Datum18.01.2026 17:21
Quellewww.spiegel.de
TLDREintracht Frankfurt trennt sich von Trainer Dino Toppmöller aufgrund einer brüchigen Defensive und unzureichender Teamattitüde. Trotz Platz sieben in der Tabelle hat das Team neun Gegentore in drei Spielen nach der Winterpause kassiert. Toppmöller, der 2025 die Eintracht in die Champions League führte, konnte die gewünschten emotionalen und kämpferischen Eigenschaften nicht vermitteln. Dennis Schmitt und Alex Meier übernehmen interimistisch die Trainerposition. Die Probleme im Verein deuten auf tiefere Missstände und eine unzureichende Kaderzusammensetzung hin.
InhaltEintracht Frankfurt trennt sich von Dino Toppmöller. Der Trainer scheiterte an der brüchigen Defensive und an der Attitüde in der Öffentlichkeit wie auf dem Rasen. Doch viele der Probleme am Main liegen tiefer. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Es war ein typischer Satz von Abstiegskandidaten, aber bei einem Champions-League-Teilnehmer. "Wir brauchen ein Erfolgserlebnis, dass die Leinen losgelassen werden." Gesagt hat ihn Frankfurts Trainer Dino Toppmöller am Freitag vor dem Spiel bei Werder Bremen. Aus dem Wörterbuch von Krisenvereinen im Profisport hätte auch noch stammen können: den Bock umstoßen, das Glück erzwingen, den Turnaround schaffen. Was auch immer – die Eintracht schaffte es nicht und spielte bei Werder Bremen mit viel Glück nur 3:3-Unentschieden. Am Sonntag folgte die Trennung von Trainer Toppmöller, die sich über einen Monat lang angebahnt hatte. Dennis Schmitt und der in Frankfurt als "Fußball-Gott" verehrte Alex Meier übernehmen vorerst. Die Eintracht sei "zu der Überzeugung gelangt, dass wir aufgrund der rückläufigen Entwicklung in den letzten Wochen einen neuen sportlichen Impuls brauchen", sagte Sportvorstand Markus Krösche. Jene rückläufige Entwicklung ist klar: Bei der Eintracht fielen nicht nur Worte wie bei einem Abstiegskandidaten, sondern auch Gegentreffer. Neun davon hat Frankfurt in drei Spielen nach der Winterpause kassiert, das Team stellt die schlechteste Defensive der gesamten Liga. Im Frankfurter Tor wurde häufiger eingeschenkt als in den hiesigen Apfelweingaststätten am Samstagabend. Diese Schwäche war der letztlich entscheidende, aber nicht einzige Faktor beim Votum gegen den Trainer. Die reinen Fakten allerdings lassen die Entlassung für Außenstehende erst einmal merkwürdig erscheinen. Frankfurt steht eben nicht am Tabellenende, sondern auf Platz sieben. Toppmöller, dessen Vater einst die Eintracht mit dem "Fußball2000" elektrisierte und der selbst glühender Fan war, führte den Verein 2025 erstmals in der Geschichte über die Liga in die Champions League. Gleichzeitig formte er Stürmer wie Omar Marmoush oder Hugo Ekitiké zu solcher Extraklasse, dass der Klub ungeahnte Millionensummen für ihren Verkauf kassierte. Trotz all der Abgänge und Hürden hat sich Toppmöller gemäß seinem sachlichen und zuvorkommenden Umgang nie öffentlich beklagt. Eine ähnliche Loyalität und Ruhe in den Medienrunden wäre wohl bei seinem Vorgänger Oliver Glasner schwer vorstellbar gewesen. Doch wahrscheinlich war das auch ein Teil des Problems, das man mit einem Zitat von Heiner Geißler am besten beschreiben kann. "In der Politik werden Emotionen Fakten", hat der CDU-Politiker einmal gesagt. Und ähnlich verhält es sich im Fußball. Das Umfeld in Frankfurt war dem Vorgänger Glasner auch von dem Moment an bis heute verfallen, als er bei einem Auswärtsspiel in Piräus einen Ball wutentbrannt auf die Tribüne