Datum18.01.2026 14:52
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani betont in einem Interview, dass Politiker oft die Herausforderungen, die mit der Einwanderung verbunden sind, unterschätzen. Sie beschreibt die inneren Konflikte und die Demütigung, die Einwanderer erleben, wenn sie sich anpassen müssen, ohne ihre eigene Identität zu verlieren. Slimani, die 1981 in Rabat geboren wurde und 2016 mit ihrem Buch "Dann schlaf auch du" berühmt wurde, reflektiert über ihre eigene Identität zwischen zwei Kulturen und warnt vor den langfristigen Schwierigkeiten der Integration.
InhaltDie marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani mahnt: In den Debatten über Migration gehe ein Punkt unter. "Vor allem die Politiker machen sich keine Vorstellung davon, wie anstrengend es ist, einzuwandern." Identität und Fremde, Freiheit und Entwurzelung, die Zerrissenheit zwischen zwei Ländern und Kulturen : Das sind die großen Themen der marokkanisch-französischen Familiensaga der Schriftstellerin Leïla Slimani. Den dritten Band hat sie gerade abgeschlossen und mahnt auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Biografie, nicht zu unterschätzen, vor welchen Herausforderungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stehen. Wenn man gefallen wolle, müsse man wie die Leute vom neuen Ort werden, sagte die 44-jährige Schriftstellerin, die französische und marokkanische Wurzeln hat, der "Süddeutschen Zeitung" vom Wochenende. "Die sind misstrauisch, sie hören ganz genau hin, ob man die Sprache auch wirklich gut spricht, ob man einen Akzent hat, ob man die Nuancen in einem Witz versteht. Es ist demütigend." Man riskiere dabei, die Person zu verlieren, die man vorher gewesen sei, erklärte die Schriftstellerin. "Man fragt sich ständig: Aber was mache ich da? Ist es richtig, dass ich mich so verbiege? Mache ich das nur, um den anderen zu gefallen, oder gefällt es mir selber auch?" In den gesellschaftlichen Debatten zur Migration gehe dieser Punkt unter. "Vor allem die Politiker machen sich keine Vorstellung davon, wie anstrengend es ist, einzuwandern, wie schmerzvoll, wie körperlich, wie viel Zeit das braucht", sagte Slimani. "Die denken: Man wandert ein, Punkt. Dabei dauert es oft zwei Generationen, bis man angekommen ist, bis man Franzose ist, Engländer, Deutscher." Wie sie ihre eigene Identität als Französin und Marokkanerin empfindet, beschrieb die Autorin so: "Natürlich ist es eine Nichtidentität. Die Leute sagen immer zu mir: Was für ein Reichtum, doppelt zu sein! Aber so ist das nicht, ich bin nicht doppelt – ich bin nichts." Slimani zählt in Frankreich zu den bekanntesten Autorinnen der Gegenwart. Sie wurde 1981 in Rabat geboren, studierte und arbeitete in Frankreich und wurde 2016 schlagartig durch ihren verstörenden Thriller "Dann schlaf auch du" berühmt, für den sie den französischen Literaturpreis Prix Goncourt erhielt. Auch ihre nachfolgenden Bücher wurden weltweit übersetzte Bestseller.