeld. Hätte der Senegal sich geweigert, weiterzuspielen, wäre dieses Finale zum echten Skandalspiel mutiert, und die Senegalesen hätten auch nicht ihren zweiten Afcon-Titel gefeiert. Dass es weiterging, hat das Team einem einzigen Spieler zu verdanken. (Danial Montazeri) Vielleicht war Sadio Mané der Einzige, der in diesem ganzen Durcheinander den Überblick behielt. Als die Stimmung rund um die Elfmeterentscheidung in der Nachspielzeit kippte, als die senegalesischen Spieler bereits Richtung Kabine drängten, blieb Mané stehen – und bestand darauf, auf dem Platz zu bleiben. Weiterspielen. Immer weiter. Mané, 33, einst beim FC Liverpool zum Weltstar gereift, beim FC Bayern 2022/2023 eher enttäuscht und schließlich nach Saudi-Arabien gewechselt, ist für seine Heimat geblieben, was er immer war: ein geerdeter Held. Einer, der hilft, Verantwortung übernimmt und der trotz der Glamourwelt Profifußball nie die Bodenhaftung verloren haben soll. Mané gewann mit Liverpool die Champions League und wurde englischer sowie deutscher Meister. Das Finale des Afrika-Cups war sein 124. Länderspiel. Er hatte schon zu viele Nächte erlebt, in denen Kleinigkeiten über Geschichte entschieden hatten. Vielleicht wusste er sofort: Wenn das Team jetzt nicht weiterspielt, würde dieser Abend endgültig im Chaos versinken. Und Senegals Titelchance wäre dahin. Senegals Mittelfeldspieler Lamine Camara über Mitspieler Sadio Mané Auf den TV-Bildern ist zu sehen, wie er auf dem Spielfeld stehen bleibt, gestikuliert, das Nationalwappen auf seiner Brust abklopft, seinen Mitspielern zuruft: zurück! "Wir waren in der Umkleidekabine", sagte Teamkollege Lamine Camara. "Er war der Einzige, der hereinkam und uns anschrie, wir sollten rausgehen und das Spiel zu Ende spielen. Und nun ja, am Ende hatte er recht." Dass Mané am Ende als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, war keine Randnotiz. Es war die logische Folge eines Abends, an dem er nicht nur Fußball spielte, sondern sein Team zum Sieg führte. (Jan Göbel) Den Protest hatte Mané abwenden können, dann folgte die Ausführung des umstrittenen Elfmeters, tief in der Nachspielzeit. Und hätte Marokko getroffen, wäre der Gastgeber der sichere Sieger gewesen. Wer 50 Jahre zurückschaut auf das Fußballjahr 1976, dem fallen zwei Ereignisse von damals ins Auge: Marokko gewann zum bisher einzigen Mal den Afrika-Cup. Und Antonin Panenka schlenzte im EM-Finale den entscheidenden Elfmeter über den sich ins Eck werdenfen Sepp Maier in die Tormitte – der Panenka-Elfmeter war geboren. Man weiß nicht, wie fußballhistorisch bewandert Brahim Díaz ist – aber in dieser offiziell 97. Minute von Rabat wollte er all dies zusammenbringen: wieder ein Endspiel, wieder ein entscheidender Elfmeter und wieder die große Möglichkeit, Marokko zum Triumph zu schießen. All das war offenbar zu viel für ihn. Der Angreifer von Real Madrid, tja, wie soll man es beschreiben, schlenzte, schob, chippte, streichelte, pustete den Ball direkt in die Arme des senegalesischen Keepers Édouard Mendy – der vermutlich selbst verdutzt war, wie leicht er den Ball auffangen konnte. Eine billige Parodie eines Panenka-Elfmeters. Diese Art, einen Strafstoß zu treten, ist eine Versuchung. Zu viele sind ihr seit 1976 erlegen. Es ist die Art eines Elfmeters, der stets ein Hauch von Arroganz nachweht – eine Arroganz, die dann mit der größtmöglichen Fallhöhe in die Voll-Blamage umschlägt, wenn es so endet wie bei Brahim Díaz. Es war die letzte Aktion der regulären Spielzeit. Für Brahim Díaz der vermutlich schlimmste Abend seiner Fußballerkarriere. Statt mit den Marokkanern nach verwandeltem Elfmeter mit 70.000 Fans zu feiern, ging die Partie verloren. Gipfel der Demütigung: Díaz wurde nach dem Spiel als bester Torschütze des Turniers ausgezeichnet – und musste auch noch die tröstende Umarmung von Fifa-Boss Gianni Infantino ertragen. (Peter Ahrens) Sportlich hat Senegals Ersatztorhüter Yehvann Diouf bei diesem Afrika-Cup keine Rolle gespielt. Dennoch war er in diesem denkwürdigen Finale einer der Protagonisten. Im strömenden Regen stand er seitlich hinter dem Tor der senegalesischen Nummer eins, Édouard Mendy, um