donnerte. Toppmöller hingegen lieferte zwar in seiner letzten Pressekonferenz in Frankfurt endlich einen entschlosseneren und emotionaleren Auftritt. "Wir müssen die Samthandschuhe beiseitelegen", hatte er beispielsweise gesagt. Doch sowohl an den Mikrofonen als auch auf dem Platz fehlte es an Emotionen. Nicht "Eintracht-like", sei das Auftreten seiner Mannschaft gewesen, formulierten es Offizielle. Zu wenig Entschlossenheit, zu wenig Chuzpe, ja zu wenig Rotzigkeit, die es in dieser selbstbewussten, ja manchmal breitbeinigen Stadt bedarf. Diese Lücke in der Metaphysik (eines der Lieblingswörter von Vorstandssprecher Axel Hellmann) hatte der Klub schon nach Toppmöllers erster Saison beanstandet. Schon damals hatte sich Toppmöller erst in einer Analyse nach der Saison retten können. Fehlender Spielwitz, zu wenig Aggressivität, zu viele Gegentore, Personalwechsel und Verunsicherung. Die Liste der Mängel erklärt die Trennung am Main. Noch beim Abschied zeigte der Geschasste Stil, indem er sich mit den Worten zitieren ließ: "Es war mir eine Ehre. Ich wünsche der Eintracht ruhigere und vor allem erfolgreichere Zeiten", so Toppmöller. Bei aller berechtigter Kritik ließen sich zu seiner Verteidigung aber auch die Hürden für seine Arbeit anführen, die auf tieferliegende Probleme im Klub schließen lassen. Der oft gerühmte "Transfermeister" Eintracht Frankfurt hat jüngst mit der Verpflichtung von Elye Wahi für kolportierte 25 Millionen Euro kolossal daneben gelegen. Plus: Seit Jahren, wohl nach dem Abschied von Vereinslegende Sebastian Rode, braucht diese Mannschaft einen erfahrenen Mann in der Schaltzentrale, der das Team sowohl mitreißt wie auch beruhigt. Auch aus dieser Vakanz resultieren die vielen Gegentore. In der kicker-Winterrangliste für das defensive Mittelfeld stehen gleich 17 Profis, kein einziger von der Eintracht. Alle anderen Klubs vor den Hessen verfügen auf dieser Nukleus-Position über Klassespieler. Neben der Verbindung auf dem Rasen hapert es augenscheinlich an den "glue players" in der Kabine, dem Klebstoff für das Kollektiv. Der mehrsprachige Kevin Trapp hatte die unterschiedlichen Gruppen immer wieder zusammengehalten, heißt es rund ums Team. In der jetzigen Lage gehen sich die Spieler auf dem Rasen immer wieder verbal an. Trapp wurde mehr oder weniger weggelobt nach Paris (auch wenn es offiziell heißt, er habe unbedingt in seine zweite Heimat gewollt), weil die Eintracht in dem Brasilianer Kaua Santos das nächste große Ding auf der Torhüterposition sah. Die Bild konnte bereits im März 2025 von einem Preisschild von über 60 Millionen Euro für den Youngster berichten, der aber noch gar nicht richtig in der Bundesliga angekommen war. Die gleichen Pläne für mögliche Einnahmen gab es auch für Jean-Matteo Bahoya oder Nathaniel Brown. Frankfurt wirkte zeitweise wie ein Aktienmarkt, nicht wie ein Profiteam. Es ging um das dicke Geld in der Zukunft und weniger um die Basiselemente in der Gegenwart. Dennoch versammelt sich in Hessen der wohl teuerste Kader der Frankfurter Historie. Die Anlagen in der Mannschaft sind groß. Wohl deswegen dürfte nicht wenige diese Trainer-Aufgabe reizen. Marco Rose soll über enge Drähte in Frankfurt verfügen, Edin Terzić schon einmal nah an einem Engagement bei der Eintracht gestanden haben. Der eine war zuletzt bei den in Frankfurt ungeliebten Leipzigern, der andere stand früher beim BVB in der Kurve. Von der reinen Vita verkörpern sie weit weniger als Toppmöller das Sehnsuchtsgefühl in Frankfurt: Eintracht-like sein.