Datum19.01.2026 00:06
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Edelman Trust Barometer 2026 zeigt, dass das Vertrauen der Deutschen in andere Menschen und Institutionen stark gesunken ist. 81% der Befragten vertrauen Andersdenkenden nicht mehr, und nur 8% glauben, dass die nächste Generation es besser haben wird. Diese Entwicklung ist global und wird durch wirtschaftliche Sorgen, politischen Misstrauen und eine Informationskrise verstärkt. Zudem wächst die Kluft zwischen hohem und niedrigem Einkommen im Vertrauen zu Institutionen. Nationalismus dominiert, während der individuelle Gewinn über den gemeinschaftlichen Fortschritt gestellt wird.
InhaltDie Deutschen vertrauen zunehmend nur noch sich selbst. Damit sind sie nicht allein. Eine Studie zeigt: Weltweit nimmt das Vertrauen in eine internationale Ordnung ab. "Jeder Mensch ist ein Teil vom Kontinent, ein Teil vom Ganzen", schrieb John Donne in seinem wohl einflussreichsten Werk, den Devotions. Kein Mensch sei eine Insel, so ganz für sich allein, befand der britische Poet. Ein schöner Gedanke, ein großes Plädoyer auch für die Völkerverständigung. Leider haben wir 400 Jahre später ein paar mehr Daten. Und die zeigen, dass es eher (wieder) in eine andere Richtung geht: Wir verlassen das Festland, wir kraulen langsam zurück auf die Inseln und verschanzen uns dort hinter möglichst hohen Mauern. Seit einem Vierteljahrhundert sammelt das Edelman Trust Institute in 28 Ländern, darunter auch Deutschland, Daten darüber, ob und wie sehr die Menschen der Politik, den Unternehmen, den NGOs und ihren Nachbarn vertrauen. Heute erscheinen die neuen Zahlen, erhoben auf Basis von 30-minütigen Interviews mit knapp 34.000 Menschen. Das Ergebnis ist eindeutig: 70 Prozent der Menschen, die für das Trust Barometer 2026 befragt wurden, weigern sich oder sind zumindest zögerlich, jemandem zu vertrauen, der nicht die gleichen Werte vertritt, den gleichen Background hat oder die gleichen Medien konsumiert wie sie selbst. Wer jetzt noch die Hoffnung hatte, hierzulande gäbe es womöglich mehr Offenheit, liegt weit daneben. In Deutschland vertrauen sogar 81 Prozent der Befragten einem Andersdenkenden nicht mehr. Der zweithöchste Wert in der Studie. Nur in Japan (90 Prozent) sind die Menschen noch misstrauischer. Eine Tendenz übrigens, die unabhängig von Alter, Geschlecht oder Einkommen bestehen bleibt. Ein Faktor dabei: Nur 30 Prozent der befragten Deutschen gaben in der Studie an, mindestens einmal pro Woche Informationen von Medien zu beziehen, die andere politische Standpunkte vertreten als sie selbst. 2025 waren es noch 37 Prozent. "Die Menschen ziehen sich von Dialog und Kompromiss zurück und ziehen die Sicherheit des Wohlbekannten dem Risiko von Veränderung vor", sagt Richard Edelman, Begründer des Trust Barometer und CEO der PR-Firma Edelman. "Nationalismus bekommt den Vortritt vor globalen Verbindungen, der individuelle Gewinn ist wichtiger als der gemeinsame Fortschritt." Die Mentalität hat sich laut der Studie praktisch weltweit vom "Wir" zum "Ich" verändert. Eine Abkehr von der internationalen, globalisierten Ordnung der vergangenen Jahrzehnte. Nicht über Nacht, sondern kontinuierlich, doch die vergangenen fünf Jahre hätten die Entwicklung beschleunigt. Die zunehmende Engstirnigkeit werde insbesondere von vier Faktoren getrieben: fehlendem Optimismus, wirtschaftlicher Sorge, dem Vertrauensverlust in Institutionen und einer Informationskrise. In Deutschland ist der Ausblick in die Zukunft besonders düster. Auch wenn das Land sicher nicht als Optimismus-Monster bekannt ist: Nur noch acht Prozent der Deutschen (rund 1.200 Personen werden pro Land befragt) geben im Trust Barometer an, dass die nächste Generation es im Vergleich zu heute besser haben wird. Das ist der zweitniedrigste Wert unter allen abgefragten Ländern (Frankreich: sechs Prozent), im globalen Schnitt glauben laut der Studie immerhin noch 32 Prozent der Befragten, dass es der nächsten Generation besser gehen werde. An diesem Wert lässt sich besonders gut ablesen, wie pessimistisch die Deutschen innerhalb weniger Jahre geworden sind. 2025 fanden noch 14 Prozent, dass es der nächsten Generation besser gehen würde. 