Datum17.01.2026 15:20
Quellewww.zeit.de
TLDRHerbert Kickl, der FPÖ-Vorsitzende, zeigt sich bei seiner Neujahrsrede in Klagenfurt optimistisch bezüglich seiner Kanzlerschaft und attackiert politische Gegner scharf. Mit Umfragewerten von 36 Prozent scheint die FPÖ auf dem Vormarsch, während die Regierung an Zustimmung verliert. Kickl propagiert einen Systemwechsel und nimmt eine aggressive, provozierende Haltung gegenüber Zuwanderung und gesellschaftlichen Themen ein. Sein Ziel ist es, die FPÖ weiter auszubauen und eine breite Unterstützung zu generieren, während er fest an die Möglichkeit eines Antretens als Bundeskanzler glaubt.
InhaltHerbert Kickl muss nichts tun, seine FPÖ steigt in den Umfragen auch so. Bei einer Neujahrsrede holt er zum Rundumschlag aus und sieht sich schon im Kanzleramt. Wenn Herbert Kickl ein Mikrofon vor sich hat, tut er das, was er am besten kann: Er teilt politischen Gegnern mit, wie sehr er sie verachtet. Am Samstagvormittag, beim Neujahrstreffen seiner Freiheitlichen Partei in Klagenfurt, steht er auf einer viel zu großen Bühne, mit einem riesigen Videoscreen im Rücken, und holt zum Rundumschlag aus. Es ist sein persönliches Best-of mit alten Kalauern, die wohl jeder im Saal schon kennt – und die sein Publikum in der Messehalle 1, die wie ein Flugzeughangar wirkt, trotzdem immer wieder gerne hört. Kickl spricht von den Systemparteien, davon, dass Österreich einen Systemwechsel brauche und einen Volkskanzler. Also ihn. Er erzählt in süffisantem Ton, dass sein Auto natürlich ein Turbodiesel sei – und behauptet, Österreich und Europa befänden sich im Würgegriff aus Russlandsanktionen und "Klimakommunismus". Die Regierung, die "Verliererampel", kürze derweil bei den Österreichern, aber nicht "bei den Asylanten", da herrsche weiter ein "All-inclusive-Club". Man könnte all das als typische Rede eines Politikers von weit rechts außen abtun, wie es sie mittlerweile so häufig in Europa gibt. Doch in Österreich ist die Lage längst eine andere. Die FPÖ ist keine geächtete Partei, gegen die Rechtspopulisten steht längst keine Brandmauer mehr. Die Freiheitlichen regieren in Bundesländern, sie haben Vizekanzler gestellt und vor zehn Jahren hat einer der ihren um Haaresbreite die Stichwahl zum Bundespräsidenten verloren. Wenn Herbert Kickl spricht, ihre unumstrittene Führungsfigur, redet der Mann, der die Nationalratswahl 2024 überlegen gewonnen hat. In Umfragen liegt er mit seiner Partei bei 36 Prozent und hat gute Chancen, der nächste Bundeskanzler Österreichs zu werden. Die nächste reguläre Parlamentswahl soll erst 2029 stattfinden, aber in Österreich, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, kann man sich da nie so sicher sein. Bis dahin hat Herbert Kickl den angenehmsten politischen Job im Land. Er lebt den Traum vieler Menschen: minimaler Aufwand, maximaler Ertrag. Während er die Füße stillhält, eilt er von einem Umfrageerfolg zum nächsten. Als Generalsekretär unter Heinz-Christian Strache hat Kickl quasi täglich die anderen Parteien sekkiert. Jetzt postet er Bilder von sich beim Klettern oder im Wald, wie jemand, der seine Work-Life-Balance genießt. Quasi nebenbei kann er genüsslich verfolgen, wie die Werte von Bundeskanzler Christian Stocker und dessen ÖVP kontinuierlich sinken und wie sich die SPÖ (mal wieder) in einer Personaldebatte verheddert. Und was Neos und Grüne so treiben, kann ihm schon immer ziemlich egal sein. Egal, wann und wie man fragt: An Herbert Kickl und seiner FPÖ auf Platz eins führt momentan kein Weg vorbei. Weil es unter dem politischen Personal schon lange keine ernsthaften Herausforderer mehr gibt, greift der unterzuckerte Boulevard schon zu Fantasie-Umfragen: Was wäre, wenn die beiden ewigen Schattenkanzler gegen Herbert Kickl antreten? Und siehe da: Selbst eine ÖVP mit Sebastian Kurz an der Spitze hätte keine Chance. Sogar eine Rückkehr des einst als "Alpen-Obama" gefeierten Christian Kern als Parteichef würde zwar die Sozialdemokratie beflügeln – aber gegen Kickl wäre trotzdem kein Kraut gewachsen. Natürlich, bis zum nächsten regulären Wahltermin vergehen noch einige Jahre, trotzdem sind die Umfragehochs mehr als nur kurze