diesem immer wieder sein Handtuch zu reichen. Normalerweise legt sich der Torhüter dieses Tuch einfach ins Tor, aber die Marokkaner wollten verhindern, dass sich Mendy seine Handschuhe abtrocknen konnte. So warf Marokkos Kapitän Achraf Hakimi das gute Stück einfach über die Werbebande, mehrfach versuchten vermutlich marokkanische Offizielle, das Tuch zu entwenden. Ismael Saibari hatte sich zudem etwas ganz Besonderes ausgedacht: Der ausgewechselte marokkanische Nationalspieler stand mit dem Rücken zum Spielfeld vor Diouf und wollte diesen körperlich abdrängen, falls er sich Mendy nähern sollte. Diouf wurde gar in ein Handgemenge mit den Balljungen verwickelt. Auf Videos ist zu sehen, wie diese versuchten, ihm das Tuch aus den Händen zu reißen. Der Senegalese wehrte sich und wurde dabei zu Boden gebracht und von seinen jugendlichen Gegnern an der Außenlinie gejagt. Das Objekt der Begierde rückte er dennoch nicht heraus. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Derartige Angriffe dürfte der 26-Jährige von seinem Heimatklub gewohnt sein. Der Stammkeeper des OGC Nizza musste miterleben, wie Dutzende Fans Anfang Dezember seine Mitspieler Terem Moffi und Jérémie Boga verprügelten. Dagegen war der versuchte Handtuchklau von Rabat wohl nur eine kleine Rangelei. Bei der Siegerehrung zeigte sich der heimliche Held dieses Finals bereits wieder lachend mit Medaille und Pokal. Die Pointe des Abends: Marokko wurde nach dem Finale mit dem Fair-Play-Award des Turniers ausgezeichnet. (Marco Fuchs) Man könnte es angesichts der chaotischen Umstände beinahe vergessen, aber im Finale wurde phasenweise auch spektakulärer Fußball geboten. Besonders in der Verlängerung hatten beide Teams hochkarätige Chancen. Und dann fiel auch noch dieses Tor: Sadio Mané eroberte in der eigenen Hälfte den Ball, ließ einen Gegenspieler aussteigen, passte mit der Hacke auf Idrissa Gueye, der den Ball Teamkollege Pape Gueye in den Lauf spielte. Der Mittelfeldspieler marschierte auf der linken Seite Richtung Strafraum, blockte noch mal eben Weltklasseverteidiger Hakimi, der den Senegalesen ziehen lassen musste. Mit links schoss Gueye dann vom Strafraumrand aufs Tor. Der Ball schlug rechts oben in den Winkel ein, touchierte dabei noch die Unterkante der Latte. Obwohl dieser sensationelle Treffer der einzige an diesem Abend bleiben sollte, mangelte es nicht an weiteren Möglichkeiten. Eine kleine Auswahl: Hamza Igamanes Flugkopfball ging knapp neben das Tor. Ibrahim Mbaye dribbelte die halbe marokkanische Mannschaft aus, sein Schuss wurde jedoch abgeblockt. Nayef Aguerd köpfte an die Latte. Neil El Aynaoui versuchte es gleich dreimal hintereinander, immer erfolglos. Cherif Ndiaye vergab vor dem leeren Tor einen Nachschuss aus wenigen Metern. Und das alles nur in der Nachspielzeit. 21 Torschüsse für Marokko standen am Ende 14 des Senegals gegenüber. Doch jubeln durften nur Pape Gueye und die senegalesische Nationalmannschaft. (Benjamin Knaack) Auf dem Platz wurde nach dem Abpfiff gefeiert und getrauert, in den Katakomben des Stadions von Rabat ging der Zwist weiter. "Das Bild, das wir vom afrikanischen Fußball abgegeben haben, war eher beschämend. Ein Spiel mehr als zehn Minuten lang unterbrechen zu müssen, während die ganze Welt zuschaut, ist nicht sehr stilvoll", sagte Marokkos Trainer Walid Regragui. Und über sein Gegenüber sagte er: "Ein Trainer, der seine Spieler auffordert, das Spielfeld zu verlassen … was Pape getan hat, macht Afrika keine Ehre. Das war nicht stilvoll." Aber Pape Thiaw sei nun mal jetzt ein Champion, also könne er sagen, was er will. Was Champion Thiaw zu sagen hatte, bekam man allerdings nicht zu hören. Als er zur Pressekonferenz kam, wurde er Berichten zufolge derart laut und beständig ausgebuht, dass die PK ausfallen musste. Den Offiziellen sei es nicht gelungen, die aufgebrachten marokkanischen Journalisten zu beruhigen. Später sagte Thiaw dann doch noch etwas: "Wir akzeptieren die Fehler des Schiedsrichters, das kann passieren." Er selbst und seine Mannschaft hätten nicht aus Protest vom Platz gehen sollen, aber dies sei nun Vergangenheit. "Wir entschuldigen uns beim Fußball."