2020 lag die Zahl im Trust Barometer für Deutschland sogar noch bei 23 Prozent, ein Minus also von 15 Prozent in sechs Jahren. Doch nicht nur die Deutschen beäugen die wirtschaftliche Lage skeptisch. Zwei Drittel aller global Befragten geben an, sie hätten Angst, dass ihre Arbeitgeber unter internationalen Handelskonflikten leiden könne und deshalb ihr Arbeitsplatz in Gefahr sei. Eine Sorge, die angesichts der jüngsten Zoll-Drohungen von Donald Trump eher noch weiter steigen könnte. Nicht unbedingt verwunderlich, aber doch eindeutig ist die Erkenntnis des Trust Barometer, dass die Vertrauensschere zwischen Menschen mit niedrigem beziehungsweise hohem Einkommen immer größer wird. Von allen Befragten mit hohem Einkommen geben 63 Prozent in der diesjährigen Studie an, Unternehmen, Regierungen, Medien und NGOs zu vertrauen. Dasselbe Vertrauen haben dagegen nur 48 Prozent der Befragten mit geringem Einkommen. Eine Lücke von 15 Prozentpunkten – die sich seit 2012 mehr als verdoppelt hat. Damals betrug der Spalt zwischen niedrigen und hohen Einkommen nur sechs Prozent. Das zeigt: weder Politik noch Wirtschaft konnten den Vertrauensverlust, der aus Coronapandemie, Energiekrise und steigender Inflation resultiert, wiedergutmachen, vor allem nicht bei Menschen mit geringeren Einkünften. In einigen Ländern sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders groß. In den USA liegt die Kluft bei 29 Prozentpunkten, in Frankreich bei 22. In Deutschland beträgt der Unterschied immerhin noch 18 Prozentpunkte und liegt damit über dem Gesamtschnitt der Studie. Vor allem ist aber auch diese Lücke in Deutschland im Zeitverlauf stark gestiegen, nämlich um das Dreifache. 2012 lag sie, wie der globale Schnitt damals, bei sechs Prozent. Die einkommensschwächeren Deutschen vertrauen den Institutionen also deutlich weniger als die einkommensstärkeren. Vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen befürchten zudem, dass sie von der wohl größten technologischen Veränderung dieser Jahre, der Künstlichen Intelligenz, nicht profitieren werden. 59 Prozent der Deutschen mit niedrigem Einkommen gaben an, durch die KI noch weiter abgehängt zu werden, während das von den Gutverdienern nur 40 Prozent denken. Wo dieser Vertrauensverlust hinführt, lässt sich in der Wirtschaft besonders gut beobachten. Dort zeigt sich eindeutig ein Hang zum Nationalismus – vor allem in Deutschland. 63 Prozent der Deutschen geben an, Unternehmen mit Sitz in Deutschland zu vertrauen. Unternehmen aus dem Ausland vertrauen dagegen nur 34 Prozent. Einen größeren Vertrauensunterschied zwischen Unternehmen aus dem In- und Ausland gibt es laut der Studie nur in Kanada zu beobachten (31 Prozent). Auch in der Medienwelt blicken viele Menschen zunehmend skeptisch auf Akteure aus dem Ausland. 65 Prozent aller Befragten sorgen sich, dass ausländische Akteure absichtlich Falschinformationen streuen würden, um die Spaltung im Inland voranzutreiben. Zwar teilen in Deutschland nur 58 Prozent der Studienteilnehmer diese Angst, doch sie nimmt stark zu. 2021 waren nur 43 Prozent der Deutschen dieser Meinung. Die Daten aus dem Trust Barometer 2026 verdeutlichen allerdings, trotz der Abkehr vieler Menschen von den Institutionen, dass die Reise vom "Wir" zum "Ich" nicht zwingend bedeuten muss, dass die Menschen nun alles komplett allein schmeißen wollen. Es verändert sich eher, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Denn das "Ich", dem die Menschen vertrauen, beinhaltet immer noch das engste Umfeld: die Nachbarn, die Familie, die Arbeitskollegen, unter Umständen auch die Chefin. Ihnen vertrauen die Befragten heute stärker als noch vor fünf Jahren. Die Institutionen, die das "Wir" ausmachen (also: Regierung, Unternehmen, Medien) sind dagegen die großen Vertrauensverlierer. Vielleicht reicht ein Blick auf John Donne, um zu verstehen, dass das "Wir" trotz dieser Studienergebnisse weiterhin gebraucht werden wird. Das Stück, das mit den Worten "Kein Mensch ist eine Insel" beginnt, geht schließlich noch weiter. Der Tod jedes Menschen schmälere ihn, schreibt Donne, denn er sei ja Teil der Menschheit: "Darum schicke nie jemanden, um zu fragen, für wen die Todesglocke läutet. Sie läutet für dich."