Blitzlichter. Die Werte sind erstaunlich stabil, es sieht nicht so aus, als würde sich daran bald etwas ändern. Weil die Popularität der Regierung nicht und nicht steigen will. Und weil die FPÖ als Oppositionspartei einstweilen gar nicht in die Verlegenheit kommen kann, große Fehler zu machen. Wer nicht in Verantwortung ist, kann die Schuld an allem immer anderen geben und sich nach Herzenslust austoben. Dass die Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP im vergangenen Februar scheiterten, war vermutlich das Beste, was Kickl bisher passiert ist. Eine blaue Kanzlerschaft hätte die Gefahr einer Überdehnung der Freiheitlichen mit sich gebracht. Wäre damals überhaupt genügend qualifiziertes Personal zur Verfügung gestanden, um alle Positionen zu besetzen? Wäre man aufgerieben worden zwischen den neuen Aufgaben und der sprunghaft gewachsenen Partei, die nach der Wahl 2024 nicht mehr nur 31, sondern 57 Abgeordnete stellte? Dazu hätte Kickl noch ein marodes Budget verantworten müssen, wo Rechtspopulisten doch so gerne Geld verteilen. So oder so: Es wäre zumindest schwierig geworden, das wussten damals auch die Entscheider in der FPÖ. Da ist die derzeitige Position schon um einiges angenehmer. Ebenfalls hilfreich: der warme Geldregen, den die Parteienförderung bringt. Keine andere Parlamentspartei steht finanziell besser da, die FPÖ hat laut Rechenschaftsbericht ein "Reinvermögen" von 6,37 Millionen Euro. Und sie hat viel Zeit, um Strukturen aufzubauen, dort, wo man bislang zwar Wahlerfolge gefeiert hat, aber personell nicht sonderlich stark war: auf dem Land, in Kommunen, in kleinen und mittelgroßen Städten. Früher brauchte man dort Überzeugungstäter, heute winkt die Aussicht auf bezahlte Posten. So kann sich Kickl über die nächsten Jahre ein Netz im ganzen Land aufbauen. Das Wachstum der Freiheitlichen war bislang ruckartig, man kam rasch in Regierungen, schaffte es nicht in die Breite – nur um die Erfolge bald wieder zu pulverisieren. Im Jahr 2005 war das so, als sich Jörg Haider mit seinem BZÖ abspaltete, und 2019, als das Ibizavideo die Regierungsbeteiligung beendete. Beide Male war die Partei nur noch ein Scherbenhaufen ohne Fundament. Mittlerweile hat sie eine Gegenöffentlichkeit aufgebaut, ein blaues Paralleluniversum, das sich selbst genug ist. Schon viele Jahre lang läuft FPÖ TV, dazu kommen andere weit rechts stehende Medien. Seit heute existiert auch ein eigener freiheitlicher Radiosender: Austria First. Die nächste Erweiterung der parteieigenen Filterblase, die längst wichtiger ist für die FPÖ als herkömmliche Zeitungen, TV-Sender, ja sogar als der öffentlich-rechtliche ORF. Gerade waren die Parteichefs zum Jahresauftakt-Gespräch in die ZiB2 eingeladen – ein Termin, den man früher nicht auslassen konnte. Wer kam nicht? Herbert Kickl. Er hat das ganz einfach nicht mehr nötig. In Klagenfurt hat sich Herbert Kickl mittlerweile in Rage geredet. Eine gute Stunde spricht er schon, und wie immer braucht es zumindest Grundkenntnisse des österreichischen Vokabulars, um jede Beschimpfung zu verstehen. Zum Beispiel, wenn er die Regierungsmitglieder als "Wapplertruppe" bezeichnet. Dann aber holt er noch einmal aus für den ganz großen Bogen: Die FPÖ müsse weiter wachsen, die Umfragewerte seien zwar gut, aber das Ziel sei noch mehr. Denn Kompromisse wolle er nicht mehr eingehen. Der politische Islam gehöre verboten, die Zuwanderung gestoppt, "27 Wischiwaschi-Geschlechter" brauche auch keiner, zwei genügten, und es brauche "Remigration". Das Wort aus dem rechtsextremen Vokabular benutzt Kickl schon länger. Aus Überzeugung, aber vor allem als Provokation. "Da können sie schon die Nase rümpfen, die Gutmenschen vom Dienst", sagt er. So spricht er also, der Mann, der im vergangenen Jahr fast Bundeskanzler geworden wäre. Und der sich anschickt, es in den nächsten Jahren tatsächlich zu werden. Erst dann, wenn er ins Kanzleramt einziehe, ruft er auf der Bühne in Klagenfurt, werde Österreich wieder aufsteigen. Einen Namen hat er schon für sein Vorhaben: den "Phönixplan". Wie Phönix aus der Asche. Antike Heldengeschichten, darunter macht es das Selbstbewusstsein eines Herbert Kickls nicht mehr.